HOMEPAGE



Ludwigshafen

DAS GROßE RENNEN

Das Ballet du Nord mit „Auguri“ von Olivier Dubois bei den Ludwigshafener Festspielen



Mit diesem Beitrag zu den Ludwigshafener Festspielen wird einmal mehr der Begriff des modernen Tanzes sozusagen an den Rändern ausgeweitet.


  • "Auguri" von Olivier Dubois Foto © Anja Beutler
  • "Auguri" von Olivier Dubois Foto © Anja Beutler

Die Auguren im alten Rom konnten aus dem Flug der Vögel, aus ihrem Schwirren, ihren Stimmen und der Schwarmbildung Voraussagen für die Zukunft ableiten. Der französische Choreograf Olivier Dubois bringt in seiner jüngsten Arbeit „Auguri“ 22 TänzerInnen zumindest an die Grenze des Fliegens: durch im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubendes Rennen. Aber die Voraussagen für die Zukunft, die sich aus diesem wuchtigen Stück ergeben, sind eher pessimistisch.

Es fängt ganz langsam an: In tiefer Dunkelheit mit einer herzschlagähnlichen Geräuschkulisse (Fançois Caffenne) schälen sich einzelne Gestalten aus blauen Mini-Containern. Es sind keine typischen Tänzer, die Dubois für seine Produktion engagiert hat, sondern ganz unterschiedliche Darsteller, die eines gemeinsam haben: Sie müssen rennen können. Denn das Stück steigert sich kontinuierlich und gnadenlos vom Dunkel in gleißendes Licht, pulsierendem Bass zur intensiven Klangkulisse, vom Laufen ins Rennen. Für einen langen Zeitraum lässt das akribisch konstruierte Stück keine Berührungen aufkommen – geradezu artistisch werden Beinahe-Zusammenstöße und Stürze vermieden.

Es gibt eine kurze Phase aufkommenden Glücksgefühls: Einzelne Läufer, weiblich wie männlich, beginnen mit einer signifikanten Veränderung des Laufstiles. Statt der Beschleunigung steht ein Auskosten der großen Schwebephase mit federndem Landen jedes Schrittes im Fokus. Aber das Innehalten im Tempo währt nicht lange – zu groß ist die immer wieder eingesetzte, alles überspielende Höchststeigerung der Geschwindigkeit. Kurz blitzen menschliche Versuche zur Schwarmbildung auf, ein Verweben von Körpern miteinander. Alle Individualtiät, ja die Grenzen der Körper scheinen aufgehoben, eine eher beängstigende Vision. Zaghafte Versuche der Paarfindung scheitern am Tempo, das keinen Raum für das Ausloten von Zweisamkeit bietet. Sich anrempeln und gegenseitig zu Fall bringen klappt dagegen ganz einfach – bis die Darsteller in die Dunkelheit zurückkehren, aus der sie gekommen sind. Das große Rennen, so demonstriert der Choreograph eindringlich, führt am Ende zu Nichts.

Mit diesem Beitrag zu den Ludwigshafener Festspielen wird einmal mehr der Begriff des modernen Tanzes sozusagen an den Rändern ausgeweitet. Das Pfalzbau-Publikum war vom hohen Energielevel der TänzerInnen spürbar gefangen; für emotional gefärbte Begeisterung eignet sich „Auguri“ indessen nicht. Dafür ist das Stück zu düster – und die Machart demonstrativ distanziert.

Veröffentlicht am 10.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 1885 mal angesehen.



Kommentare zu "Das große Rennen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    DEM RUF GEFOLGT

    Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg
    Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


    WENN DER KAPITÄN VON DER BRÜCKE GEHT


    Guiseppe Spota und Johan Inger erzählen im neuen Mannheimer Tanzabend von Verlusten
    Veröffentlicht am 16.01.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SASHA WALTZ - ALLEE DER KOSMONAUTEN

    Volksbühne Berlin 2. März 2019, 20 Uhr 3. März 2019, 18 Uhr
    Veröffentlicht am 16.01.2019, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    100 JAHRE BAUHAUS. DAS ERÖFFNUNGSFESTIVAL

    Ein Feuerwerk der Künste in Berlin zum Auftakt des Bauhausjubiläums 2019

    Programm des internationalen Eröffnungsfestivals, das vom 16.– 24. Januar 2019 in der Akademie der Künste, Berlin, das Jubiläumsjahr mit einem Feuerwerk der performativen Künste eröffnet.

    Veröffentlicht am 02.11.2018, von Anzeige

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DIE NEGATIVE UTOPIE WIRD POSITIV

    Anna Konjetzky zeigt "The Very Moment" an den Münchner Kammerspielen.

    Veröffentlicht am 23.12.2018, von Karl-Peter Fürst


    SPANNUNG UND ENTSPANNUNG

    Fotoausstellung und Performance von Stefan Maria Marb im Gasteig München

    Veröffentlicht am 18.12.2018, von Vesna Mlakar


    WILL ADOLPHE BINDER IHREN JOB ZURÜCK?

    Die Ex-Intendantin des Tanztheaters klagte am 13.12.2018 erfolgreich

    Veröffentlicht am 13.12.2018, von tanznetz.de Redaktion


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    EINSTIEG AUF HOHEM NIVEAU

    Das Bayerische Staatsballett erobert sich erneut John Neumeiers „Nussknacker“

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP