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München

28 YEARS LATER

„Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius



Am Münchner schwere reiter-Gelände bringt der Choreograf zusammen mit Experten und Performern künstlerische, theoretische und politische Strategien in einen Dialog - um zu zeigen, wohin sich unsere Gesellschaft bis 2045 verändert haben wird.


  • "Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius Foto © Anne Wild
  • "Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius Foto © Anne Wild
  • "Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius Foto © Anne Wild
  • "Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius Foto © Anne Wild
  • "Das kommende Verschwinden“ von Sebastian Blasius Foto © Anne Wild

„Wollen Sie da vielleicht rein steigen?“, fragt die Museumswärterin und öffnet den Klettverschluss zum aufgeblasenen, riesigen, ovalen, silbernen Plastikding. Es ist Schutzraum und Ort des Ausschlusses auf einmal. Das Innere eines Bootes und Schutzbunkers zugleich, vielleicht ein materialisiertes Datennirvana oder eine monströse Patrone, der Interpretationsspielraum ist groß. „Können Sie mich von draußen sehen?“ – „Nein, ich weiß nur, dass sie drinnen sind, aber nicht wo genau.“

Dieser silberne Bunker nun, den der ungarische Künstler Artúr van Balen „Fallen Obelisk“ genannt hat, ist der Beginn eines Rundgangs durch die Ausstellung in den PATHOS Ateliers. Diese findet parallel zur fiktiven Konferenz „Erinnerungskulturen und künftige Perspektiven einer Gesellschaft im Spannungsfeld von Migration, Terrorismus und Digitalisierung“ statt. Dort ausgestellt sind Arbeiten von Künstlern aus der ganzen Welt, die sich eben plastisch mit dem Kernthema der Konferenz auseinandersetzen. Das reicht vom (um)gefallenen Obelisken, über achtstündige Soundinstallationen, zu Videovisionen einer durch und durch gläsernen und sich gegenseitig bewertenden Gesellschaft bis hin zum musealisierten "Starter Paket". Der Künstler Frank Campoi stellt in einem einfachen Kasten das aus, was ein Geflüchteter bei der Ankunft erhält – eine Decke, eine Flasche Wasser, ein Stück Seife – und was man abgeben muss, wie beispielsweise Messer. An der Wand hinter diesem Kasten sind etliche "Starter Pakete" gestapelt und eines davon, eben aus Decke und Wasser bestehend, wird einem nun freundlich von der Museumswärterin überreicht. Man werde es bei der Konferenz gebrauchen können.

Die Konferenz befindet sich drüben im Schwere Reiter. In der Mitte des Raums ist ein Pult mit dazugehörigem Sprecher, dahinter ein Bildschirm und davor eine überschaubare Anzahl an Stühlen mit interessierten Zuhörenden darauf. Umrahmt ist dieses ebenfalls von Frank Campoi gestaltete Szenario von weißen Vorhängen, die einem dichten Moskitonetz gleichen. Die Konferenz ist also abgeriegelt und dazu von strengen Sicherheitskräften umzingelt, die mit scharfen Blicken jeden Eindringling wegschicken werden. Verschwommen ist von außen durch den weißen Schleier zu erkennen, was drinnen geschieht. Die Beleuchtung lässt das Innen zudem märchenhaft erscheinen, beinahe erhaben – Intellektuelle eben.

Man ist stiller Zuhörer und Beobachter dieses langen Schauspiels, denn die Vorträge laufen von 16 bis 22h fast ununterbrochen. Das "Starter Paket" kommt zum Einsatz: die Decke wird auf dem Boden ausgebreitet, um es sich bequem zu machen. Stühle stehen keine im Zuschauerraum. Das alles eröffnet natürlich die Assoziation, man sei selbst ein Flüchtling, ein Ausgestoßener, denn es ist eine große Kluft zwischen Besucher und Redner gegeben und eindeutig zu spüren. Absichtlich dringen die Reden nicht nach außen, sind zu leise, unverständlich. Expertise für Experten, Theorien für Theoretiker. Knallhart wird so auch auf die Bildungsschere in unserer Gesellschaft angespielt. Wenn man nah an den Vorhang tritt und stillschweigend lauscht, versteht man einigermaßen, wovon gesprochen wird.

Und das Nahdransein erlaubt wiederum die Entlarvung der gesamten Bühnensituation. Das kleine, feine Buffet, das den Vortragenden in ihrem Konferenzsaal bereit steht, scheint aus Plastik zu sein. Bei einigen Darstellern im weißen Raum soll es sich nicht um Menschen handeln, so robotisch bewegen sie sich. Einige Vorträge werden vom Band abgespielt und lediglich die Lippen dazu bewegt.

Dass die Konferenz im Jahr 2045 angesetzt ist, ergibt deswegen Sinn, da die Entwicklung bis dahin gut vorausgesagt werden kann: „Problematisch wird sich die Klimaveränderung abzeichnen. Beschleunigt werden die Veränderungen durch maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz eintreten. Dadurch entsteht weltweites Wohlstandsgefälle, das entscheidend von Bildungschancen und dem Innovationspotential in einzelnen Ländern und Erdteilen abhängig ist.“ So die Prognose von Prof. Dr. Klaus Mainzer, Emeritus an der Technischen Universität München.

Die sieben dargebotenen Vorträge stammen von sieben renommierten, existierenden Wissenschaftlern und Experten, die einen Blick in die Zukunft wagen. Die Soziologin Ceren Türkmen von der Universität Gießen beispielsweise referiert über den Weg „Von der Zerschlagung der Kanaksta-Rebellion zur Neuerfindung der weißen Rasse“. Hierin imaginiert sie die Wiederholung der Selbstverbrennung der jungen Türkin Semra Ertan. Im Mai 1982 hat sich diese in Hamburg als Zeichen gegen die immer stärker werdende Fremdenfeindlichkeit auf einem öffentlichen Platz verbrannt. In Cerens fiktiver Analyse findet die Tat (nochmals) am 7. Juli 2017 am Kottbusser Tor in Berlin statt. Irgendwann und irgendwie wiederholt sich jede Geschichte.

Sebastian Blasius, der seine Arbeit als Forschung begreift, „in der verschiedene künstlerische, theoretische und politische Strategien in einen Dialog miteinander gebracht werden“ reiht sich mit der Performance „Das kommende Verschwinden“ in ein politisch-gesellschaftlich aufklärendes Theater, wie es beispielsweise auch das Zentrum für Politsche Schönheit und die Gruppe Rimini Protokoll tun. Letzere haben 2014 die Weltklimakonferenz 2015 von Paris nachgestellt. Das Zentrum für politische Schönheit wollte mit einer Aktion sogar so weit gehen, Flüchtlinge in einer Gladiatorenarena Tigern zum Fraß vorzuwerfen, um die unmenschliche Flüchtlingspolitik zu kritisieren und künstlerisch zu dramatisieren. Blasius, seine Experten und die etlichen Performer versuchen nun zu zeigen, wohin sich unsere Gesellschaft bis zum Jahre 2045 verändert haben wird. Soziales Fressen und Gefressen werden.

Und 2045 ist nur 28 Jahre weit entfernt. Etwas muss geschehen, um das düstere Bild zu verhindern. Wie soll „das kommende Verschwinden“ der Mittelschicht, vieler Berufe und menschlicher Empathie aufgehalten werden? Prof. Dr. Klaus Mainzer hat einen Vorschlag: „Ich bin aber weder Utopist noch Dystopist. Vielmehr traue ich der nachkommenden Generation zu, diese Krisen und Spannungen nicht zum Äußersten kommen zu lassen, sondern ihre Chancen zu nutzen.“

Veröffentlicht am 10.10.2017, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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