HOMEPAGE



Berlin

ZWISCHEN LUSTGEWINN UND EINSAMKEIT

Meg Stuarts „Until Our Hearts Stop“ spaltet im HAU 2



All dies mit der Frage, wie viel Engkontakt zwischen Körpern möglich ist und wo seine Grenzen liegen.


  • "Until Our Heart Stops" von Meg Stuart Foto © Iris Janke
  • "Until Our Heart Stops" von Meg Stuart Foto © Maarten Vanden Abeele
  • "Until Our Heart Stops" von Meg Stuart Foto © Iris Janke

Wie ein dunkler See bedeckt Glanzfolie schräg die Szene im HAU 2. Sechs Performer legen sich, einzeln oder auch aufeinander. Aus dem zärtlich passiven Tasten nach dem Körper des Gegenüber entwickeln sich zu Live-Musik zunehmend riskanter Besteigungen und daraus einstürzende Balancen, als suche jeder Schutz beim Anderen. Niemand lässt los, das Leibergewölk, abgestützt wie ein gotischer Dom, ächzt und schnauft, flüchtet sich dann auf eine Couch. Einer macht sich nackig, drängelt sich dazwischen, setzt durch die physische Enge eine Sturmflut des Begehrens in Gang. Nicht jeder wünscht diese bedrängende Annäherung durch Befühlen, Beriechen, Hand- und Fußküsse, doch der Strudel der Gelüste reißt alle mit sich fort. Zusätzlich bloßgelegt durch Scheinwerferbatterien ergießt sich der verkeilte Lustpulk in den Raum. Zwei nackte Frauen leben im verklammerten Kampf, mit Haarziehen, Brustreißen, Genitalklatschern, Poblasen, Küssen und Vaginalstupsern, Körperfreuden aus.

Was Meg Stuart 2016 bei „Tanz im August“ auf die Volksbühne gestellt hatte, ihr Gruppenstück „Until Our Hearts Stop“, das bekommt im HAU durch die Nähe zum Zuschauer eine weit intimere und zupackendere Dimension. All dies mit der Frage, wie viel Engkontakt zwischen Körpern möglich ist und wo seine Grenzen liegen. Bisweilen schrammt das harsch am Pornografischen auf der Szene, am Voyeuristischen für den Zuschauer vorbei. Stuart ist indes gewiefte Theatermacherin genug, um über die fröhlich naive Unbefangenheit und die lustvolle Entdeckerfreude ihrer Performer dieser gefährlichen Lanze die Spitze zu nehmen. Ein Paar ringt im mittigen Sitz lange um den Optimalorgasmus, bis es aus der Rüttelbewegung kaum mehr den Ausgang findet. Dann geht es ans Zusehvolk. Früchte, Whiskey, Kuchen, Knete werden verteilt, jeder kann sich sein Lieblingsmotiv formen. Für die Akteure bedeutet das Verschnaufpause, für die Zuschauer das Gefühl von aktiver Mitgestaltung und Brechung des Befremdens über so viel vorgeführte Lust.

Dann aber geht es wieder hart zur Sache, diesmal mit diversen Schlagtechniken zwischen Männern. Peitschend und sicher auch schmerzend prasseln die Schläge mit Lustgewinn auf nackte Haut und wechseln mit Streichelvorgängen, die unvorhersehbar wieder in Gewalt umschlagen. Sich ausleben in jeder Situation, ganz bei sich sein, Hemmungen aller Art verlieren ist hier eines der Themen von Meg Stuart. Hemmungen hat noch ein Moderator im Frack, ob denn die Mutter im Auditorium sei. Seinem Pianisten legt er zum Gaudi des Publikums Flüstergeständnisse ab. Wenn er raunt, nicht mehr im Mittelmeer schwimmen zu können, geht Slapstick in Politsatire über; wenn er den Namen Volksbühne kaum mehr auszusprechen wagt, feiert er süffisant Lokalbezug. Weshalb eine Magieshow mit Zaubertricks folgt, gehört zu den Unbegreiflichkeiten einer reichlich zweistündigen Inszenierung mit dynamisch geschickter Struktur und dem überraschenden Ende Einsamkeit. Stuart ist da wieder bei ihren Anfängen, obgleich nun weniger zerquält.

Bis 22.10., HAU 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Tickets unter 259 004 27, www.hebbel-am-ufer.de

Veröffentlicht am 21.10.2017, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 1561 mal angesehen.



Kommentare zu "Zwischen Lustgewinn und Einsamkeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DIE MAGIE DER ERINNERUNG

    "Small Places" von Guy Weizmann und Rony Haver für tanzmainz
    Veröffentlicht am 28.05.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VOLLER LEBENDIGKEIT

    Die Wiederaufnahme von „Raymonda“ an der Bayerischen Staatsoper
    Veröffentlicht am 25.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ULM MOVES!

    3. Ulmer Tanzfestival vom 7.-17 Juni 2018

    Das 3. Ulmer Tanzfestival ULM MOVES! steht in den Startlöchern. Vom 7. bis 17. Juni 2018 heißt es wieder Tanz pur in der Ulmer Innenstadt und auf den Bühnen der vier Veranstalter: Roxy, Stadthaus, Theater und Ulmer Zelt.

    Veröffentlicht am 25.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    STADTTHEATER MEETS FREIE SZENE

    Ben J. Riepe choreografiert für das Ballett am Rhein

    Veröffentlicht am 29.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    ZUM DRITTEN MAL: DIE WELT ZU GAST IN MÜNCHEN

    Munich International Ballet School Gala

    Veröffentlicht am 01.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    KREATIVE ERFAHRUNGEN FÜR DEN NACHWUCHS

    Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung im Münchner Nationaltheater

    Veröffentlicht am 24.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    DIE STIMME DER NATUR

    Jörg Weinöhls letzte Produktion in Graz: „Sommernacht, geträumt“

    Veröffentlicht am 07.05.2018, von Gastbeitrag


    ZIRZENSISCHE HOMMAGE AN PINA BAUSCH

    Adolphe Binder beweist in Wuppertal mit Dimitris Papaioannou einen guten Griff

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP