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ÜBERDOSIS HERZ-SCHMERZ

„Mathilde“ kommt ins Kino, die Liebesgeschichte des letzten Zaren mit einer Kirow-Ballerina



Der Film des russischen Regisseurs Alexej Utschitel ist – trotz des vorausgegangenen Tumults – wenig relevant und voller Klischees.


  • Lars Eidinger und Michalina Olszanska in "Mathilde" von Alexej Utschitel

Schon im Vorfeld hat dieser Film viel Wirbel gemacht – der letzte Zar Nikolaus II. und seine Gemahlin Alexandra Fjodorowna, die frühere Prinzessin Alix von Hessen, würden damit verunglimpft und erniedrigt, hieß es. Der Film verletze die Gefühle von Gläubigen, der Darsteller des Zaren, der deutsche Shooting-Star Lars Eidinger, habe in Pornofilmen mitgespielt, sei schwul und ein Satanist. Molotow-Cocktails landeten im Büro des Regisseurs Alexej Utschitel in Sankt Petersburg. Autos vor einem Kino, in dem der Film angekündigt war, wurden in Brand gesteckt. Gegen Lars Eidinger ergingen sogar Morddrohungen, weshalb sich der Schauspieler entschloss, der Premiere in Russland fernzubleiben.

Dabei ist die Handlung des Films eher trivial: Er erzählt die leidenschaftliche Affäre des jungen russischen Thronfolgers mit der Tänzerin Mathilde Kschessinskaja vor seiner – natürlich auf höchster Ebene arrangierten – Hochzeit mit Alix von Hessen im Jahr 1894. Aber offenbar erbost gerade diese höchst menschliche Darstellung des Zaren die konservativen Monarchisten und Traditionalisten sowie die russisch-orthodoxe Kirche, die Nikolaus II. nach seiner Ermordung im Jahr 2000 heilig gesprochen hatte.

Wie ein Heiliger wirkt dieser junge Nikolaus tatsächlich nicht. Eher wie ein ganz normaler junger Mann, der in gesellschaftlichen Zwängen gefangen ist und sich in eine ebenso hübsche wie kokett-freche Tänzerin verliebt. Diese muss sich natürlich – Klischee lässt grüßen! – gegen die Intrigen ihrer Kolleginnen behaupten. Zum Beispiel, als eine ihrer Rivalinnen im Kampf um die besten Rollen sie kurz vor einem Auftritt umarmt und ihr viel Glück wünscht, dabei aber mit gezieltem Griff die Schleife löst, mit der das Oberteil des Kostüms gehalten wird. Es passiert, was passieren muss – mitten in den Pirouetten gleitet das Band von der Schulter und entblößt Mathildes Brust. Diese jedoch tanzt ungerührt weiter, während der junge Nikolaus (und nicht nur er) in seiner Loge Stielaugen bekommt. Er lässt Mathilde in seine Gemächer führen, und natürlich sind die beiden einander sofort verfallen.

Nikolaus stellt nach einer Liebesnacht Mathilde sogar seinem Vater, dem Zaren, vor, der die junge Frau durchaus wohlwollend betrachtet, während die Frau Mutter alles anstellt, um die Liebe ihres Sohnes zu torpedieren, schließlich ist die Hochzeit mit Alix von Hessen längst beschlossene Sache. Die Zarin arrangiert diverse Fallstricke, um Mathilde aus dem Verkehr zu ziehen, das gewitzte Mädel rettet sich aber mit eigenen Methoden immer wieder aus brenzligen Situationen.

Nikolaus kämpft seinerseits mit allen Mitteln um seine Liebe, bis hin zur Drohung, dem Thron zu entsagen und sich mit Mathilde ins Privatleben zurückzuziehen. Was natürlich ein weiteres Mal die Mutter auf den Plan ruft, die mit Hilfe von Agenten diverse Ränke schmiedet, um Mathilde aus dem Weg zu schaffen. Ein zwielichtiger deutscher Doktor darf da ebenso wenig fehlen wie ein brutaler Offizier, der Mathilde mit recht eigenen Methoden nachstellt. Beide werden aber schließlich doch noch rechtzeitig zur Strecke gebracht.

So geht der Reigen munter weiter, und es kommt, wie es kommen muss. Denn natürlich kann sich Nikolaus nicht gegen die Staatsraison stellen, und die Mama ist geschickt genug, um die Geschicke so zu lenken, dass es irgendwann so aussieht, als sei Mathilde einem Bombenanschlag auf einer Fähre zum Opfer gefallen und im See ertrunken. Dem ist aber natürlich nicht so, und so taucht sie urplötzlich bei der Krönung des Thronfolgers auf. Mitten in dem Moment, als Nikolaus die Zarenkrone aufgesetzt werden soll, ruft sie aus einer Loge unterm Kirchendach lauthals dessen Kosenamen „Niki!!!“, und der Fast-Zar fällt dekorativ in Ohnmacht. Großer Aufruhr, aber kurz darauf erwacht er wieder und setzt sich entschlossen selbst die Krone auf. Mathilde entschwindet daraufhin mit seinem attraktiven Cousin, der schon zuvor seine schützende Hand über sie gehalten hat.

Im Abspann heißt es, Nikolaus habe mit Alix eine durchaus glückliche Ehe geführt, wovon auch fünf gemeinsame Kinder Zeugnis ablegen. Was dann doch etwas verwundert angesichts der Leidenschaft für Mathilde und auch der Hartnäckigkeit, mit der Nikolaus sich für eine Legalisierung der Verbindung mit der Tänzerin eingesetzt hatte. Mathilde ihrerseits entkommt der russischen Revolution ins Pariser Exil und wird 99 Jahre alt, während Nikolaus am 17. Juli 1918 von seinen Bewachern ermordet wurde.

Wie so oft bemüht auch dieser Filme alle Klischees rund um das klassische Ballett und seine Ballerinen. Die Tänzerinnen werden als ewig gackernder Hühnerhaufen dargestellt, mit Eifersüchteleien und Gemeinheiten aller Art. Es sind eitle kleine Hupfdohlen, die vor allem darauf aus sind, sich einen der gut aussehenden Offiziere zu ergattern, um das halbseidene Theaterimage hinter sich zu lassen und zur Grande Dame zu avancieren. Als ausgerechnet Mathilde die Gunst des Zarensohns erwirbt, ruft das die üblichen Feindseligkeiten auf den Plan, vor allem, wenn es um die Besetzung begehrter Rollen geht.

So müht Mathilde sich redlich, aber vorerst vergeblich, blutige Füße inklusive, um die geforderten 32 Fouettés zu stehen, die die Hauptrolle der Zarenbraut in einem Stück anlässlich von Nikolaus’ Hochzeit und Krönung erfordert. Bei der Aufführung trickst sie ihrerseits ihre Rivalin aus (späte Rache für das gelöste Kostümband), indem sie sie mit ihrem Liebhaber in der Garderobe einschließt und selbst auf die Bühne geht. Inzwischen konnte sich die eigentliche Hauptdarstellerin aber befreien, und so gibt es dann eben zwei Bräute, wobei Mathilde tänzerisch dann doch wieder das Nachsehen hat.

Natürlich tanzt Michalina Olszanska als Mathilde nicht selbst – bei den Bühnenszenen wird entweder aus weiter Ferne gedreht, so dass man das Gesicht nicht genau erkennen kann, oder man sieht eben nur die Füße. Wobei auch da nicht allzu viel Wert auf professionelle Brillanz gelegt wurde. Nun gut, wir sind ja auch am Ende des 19. Jahrhunderts, da hatte man’s noch nicht so mit der Perfektion.

Für Ballett-Fans gibt es also nicht wirklich einen Grund, sich diesen Film anzusehen, auch wenn die Tanz-Szenen am Originalschauplatz gedreht wurden, dem Mariinksy-Theater in St. Petersburg. Wer aber gerne romantische Filme à la Rosamunde Pilcher guckt, kommt bei diesem Schmachtfetzen voll auf seine Kosten. Die Ausstattung ist mit 5000 Kostümen üppig (inklusive historisch völlig unpassender LED-Birnchen am Tutu-Rock) und verschlang satte 25 Millionen Dollar), Lars Eidinger ist ein sympathischer, etwas hilflos-rührender Zarewitsch, dem man eigentlich mehr Glück in der Liebe gegönnt hätte. Dieses Glück jedoch hatte er mit Alix ja letztendlich doch noch gefunden, denn nach historischer Darstellung hat er sogar gerade um diese Liebe zu Alix gekämpft. Und so fragt man sich, warum dieser Film überhaupt gedreht wurde – so wichtig war die Affäre mit Mathilde dann wohl doch nicht.

Veröffentlicht am 30.10.2017, von Annette Bopp in Homepage, Tanzmedien, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Überdosis Herz-Schmerz"



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