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Freiburg

HERZWEH

Die L-E-V Dance Company gastiert mit dem preisgekrönten „Love Chapter 2“ in Freiburg



Liebe, Trennung und Neuerfindung sind aus dem Themenschatz von Sharon Eyal kaum wegzudenken, weswegen „Love Chapter 2“ auch als eine Art interne Schmerzbewältigung gelesen werden kann.


  • „Love Chapter 2“ von Sharon Eyal Foto © André Le Corre
  • „Love Chapter 2“ von Sharon Eyal Foto © André Le Corre
  • „Love Chapter 2“ von Sharon Eyal Foto © André Le Corre

Herzschmerz, Emotionen und Liebe sind die thematisch-choreografischen Steckenpferde der israelischen Tanzkompanie L-E-V (hebräisch für Herz). In ihrem so wunderbaren und vogeloiden Tanzstil bewegen sich die sechs TänzerInnen und sind dabei hochkonzentriert. In hautengen, hautfarbenen Bodies und mit schwarzen Socken bekleidet kreisen sie zur live eingespielten Musik des Kompanie-DJs Ori Lichtik über die Bühne. Aus der Hüfte, aus den Armen, aus dem gesamten Körper zirkulieren ihre Agilität und ihre besonderen Bewegungen in den Raum hinein. Jede Szene wiederholt sich oder wird später abgewandelt getanzt. Mal verlässt einer der Sechs die Gruppe, mal sind es zwei, die sich kurzzeitig abkapseln und Eigenes tanzen. Doch kommen sie schnell wieder zusammen und führen voller Energie ihre Choreografie fort.

Die TänzerInnen stellen vielleicht dar, was wohl nach dem Zerbrechen einer Liebesbeziehung geschieht: Trauern, hinterherrennen, versöhnen, lieben, streiten, wieder trennen. Ein Reigen des alltäglichen und lieblichen Schmerzes, denn eine durch Zwänge gestörte Liebesbeziehung (engl. Obsessive-Compulsive-Disorder Love) wird man wohl nie so schnell auflösen können. „Love Chapter 2“ ist eine Fortführung Kreation „OCD Love“, die 2015 in Tel Aviv ihre Premiere hatte und seitdem Zuschauer auf der ganzen Welt beeindruckt. Den Rest des Jahres tourt L-E-V damit noch in Nordamerika und Kanada.

Erstmals zeigte die Tanzkompanie der hochgelobten, israelischen Choreografin Sharon Eyal ihr neuestes Werk „Love Chapter 2“ im Juli dieses Jahres beim 37. Festival Montpellier Danse. Sie erhielten Standing Ovations und den mit 100.000€ dotierten Fedora – Van Cleef & Arpels Prize for Ballett, der wahrscheinlich eher an „OCD Love“ gehen sollte. Doch war das leider schon zu alt, etwas Neues musste her und nun gastiert L-E-V mit dem Preisstück „Love Chapter 2“ bei den Koproduzenten, zu denen auch das Theater Freiburg gehört.

Und in Freiburg tut sich was. Seit dieser Spielzeit ist Peter Carp der neue Intendant und hat ein hochmotiviertes Team mitgebracht. Für die Gastspiele im Tanz, denn ein eigenes Ensemble gibt es nicht, ist Adriana Almeida-Pees verantwortlich. Die Tanzkuratorin hat sich „viel vorgenommen“, wie sie der Badischen Zeitung mitteilt und will „herausragende Choreografen der internationalen Tanzszene“ präsentieren. Gleich in der ersten Spielzeit begrüßt Freiburg beispielsweise Lisbeth Gruwez, Emanuel Gat und eben die L-E-V Dance Company.

Diese wurde 2013 von der langjährigen Batsheva-Tänzerin und -Choreografin Sharon Eyal zusammen mit ihrem Kunst- wie Lebenspartner Gai Behar gegründet. Sie ist in den letzten Jahren ohne Umschweife ins öffentliche Bewusstsein geschossen, mittlerweile unglaublich erfolgreich und weltweit gefragt. Da muss man liefern, die Leute wollen was sehen, vor allem nach dem fulminanten „OCD Love“. „Love Chapter 2“ ist in nur sechs Wochen in Proberäumen auf der ganzen Welt verteilt entstanden. Das muss jedoch nichts heißen, da die Kompanie sowieso über kein eigenes Studio verfügt. Aber Zeitdruck ist selten ein guter Motor für die tiefgehende und kreative Auseinandersetzung über das Leben und vor allem über die Liebe gewesen.

Die L-E-V Dance Company hat sich schnell entwickelt, was mit der ihnen entgegen gebrachten Aufmerksamkeit zusammenhängen mag. Sharon Eyal hat dieses Jahr nicht nur für das Royal Swedish Ballett choreografiert, sondern auch einen Auftrag vom Staatstheater Mainz für tanzmainz erhalten. „Soul Chain“ für 17 TänzerInnen feierte erst kürzlich Premiere – und der Applaus hallt immer noch nach. Das Ensemble hat sich ebenfalls geändert und von einigen Tänzern getrennt; vom phänomenalen Doug Letheren zum Beispiel. Er hat Sharon Eyal für eine andere Grande Dame des Tanzes verlassen und ist seit dieser Spielzeit am Tanztheater Wuppertal Pina Bausch engagiert.

Liebe, Trennung und Neuerfindung sind aus dem Themenschatz von L-E-V kaum wegzudenken, weswegen „Love Chapter 2“ auch als eine Art interne Schmerzbewältigung gelesen werden kann. Beinahe programmatisch beschreibt Eyal das Stück selbst als eines über „Verlustschmerz und mentale Erschöpfung“ und „this creation is a reason to cry“. Es ist weniger explizit als die anderen, äußerst kraftvollen Tanzstücke. Weniger abwechslungsreich als „Sara“ oder „Killer Pig“. Nicht so düster und sexy wie „House“, „L-E-V Night Show“ und „OCD Love“. „Love Chapter 2“ ist repetitiv, besteht beinahe aus Versatzstücken des tänzerischen Oeuvres und ist ein wenig wie die Farbe der Kostüme: fleischfarben. Somit stehen allerdings die Körper im Vordergrund und es gibt Zeit, sich Gon Biran, Darren Devaney, Mariko Kakizaki, Keren Lurie Pardes und Daniel Norgren-Jansen ganz genau anzusehen. Vor allem die tolle Rebecca Hytting, die nicht mehr von L-E-V wegzudenken ist. Sie steht Sharon Eyal mittlerweile auch als choreografische Assistenz zur Seite. Rebecca Hytting ist zudem eine der wenigen TänzerInnen – neben Gon Biran und Léo Lérus – die seit der Gründung in der Kompanie tanzen.

L-E-V, das ist Sharon Eyal. Sie ist Kopf und Herz der Kompanie und es sind ihre Visionen, die auf der Bühne von den TänzerInnen verkörpert werden. Vielleicht braucht sie mal eine Pause, damit nicht wieder zwischen Tür und Angel etwas entsteht, das viel grandioser hätte sein können.

Veröffentlicht am 01.11.2017, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2017/2018

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