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Mainz

SEHNSUCHT – DER GRÖßTE GEMEINSAME NENNER

Ein taufrisches Meisterwerk bei tanzmainz: Sharon Eyals „Soul Chain“



Die Uraufführung versetzt das Publikum in einen absoluten Ausnahmezustand mit hohem Trance-Potenzial.


  • "Soul Chain" von Sharon Eyal Foto © Andreas Etter
  • "Soul Chain" von Sharon Eyal Foto © Andreas Etter
  • "Soul Chain" von Sharon Eyal Foto © Andreas Etter
  • "Soul Chain" von Sharon Eyal Foto © Andreas Etter
  • "Soul Chain" von Sharon Eyal Foto © Andreas Etter

Sharon Eyal, künstlerisches Ausnahmetalent aus Israel, ist eine der wenigen ChoreografInnen mit einer absolut einzigartigen Bewegungs-Handschrift. Ihre Choreografien sind unverwechselbar – und doch scheint ihr typisches Bewegungsvokabular jedes Mal aufs Neue hundertprozentig auf ihr Thema zugeschnitten. In „Corps de walk“ ließ Sharon Eyal die TänzerInnen der norwegischen Staatscompany „Carte Blanche“ einst gnadenlos marschieren; im jüngsten Stück „OCD Love“ (für ihre eigene Kompanie L-E-V) werden die TänzerInnen von den Techno-Beats ihres Hausmusikers Ori Lichtik regelrecht über die Bühne gejagt.

Gestampfte Formationen, wie besessen wirkende Repetitionen und gnadenlose Beschleunigung versetzten auch in ihrem neuen Stück „Soul Chain“ die TänzInnen von tanzmainz und mit ihnen das Publikum in einen absoluten Ausnahmezustand mit hohem Trance-Potenzial.

Die Sehnsucht nach der Liebe verbindet alle und so streben sie, die siebzehn Mitglieder des Mainzer Ensembles, nach oben. Auf „halber Spitze“ heißt der Fachausdruck für das Tanzen auf Zehnspitzen, aber bei Sharon Eyal ist es eher eine Dreiviertel-Spitze, ein gnadenloses Balancieren auf unsichtbaren High Heels, betont durch helle Kniestrümpfe. Männer wie Frauen tragen in hautfarbenen Trikots ihre eigene Haut zu Markte – immer in der Hoffnung auf den kurzen Moment des Glücks. Die Sehnsucht ist der größte gemeinsame Nenner, und doch betonen die exakten Formationen und kraftvollen Unisono-Auftritte zugleich die kleinen und großen individuellen Unterschiede.

Sehnsucht ist eine Sucht, die weh tut. Die Bilder, die Sharon Eyal dafür findet, gehen an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Viele stumme Schreie sind, wenn nicht zu hören, so doch zu sehen. Die kleinste Tänzerin, Maasa Sakano, muss sich ganz groß machen. Dafür reckt sie einen Arm rund 20 Minuten lang ausgestreckt in die Luft, so lange, bis auch der Letzte im Zuschauerraum ihre Schmerzen fühlt. Aber es gibt auch kurze ekstatische Momente des Glücks: wenn die Gruppe einzelne Tänzerinnen hoch in die Luft wirft und gemeinsam auffängt; wenn sich, nach mühsamster Annäherung, ein Paar findet.

Dass Sharon Eyal für die Kompanie von tanzmainz ein neues Stück choreografiert hat, ist etwas ganz Besonderes und nur erklärbar durch die vorangegangene Zusammenarbeit mit Tanzchef Honne Dormann. Dieser eröffnete seine auf Erfolgskurs eingestimmte Arbeit in der Domstadt mit Sharon Eyals „Plafona Now“. Wie schon fast Standard hat die Israelin, einst Star der Batsheva Dance Company, nun wieder ihr festes Team um sich geschart: ihren Lebensgefährten Gai Behar als künstlerischen Berater und den Musiker Ori Lichtik. Techno-Beats geben – vor sanfteren, melodischen Färbungen – den Ton an. Nach 55 Minuten ist alles vorbei, aber doch nicht zu Ende. Das Stück hallt noch lange nach, auf der Bühne und in den Köpfen der Zuschauer. Deren Antwort: Jubelschreie und Standing Ovations.

Veröffentlicht am 30.10.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Sehnsucht – der größte gemeinsame Nenner"



    • Kommentar am 02.11.2017 07:38 von Anneliese Braun
      Wo Eyal draufsteht, ist auch Eyal drin: Spitzen - Choreo, top dargeboten (oft auf Halbspitze). Die Mainzer Kompagnie durfte sogar ihrer neuen Lieblingsübung frönen: Mädchen hochwerfen. Und diesmal sogar gestapelt und abgerollt. Jetzt ist es aber gut, oder? Muss nicht überall eingebaut werden. Das war dann mal das positive. Mein persönlicher Wermutstropfen (schon eher ein großer Schluck) war die akustische Untermalung. Daß Techno Deppenmusik ist und DJs keine Musiker, ist ja bekannt. Aber das hier war ja fast sogar schon physisch schmerzhaft. Vor allem der stur durchgehende Bassbums. Und das, was darübergeschichtet wurde, war auch nicht gerade von Ideenreichtum gekrönt. Da war die kurze Tango - Passage schon eine richtige Erholung. Wenn „Tanz“ Musik unbedingt aus dem Computer kommen muss, dann gibt es doch Möglichkeiten, da etwas kreativer zu werden. Turntableartisten sollten sich mal in „alter“ elektronischer Musik weiterbilden. „Plafona Now“ war ja im Kontext akzeptabler. Aber ohne das Visuelle würde ich mir den Soundtrack auch nicht antun wollen. Irgendwie habe ich eh immer öfter das Gefühl, daß Contempory - Choreographen (und Tänzer, wie ich mit Erstaunen persönlich erfahren konnte) musikalisch oft etwas minderbemittelt sind. Manche greifen sogar auf Flughafenbeschaller und Werbejingleuntermaler zurück. Hoffentlich machen Guy Nader und Maria Campos etwas aus der Möglichkeit, sich eines Orchesters zu bedienen. Übrigens: Wie man echte Minimal - Musik choreographisch maximieren kann, wurde ein paar Tage vorher in Wiesbaden gezeigt. Ok - war ne ganz andere Schiene.

      Zweiter Knackpunkt war die Beleuchtung. Die war ähnlich kreativ. Bis auf wenige Stellen hätte man das Licht einfach nur anlassen können. Wäre auch nicht aufgefallen.

      Ein Lob an Lisa Besser: Wenn sie noch etwas übt, werden Ihre Einführungen vielleicht so gut wie die vom NTM. Aber sie hat sich schon mal bemüht (ziemlich erfolgreich). Und eine bessere Note als ihr Chef verdient.

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