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Leipzig

DAS ENDE IST MUSIK

An der Oper Leipzig lässt Mario Schröder Bachs Johannes-Passion choreografisch auferstehen.



Schröder zeigt den Menschen in der Zirkulation der Zustände: zwischen Suchen und Erkennen, Verblendung, Zweifel und Demut.


  • Johannes-Passion von Mario Schröder Foto © Ida Zenna
  • Johannes-Passion von Mario Schröder Foto © Ida Zenna
  • Johannes-Passion von Mario Schröder Foto © Ida Zenna
  • Johannes-Passion von Mario Schröder Foto © Ida Zenna
  • Johannes-Passion von Mario Schröder Foto © Ida Zenna

Von Steffen Georgi

Jubel, Bravi, Standing Ovations. Am Freitag feierte in der ausverkauften Oper die Johannes-Passion unter der Ägide von Ballettchef Mario Schröder ihre choreografische Uraufführung. Die Adaption von Bachs 1724 erstmals in der Nikolaikirche zu Gehör gebrachten „Passio secundum Johannem“ markiert dabei den Beitrag des Leipziger Balletts zum laufenden Lutherjahr. Was, zumindest ein klein wenig, befürchten ließ, eine jener Inszenierungen der Pflichtschuldigkeit zu werden, die zu einschlägigen Jubiläen ja gern eher routiniert, als inspiriert übers Publikum hereinbrechen.

Doch allein schon die erste Szene ist ein Versprechen wider derlei Befürchtungen: Denn bevor Bachs Passions-Musik beginnt, sie sich mit ihrem fulminanten Anfangs-Crescendo bis zur himmelstürmenden Anrufung des Herrn aufschwingen darf, hallen durch den Zuschauerraum erst einmal die sich überlagernden Worte eines Gebets in Hebräisch und Arabisch. Und das in jenem verzerrenden, „realistischen“ Lautsprecher-Sound, den jeder sofort wiedererkennen mag, der jemals durch die Altstadt Jerusalems schlenderte.

Und während sich zu dieser cleveren Verortung der Zuschauerraum verdunkelt, treten, wie schwebend unter einem schwebenden Stelen-Wald, aus der Bühnentiefe (und das heißt hier: aus der Tiefe der Zeit) Yan Leiva und Anna Jo ins fahle Licht. Ein Paar in Schwarz, das indes anmutet, als wäre es zu einer einzigen Person verschmolzen. Zum hier „Erzähler“ genannten Evangelisten nämlich, dessen Zeugnis fortan in einer Körper-Sprache dargeboten wird, die zwischen Verfügung und Separation, Harmonie und Dissonanz changiert.

Allein das zu beobachten, lohnt die Inszenierung. Wie geschmeidig das Gleichmaß zwischen Leiva und Jo immer wieder aufbricht, wie organisch sich die Bilder bis hin zu auch buddhistisch inspirierten Meditationsfiguren in den choreografischen Fluss fügen. Oder wie die Beiden selbst in der forcierten Gegenläufigkeit des Bewegungstempos korrespondieren, eins sind; zumal im großartigen, finalen Duett, in dem Leiva (hier ganz Exaltation) und Jo (hier ganz Kontemplation) zeigen, wie effektvoll Kontrapunkt auch tänzerisch funktionieren kann.

In all dem ist dieses Duo nicht zuletzt auch ein Medium für jene Individuationen, die in Bachs Johannes-Passion musikalisch und textlich zu Wort kommen, aber auf der Bühne bestenfalls angedeutet in Persona erscheinen. Denn auch das ist ein reizvoller Aspekt an Schröders Inszenierung: dass er eben all die Einzelpersonen der Passionsgeschichte, von Petrus über Pontius Pilatus und Jesus sowieso, in Gruppen-Tableaus auflöst und abstrahiert. Und zwar hin in ein Szenario, das sich in seiner perfekt schattierten und gedimmt fokussierten Lichtsetzung wie in seiner Stelen-Architektur irgendwo zwischen der Aura eines William-Blake-Kupferstichs und der perspektivischen Konstruktion eines Hans Vredeman de Vries platziert (Bühne, Kostüme: Paul Zeller, Licht: Michael Röger). Eine Bühne, atmosphärisch stimmig und protestantisch nüchtern zugleich.

Darin passt sie gut zu Schröders wogenden Gruppenchoreografien, denen sie zugleich den dafür notwendigen Raum lässt. Hinein fügen sich die solistischen Parts, die kleineren Gruppenszenerien als ein motivisches Auftauchen und wieder Untergehen, Aufflammen und Verlöschen. Was dem inhaltlichen Ansatz der Inszenierung entspricht, geht es dem Choreografen doch erklärtermaßen um die Menschen, die Jesus umgaben. Die Apostel, Römer, Juden. Die Zweifelnden und Glaubenden. Die Sterbenden und Wiederauferstehenden freilich auch. Dass die Gruppenbilder partiell auch mal wie Vexierbilder anmuten (Finde den Heiland!) mag hier simpler oder befremdlicher klingen, als es ist. Schließlich gehört Suchen und Erkennen, Verblendung, Zweifel und Demut zum Christentum wie auch zu jeder anderen Religion. Und zum Leben sowieso.

Schröder zeigt den Menschen in der Zirkulation dieser Zustände; zeigt ihn getragen, geformt, in Bewegung gesetzt und final niedergeschmettert von einer Musik, die hier kraftvoll strömt und brandet, aber nie über Gebühr aufbraust (Leitung Gewandhausorchester: Paul Goodwins). Mag im Anfang auch das Wort gewesen sein – das Ende ist Musik. Oder eben jenes beredte Schweigen, zu dem in der letzten Szene und nach dem letzten Ton hier schier endlos der Regen auf die Bühne fällt.

Weitere Vorstellungen: 31. Oktober; 12., 22. November; 22., 31. März; 8.,10. Juni

Veröffentlicht am 31.10.2017, von steffen georgi in Homepage, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Das Ende ist Musik"



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