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Prag

NEUSTART: HÖHENFLUG

Mit „Timeless“ eröffnet Filip Barankiewicz seine Ballettdirektion beim Ballett des Nationaltheaters in Prag



Neben George Balanchines „Serenade“ und Glen Tetleys „Le Sacre du Printemps“ ist eine Uraufführungen von Emanuel Gat zu sehen.


  • „Separate Knots“ von Emanuel Gat Foto © Anna Rasmussen
  • „Separate Knots“ von Emanuel Gat Foto © Pavel Hejny
  • „Separate Knots“ von Emanuel Gat Foto © Pavel Hejny
  • „Serenade“ von George Balanchine Foto © Dasa Wharton
  • „Serenade“ von George Balanchine Foto © Pavel Hejny
  • „Serenade“ von George Balanchine Foto © Dasa Wharton
  • „Le Sacre du Printemps“ von Glen Tetley Foto © Pavel Hejny
  • „Le Sacre du Printemps“ von Glen Tetley Foto © Hana Smejkalova
  • „Le Sacre du Printemps“ von Glen Tetley Foto © Pavel Hejny

Gemessen am langanhaltenden Beifall war diese erste Premiere beim Ballett des Nationaltheaters in Prag unter der neuen Direktion des polnischen Tänzers Filip Barankiewicz ein Erfolg. Unter dem Titel „Timeless“ vereint der ehemalige erste Solist des Stuttgarter Balletts drei sehr unterschiedliche Choreografien. Zeitlos im Sinne missverstandener Unverbindlichkeit ist hier gar nichts. Es geht eher darum, zeitgemäß mit den Facetten der Tanzkunst künstlerische Horizonte zu weiten, was ganz und gar nicht heißen soll, die Traditionen außer Acht zu lassen.

So beginnt dieser Abend mit George Balanchines „Serenade“, uraufgeführt 1934 in New York, zu den fünf Sätzen der Serenade für Streichorchester von Peter Tschaikowsky in der Einstudierung von Nanette Glushak. Eine Chance vor allem für die Prager Tänzerinnen in den unterschiedlichen Gruppenarrangements mit den Solistinnen Aya Watanabe, Alina Nanu und Miho Ogimoto, die an diesem Abend viel von der magischen Geometrie der Serenade, die Balanchine selbst als „Tanz im Mondschein“ beschrieb, vermitteln können. Auch wenn hier keine Geschichte, keine Fabel im Sinne einer Handlung erzählt wird, so besticht die Choreografie, die – ohne sich in purer Schönheit zu verlieren – so sensibel die Musik in Bewegung zu verwandeln mag, auch durch berührende Momente der Einsamkeit. Dies verdankt sich vor allem der hingebungsvollen Interpretation durch die Tänzerinnen, in der großer Gruppe, dann auch in kurzen, aber wesentlichen Szenen mit den Solisten Dmytro Tenytskyy und Giovanni Rotolo, die entscheidende Akzente setzen.

Mut zum Risiko bewies Filip Barankiewicz, indem er den israelischen Choreografen Emanuel Gat mit einer Uraufführung betraute. Gat, der unter anderem für das Ballett der Pariser Oper, die Sydney Dance Company, das Königlich Schwedische Ballett, das Polnische Nationalballett und natürlich auch für seine eigene Kompanie choreografiert, hat in der Tanzwelt einen Namen. „Separate Knots“ heißt seine Prager Kreation zum ersten und letzten Satz der dritten Klaviersonate von Chopin, die der Pianist Marcel Levický auf der Bühne des Nationaltheaters im musikalischen Dialog mit der Tänzerin Morgane Lanoue und dem Tänzer Federico Ievoli interpretiert.

Dass Emanuel Gat bei lockeren Konzeptionen den Tänzern die Freiheiten eigener Entscheidungen gibt, ist bekannt. So gibt es auch hier, zwischen Abfolgen skulpturaler Körperbilder, genau konzipierten Variationen von Distanz und Nähe, bildkräftig gesetzten „Verknotungen“ der Körper, immer wieder die Freiheiten für Momente eigener Varianten, die freilich den Dialog mit den choreografischen Vorgaben nicht wirklich verlassen. Allerdings lässt sich am Ende dieser kurzen Kreation der Eindruck nicht vermeiden, lediglich einen Ausschnitt aus einer noch nicht zu Ende geführten Arbeit erlebt zu haben.

Mit dem letzten Stück reißt es das Publikum förmlich von den Sitzen. Nach den aufpeitschenden Rhythmen von Igor Strawinskys Musik zu „Le Sacre du Printemps“ ist das kein Wunder. Für die enormen Leistungen der Tänzer gibt es sogar – was bei einem solchen Stück nicht besonders üblich ist – immer wieder Zwischenapplaus. In Prag kommt das inzwischen in einer Vielzahl von Choreografien getanzte Werk in der Fassung von Glen Tetley auf die Bühne, die er 1974 für das Ballett der Bayerischen Staatsoper geschaffen hatte. Zusammen mit „Pierrot lunaire“ und „Voluntaris“ bildet es „die Stützpfeiler seines Weltrums“, so Horst Koegler vor zehn Jahren, als Tetely, der rastlose Weltenwanderer, im Alter von 81 Jahren verstarb. Aus diesem Anlass nahm damals in Dresden auch Ballettdirektor Aaron S. Watkin Tetleys meditative Choreografie „Voluntaries“ wieder ins Repertoire. Bei der Dresdner Erstaufführung 1995 begegnete der Tänzer Alexander Zaitsev erstmals Glen Tetley. Zaitzev, der oftmals die Rolle des hier männlichen Opfers in „Le Sacre“ tanzte, hat das Werk jetzt zusammen mit Bronwen Curry beim Ballett des Prager Nationaltheaters einstudiert.

Tetleys Choreografie, die nur partiell so etwas wie Handlungsmomente beinhaltet, dafür aber ihre Kraft aus der Musikalität der Bewegungsabläufe bezieht und somit ein weites Spektrum an Emotionen schafft, ist eine der härtesten Herausforderungen für eine Kompanie, insbesondere für die Tänzer und vor allem für den Solisten in der Rolle des Opfers. In Prag meistert Ondřej Vinklát diese immer wieder und kreiert atemberaubenden Momente. Ob in verhalteneren Varianten seines Tanzes, in fast selbstzerstörerischen Ausbrüchen, vor allem in den kunstvollen, aber niemals vordergründig demonstrierten Sprüngen – es gelingt diesem Tänzer zu vermitteln: „Ich war geboren, um ein Opfer zu sein. Dafür bin ich in diesem Stück da.“, wie Alexander Zaitsev den Konflikt dieser tragischen Figur beschreibt.

Und wenn dann noch, so wie in dieser Aufführung, die Tänzer von Strawinskys Klangkaskaden regelrecht getrieben, mit wunderbaren Grand jetés en avant wie im Fluge immer wieder die Bühne queren, dann weckt diese erste Premiere des neuen Ballettdirektors auf jeden Fall die Neugier auf den nächsten Höhenflug, der auf jeden Fall auch dem Risiko wieder Raum geben sollte.

Weitere Aufführungen: 25., 26. 10.; 2., 3., 11., 12., 29. 11.;

www.narodni-divadlo.cz

Veröffentlicht am 25.10.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Neustart: Höhenflug"



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