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Halle

DER SCHÖNE SCHEIN

Die Uraufführung des Balletts „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa an der Oper in Halle



Dem Ballettdirektor ist es erneut gelungen, mit dieser Kreation einen besonderen Akzent zu setzen und Theater mit den Mitteln des Tanzes herzustellen.


  • „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa Foto © Anna Kolata
  • „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa Foto © Anna Kolata
  • „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa Foto © Anna Kolata
  • „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa Foto © Anna Kolata

Sie hieß Marie Duplessis, sie war eine außergewöhnliche Schönheit, diese zarte junge Frau, die man von einem Porträt mit Kamelie kennt, das 1847, kurz vor ihrem Tod mit nur 23 Jahren entstand. Diese historische Kameliendame zog Männer an, sie starb an der Schwindsucht, zu ihren Verehrern gehörte der Schriftsteller Alexandre Dumas, der Jüngere. Sein Roman „Die Kameliendame“, in dem Marie Duplessis zu Marguérite Guthier wurde, wurde sein populärstes Werk. Als er das Schicksal der Pariser Kurtisane 1851 als Theaterstück auf die Bühne brachte, wurde es von der Zensur verboten, unter den Zuschauern war Giuseppe Verdi, zwei Jahre später kam seine Oper „La Traviata“ in Venedig heraus, aus Marie, bzw. Marguerite wurde Violetta, und „Violetta“ hieß auch das erste Ballett nach diesem Stoff, 1857 in Rom aufgeführt.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts – nun unter dem Titel des Romans – kommen mehrere Ballette heraus. Die großen Namen der Choreografen sind Antony Tudor, Maurice Bejart, Pierre Lacotte. Schon 1943 in Dresden brachte Rosalia Chaldek ein Ballett mit Musik von Chopin heraus, wie dann auch John Neumeier 1978 in Stuttgart. Frederik Ashton schuf sein Ballett „Marguerite an Armand“ 1963 zur Musik von Franz Liszt, der selbst zu den Verehrern jener Pariser Kameliendame gehörte. Jetzt erneut eine Uraufführung, ein Ballett von Ralf Rossa, an der Oper Halle.

Ralf Rossa ist bekannt dafür, dass er Geschichten erzählen kann. Und wenn es darum geht, einer Geschichte, die man zu kennen meint, neue Akzente zu geben, dann wird bei ihm auch nicht der Zeigefinger erhoben. Er vermag es, die Situationen der Menschen in großer Zuneigung tänzerisch sensibel zu gestalten. Situationen, in die sie geraten, vor denen sie flüchten wollen – was oftmals nicht gelingt. Das ist auch das Schicksal der Marguerite Gauthier: gefeiert, verehrt und verlassen, benutzt und weggeworfen. Ihr tragischer Irrtum: Bei denen, die sie benutzen, kämpft sie um Anerkennung, erreicht diese jedoch nur für Momente in brüchigen Scheinsituation. Alles eskaliert in der Begegnung mit jenem Armand, dem es wiederum nicht gelingt, sich aus genau diesen Konventionen zu befreien, die Marguerite für sich anstrebt, die ihn aber unfrei machen, was die Beziehung zum Scheitern verurteilt.

In seiner zweiteiligen Fassung zu Musik von Tschaikowski und Rachmaninow konzentriert sich Ralf Rossa in knappen Szenen und dynamischem Verlauf auf bestimmte Linien der Handlung. Für ihn bedarf diese scheinbar so alte Geschichte, aus einer Zeit, die vergangen ist, auch keiner optischen Aktualisierung. In den Bühnenbildern von Matthias Höning, mit den Kostümen von Mechthild Feuerstein, erstehen Bildwelten des schönen Scheins, in denen Menschen elend zugrunde gehen oder den Konventionen folgen, statt dem eigenen Herzen. So wie jener Armand, der dann in Selbsthass, in blindem Anfall von Wut, Marguerite auf gemeinste Weise erniedrigt. Wenn er seinen Irrtum erkennt, ist es zu spät.

Mit Yuliya Gerbyna als Marguerite Gauthier und Michal Sedláček als Armand Duval sind in Halle zwei glaubwürdige und vor allem tänzerisch überzeugende Darsteller bei nicht gerade geringen Ansprüchen der Choreografien zu erleben. Die positive Eindruck wird befördert durch eine kluge Dramaturgie, korrespondierend mit der in leider nicht zu akzeptierender, schlechter Tonqualität zugespielten Musik. In Ausschnitten aus der zweiten und sechsten Sinfonie von Tschaikowski, der Streicherserenade, einer weniger bekannten Suite für Orchester, Elegien, Meditationen und einem Nocturne etwa, sind vor allem melancholische Klänge bestimmend. Auf den Festen, zum Walzer aus „Eugen Onegin“, dominieren schwebende, luftige Figuren des Tanzes, zur Polonaise dann, im zweiten Teil des Balletts, eher strengere Bewegungen, die fast an einen schreitenden Totentanz gemahnen.

Auf diesem Hintergrund bestechen die beiden Protagonisten als charaktervolle Tanzdarsteller vor allem in stets handlungsbezogenen Varianten der Kunst des Pas de deux oder in monologischen Solovarianten mit nach Innen gerichtetem Blick. Bei Marguerite, bei den Tänzerinnen der Paare auf den Bällen, setzt der Choreograf dramaturgisch begründet die Spitzentanzkunst ein. Im Gegensatz dazu, in der Szene auf dem Lande, auf der Flucht in die vermeintliche Freiheit, die sich als trügerische Idylle erweist, gelingen Szenen von bodenständiger Leichtigkeit bei anspruchsvoller Technik auf halber Spitze.

Insgesamt erlebt man so eine choreografische Inszenierung. Ballett und Tanz fügen sich zu starken Szenen, etwa in der Auseinandersetzung Armands mit seinem von Andriy Holubovsky getanzten Vater, der ihn zwingt, die Beziehung zu Marguerite zu beenden, um sich ihr daraufhin selbst in erotisch ambivalenter Haltung zu nähern. Oder wenn Armand in der ersten Liebe Marguerite für einen Moment wiegt wie ein Kind – am Ende wird er die Sterbende so in seinen Armen halten.

Am Ende große Begeisterung bei auffällig vielen jungen Leuten im jubelnden Publikum. Stürmischer Applaus für die vornehmlich individuell geführten sieben Paare des Balletts. Bei den Solistinnen und Solisten müssen unbedingt Johan Plaitano als Marguerites Verehrer Gaston Rieux und Denise Dumröse als Madame Flora genannt sein. Ralf Rossa ist es erneut gelungen, mit dieser Kreation einen besonderen Akzent zu setzen und Theater mit den Mitteln des Tanzes herzustellen. Theater als Ort sensibler Berührung, nicht zu verwechseln mit Rührung. Gut, dass es so etwas gibt.

Veröffentlicht am 14.11.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018

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