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Wien

VERY BRITISH IN WIEN

Das Staatsballett zeigt Kreationen von Kenneth MacMillan, Wayne McGregor und Frederick Ashton



Ein klug disponierter Ballettabend, der auch etwas über die letzten 50 Jahre britischer Tanzgeschichte erzählt.


  • „Marguerite and Armand“ von Frederick Ashton Foto © Ashley Taylor
  • „Marguerite and Armand“ von Frederick Ashton Foto © Ashley Taylor
  • „Eden I Eden“ von Wayne McGregor Foto © Ashley Taylor
  • „Eden I Eden“ von Wayne McGregor Foto © Ashley Taylor
  • „Concerto“ von Kenneth MacMillan Foto © Ashley Taylor
  • „Concerto“ von Kenneth MacMillan Foto © Ashley Taylor

Der Moderne gebührt die Mitte. Mit „Eden I Eden“ von Wayne McGregor, 2005 vom Stuttgarter Ballett uraufgeführt, steht der jüngste der drei Vertreter britischer Ballett- und Tanzkunst nach MacMillans „Concerto“ von 1996, und vor Ashtons „Marguerite and Armand“ aus dem Jahre 1963, im korrespondierenden Mittelpunkt dieses klug disponierten Ballettabends.

Zur Musik des dritten Aktes, „Dolly“ – bezogen auf das geklonte Schaft – aus Steve Reichs Video-Oper „Three Tales“, stellt McGregor die Frage nach der Verlorenheit des menschlichen Körpers in einer Welt, in der das Rationale, das Logische und das Analytische vorherrschen. Diese Verlorenheit wird optisch eindrücklich auf der weiten, leeren Bühne, wenn die neun Tänzerinnen und Tänzer zunächst wie geklonte Wesen, einheitlich in Kostüm und Maske, in Blitzschnelle aus dem Boden wachsen, vor einem längst seiner Blätter entledigten Baum des Gartens Eden, der sicher keine Früchte mehr tragen wird. Wie sehr sich der Tanz dazu eignet, einer solchen Thematik Ausdruck zu geben, zeigt sich immer dann, wenn die Tänzerinnen und Tänzer ihre Individualität nicht den strengen und sehr technisch dominierten Ansprüchen der Choreografie opfern. Somit, und dies mag man als bewusst gesetztes Zeichen der Hoffnung wahrnehmen, erschafft der Tanz bei aller Strenge der Vorgaben doch immer wieder die Momente der individuellen, menschlichen und persönlichen Freiheit.

Am Beginn dieses britischen Abends gibt es in Wien mit Kenneth MacMillans Kreation „Concerto“ zu Dmitri Schostakowitschs zweitem Klavierkonzert (mit dem Solisten Igor Zapravdin und Valery Ovsyanikov am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper), eine Hommage an George Balanchine. So wie er bekennt sich auch MacMillian in dieser Choreografie, die besonders in den solistischen Passagen höhst sensibel den musikalischen Vorgaben folgt dazu, dass die Musik der Boden sei, auf dem getanzt wird. So begeistern im ersten, rhythmischen und sehr tänzerischen Satz des Konzertes von Schostakowitsch als Solisten Nikisha Fogo und Denys Cherevychko. Befremdlich wirkt dagegen, dass die Choreografien für das Corps de ballet mit semi-solistischen Varianten seltsam formal bleiben.

Auch im zweiten, vom romantischen Geist geprägten Satz des Konzerts sind den Solisten diese wunderbaren, lyrischen Passagen im Pas de deux vorbehalten, und werden mit entsprechender Anmut von Nina Poláková und Roman Lazik getanzt. Den dritten Satz, das Rondo, eröffnet die Solistin. Alice Firenze setzt mit ihrem lebhaften, doch nie übertriebenen Gestus einen besonderen Höhepunkt, bevor dann der Reigen der Gruppe mit einem großen Finale à la Balanchine den ersten Teil des Abends beschließt.

Und wie so oft, das Beste zum Schluss. Nach 40 Jahren wieder in Wien: „Marguerite and Armand“ von Frederick Ashton. Damals wurde die Premiere beim Ballett der Staatsoper und in drei weiteren Aufführungen von Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew getanzt, für die Ashton das Ballett 1963 in London kreierte. Jetzt sind in Wien Liudmila Konovalova als Marguerite und Jakob Feyferlik als Armand erfolgreich mit diesen so anspruchsvollen Rollendebüts zu erleben. Angelehnt an den Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas konzentriert sich Ashtons kurzes Ballett in einem intensiven Kammerspiel in der Kunst des auf die Handlung bezogenen Pas de deux, ganz auf Marguerite und Armand.

Er erzählt in einer Rückblende die Stationen glücklicher wie unglücklicher Erinnerungen dieser von Beginn an zum Scheitern verurteilten Beziehung: Der Tod diktiert den Tanz. Wie in einer Traumsequenz erscheint Armand in einem Solo der sterbenden Marguerite, worauf ein wunderbares Duo glücklichen, tänzerischen Übermutes folgt, darauf ein Höhenflug der Hoffnung mit dem grausamen Absturz aus Verzweiflung und Erniedrigung und dem zutiefst berührenden Spitzentanz der Einsamkeit. Am Ende der Tanz mit dem Tod, in den Tod, nach letztem, zärtlichen Widerstand Marguerites in Armands Armen.

Dass Ashton die Klaviersonate in h-Moll von Franz Liszt wählte, erschließt sich zum einen musikalisch, zum anderen historisch und inhaltlich, denn Liszt gehörte in Paris zu den Liebhabern jener Marie Duplessis, deren Schicksal Dumas zu seinem Roman anregte. Das musikalische Arrangement für Klavier und Orchester von Dudley Simpson, in Wien gespielt von der Solistin Shino Takizawa, wirkt allerdings weniger überzeugend. So ganz überzeugen können auch die Bühnendekorationen und die Kostüme von Cecil Beaton, insbesondere für die Gruppe der Verehrer der Marguerite, nicht mehr. Da muss man bereit sein, dem Geschmack der Zeit einen gewissen Respekt zu zollen, was auch nicht so schwer fällt, denn die tänzerischen Leistungen von Liudmila Konovalova und Jakob Feyferlik verweisen jene Äußerlichkeiten in den Hintergrund.

Veröffentlicht am 07.11.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018

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