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Berlin

„WE CAN BE SHEROES!“

Christoph Winkler zerpflückt in "Sheroes" männliches Heldentum



Die Berliner Premiere der Koproduktion vom Schauspiel Leipzig und Ballhaus Ost Berlin.


  • "Sheroes" von Christoph Winkler Foto © Rolf Arnold
  • "Sheroes" von Christoph Winkler Foto © Rolf Arnold
  • "Sheroes" von Christoph Winkler Foto © Christoph Winkler

„Who let the dogs out? Who?” raunt es zu Beginn von Christoph Winklers „Sheroes“ dem Publikum in einer A capella-Version des One-Hit-Wonders Baha Men entgegen – Wolfsgeheul der sechs Performerinnen inklusive. Die Frage zielt auf jene sich schlecht benehmenden Hunde, die viel zu oft die Helden unseres Patriarchats abgeben.

Doch schieben wir für einen Moment die Hunde, pardon die vermeintlichen Helden beiseite. Welche Rollenbilder bleiben in so einer Welt der Hunde eigentlich übrig für das weibliche Gegenstück, die Heldin oder Heroine? Zwischen (wie sollte es anders sein) jungfräulicher Nationalheldin, männermordender Amazone und der Selbstaufgabe einer Mutter gäbe es für den jüngsten Nachwuchs hochaktuell noch die Variante rosafarbener Schlafanzug mit dem Aufdruck „Daddy is my superhero“ im Angebot. Die blaue Variante plädiert indes „Be your own superhero“, aber das nur als Randnotiz.

„Sheroes“ unterbreitet seine Vorschläge zunächst im Konjunktiv: „Wir könnten jetzt eine Szene machen, etwa, eine Frau und ein Mann begegnen sich nachts im Park, sie bricht ihm kurzerhand das Genick. Oder, ein Mann steht in seiner Mittagspause in der Teeküche, seine Chefin kommt vorbei und tätschelt ihm subtil und doch unmissverständlich am Arsch. Aber das wüssten wir ja alle schon längst,“ richtet eine der Performerinnen ihre Worte ans Publikum. Christoph Winkler setzt in seiner im Februar diesen Jahres am Schauspiel Leipzig uraufgeführten Produktion durch häufige Licht-, Musik-, Themen- und Darstellerinnenwechsel auf klar abgegrenzte Szenen: Er versammelt Körper, die sich zu Technobeats in Ekstase zucken, klanghölzerne Rhythmen etablieren oder Atempausen einlegen zur Einübung des Augenblicks, in dem schließlich ein Körperteil zur Protagonistin von Bewegung werden soll. Eine der Performerinnen wählt konsequent ihre Vulva, so scheint es. Das Bewegungsrepertoire changiert auf der einen Seite zwischen präzise choreografierten, synchron aufeinander abgestimmten Passagen in ‚klassisch’ zeitgenössischer Bühnentanzmanier – über Gewichts- und Schwerpunktverlagerungen bewegen sich dabei die Performerinnen durch den Raum und häufig über den Boden. Auf der anderen Seite deuten sich in einer Art Street Dance teils ‚Battleformationen’ an, teils treten die Tänzerinnen auch spielerisch miteinander in Kontakt. Neben den starken Soli etwa von Lois Alexander, die es schafft atmosphärische Spannung gerade in jenen Momenten zu halten, in denen ihre raumgreifenden Bewegungen retardieren oder Dagmar Dachauers marionettengleicher Auftritt, der Arme und Beine in ihren Bewegungen fremdgesteuert erscheinen lässt, bleibt auch jene Szene in Erinnerung, in der Sophie Lèbre auf einen der Baumstümpfe stehend den Ton vorgibt – ihren Oberkörper dabei weit hintenüber gebeugt. Schließlich löst sie diesen Moment mit der ebenso chorisch wie rhetorischen Aufforderung ans Publikum „All the woman, who are independent, throw you hands up at me“ auf.

Es geht eben nicht um ein weibliches Pendant, um die Heldin, die den Raum einnimmt, den der Held zuerst erschloss und dann unbeachtet fallen ließ. Diese Heldin wird im Laufe der Aufführung Szene um Szene zu Recht zu Grabe getragen. „Sheroes“ wagt in seiner szenischen Suche einen Schritt zur Seite und stellt Rollenangebote ins Zentrum, die zugleich nie in einer klaren Kontur aufgehen. Ist das jedoch nicht ohnehin die Errungenschaft gerade des zeitgenössischen Tanzes und körperbasierter Performancekunst, Wahrnehmungsweisen auf Körper, Mensch, Geschlecht und all jener damit einhergehenden naturalisierten Klischees herauszufordern? Was „Sheroes“ jedoch mit ernsthaftester Ironie auf die Bühne bringt, drängt vordergründig in unser aller Alltag: ein patriarchaler Zeitgeist, der schlechte Popsongs und alternativlose Lebensentwürfe manifestiert. Am Ende setzt ein Axthieb auch Aretha Franklins „Like a natural woman“ ein abruptes Ende. Die Bühne taucht in absolutes Schwarz und es folgt zustimmender Applaus. Das sechsjährige Mädchen vor mir in der ersten Reihe gibt Standing Ovations.

„Sheroes“ ist noch am 04. und 05. November 2017 im Ballhaus Ost, Berlin zu sehen.

Veröffentlicht am 04.11.2017, von Maria Katharina Schmidt in Homepage, Kritiken 2017/2018

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