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Leipzig

AUS DEM SCHATTEN DER ERINNERUNG

„Come As You Are #2017“ von Nir de Vollf im Leipziger Lofft



Der israelische Choreograf zeigt mit syrischen Tänzern eine Arbeit über ihre persönlichen Erfahrungen von Gewalt, Flucht und Verlust, aber auch über die Eindrücke ihres Berliner Exils und den Umgang mit der deutschen Tanzszene.


  • „Come As You Are #2017“ von Nir de Vollf Foto © Lofft
  • „Come As You Are #2017“ von Nir de Vollf Foto © Lofft

Von Steffen Georgi

Drei syrische Tänzer, allesamt Kriegsflüchtlinge, ein israelischer Choreograf und das Leben und Arbeiten in der deutschen Diaspora. „Come As You Are #2017“ heißt die Inszenierung, die freilich eine im Entpuppungsstadium ist; ein dezidiert als Work in Progress deklariertes Werk, dessen aktueller Metamorphosen-Zustand am letzten Donnerstag im ausverkauften Lofft Premiere hatte. Und ein Stück, dessen Titel eine Selbstverständlichkeit suggeriert, die zumal für die drei Tänzer weit entfernt sein dürfte von ihrer gegenwärtigen Lebenswirklichkeit.

Muss man noch ausführen, dass die von Gewalt, Flucht, Verlust gezeichnet ist? Wohl nicht. Man weiß ja um die Situation in Syrien, die Nachrichten sind voll davon. Seit Jahren. Weit weniger aber weiß man über die „privaten Auswirkungen politischer Konflikte“ (Programmblatt), die wiederum der israelische, in Berlin lebende Choreograf Nir de Volff zu untersuchen trachtet. Und das seinerseits seit inzwischen zehn Jahren. Was, allein ob der Arbeitserfahrungen, die sich in so einem Zeitraum angesammelt haben müssten, künstlerisch auch für „Come As You Are #2017“ einiges erwarten ließ.

Der Körper, der nach einer Sprache, einem Ausdruck sucht für das, was ihm an Erfahrungen eingeschrieben ist. Im Falle der Tänzer Medhat Aldaabal, Moufak Aldoabl und Amr Karkout beginnen diese Erfahrungen bei der Erlernung ihres Handwerks in syrischen Vorkriegszeiten. Davon erzählen die Drei in „Come As You Are #2017“ ebenso wie von dem, man kann es mal so nennen, Kulturschock, der sie in ihrem Exil, in Berlin, ereilte. Offenbarte sich doch selbst der Tanz als eine andere, die „westlichere“ Welt, mit einer auch anderen Körper-Realität, einem Umgang im Ausdruck, der in Syrien so undenkbar gewesen wäre.

Davon erzählen diese Tänzer auf der Bühne – allerdings erst einmal vorrangig in Worten. Zu vielen Worten. Man stellt sich dem Publikum vor, das Mikrofon in der Hand. Spricht von den Ausbildungsjahren in Damaskus („Ballett, Ballett, Ballett“). Plaudert, scherzt und versucht, so vorzudringen zu jener selbstanalytischen Bestandsaufnahme, die sich in einem Satz wie „My physical identity is confused“ wohl bestens manifestiert.

Freilich, nicht uninteressant. Das Problem ist nur: All das hätte man zu aller erst sehen und nicht hören, hätte man allein tänzerisch erzählt bekommen, aus der Körper-Sprache heraus erahnen und erspüren müssen. Getanzt wird dann natürlich auch. Allerdings haftet in Folge dieser inszenatorisch-konzeptuellen Setzung des Sprechens dem Tanz etwas Illustratives an, weil er hier geradezu zwangsläufig als eine den Worten nachgereichte Begleitbewegung aufscheint. Inzwischen ja keine seltene Gefahr im Tanztheater; aber eine, um die ein Choreograf, zumal nach zehn Jahren einschlägiger künstlerischer Auseinandersetzung, eigentlich wissen müsste.

Den Tänzern will und kann man somit keinen Vorwurf machen. Auch wenn der Abend, wie etwas kokett angekündigt wurde, zu großen Teilen improvisiert, rein choreografische Arbeit also minimiert und so einiges entsprechend holprig ist. Zugleich aber gelingen dennoch, solistisch wie in der Gruppe, immer wieder Momente echter Verdichtung. Der mal parodistisch, mal verzweifelt aufblitzende Ausdruck einer Identitäts-Konfusion; einer Körper-Zerrissenheit, die eben, weit mehr als Worte, von der kulturellen Zerrissenheit und dem Versuch diese zu überwinden, spricht.

Und dann gibt es ja noch diese anderen Momente. Jene – und da wiederum ist die Inszenierung klug und instinktsicher – von denen eben nicht verbal berichtet wird. Die als beredte Leerstelle im Text klaffen. Die Traumata von Krieg, Flucht, Verlust nämlich, die diesen Körpern ebenfalls eingeschrieben sind. Und die in „Come As You Are #2017“, wie überbelichtete Momentaufnahmen, grell aufblitzen. Plötzlich zupackende, kurze, schmerzliche Ausbrüche aus dem Schatten der Erinnerung zwischen Kraft und Zerrissenheit.

Veröffentlicht am 31.10.2017, von steffen georgi in Homepage, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Aus dem Schatten der Erinnerung"



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