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Göttingen

DIE SEELEN WANDERN WEITER

Der Butoh-Tänzer und Choreograf Tadashi Endo feiert seinen 70. Geburtstag mit der Uraufführung von „HA Dô“ im Jungen Theater Göttingen



Eine traumhaft schöne wie morbid-bewegende Bilderfolge als Hommage an die Menschen, die über das Mittelmeer fliehen.


  • „HA Dô“ von Tadashi Endo Foto © Junges Theater Göttingen
  • „HA Dô“ von Tadashi Endo Foto © Junges Theater Göttingen
  • „HA Dô“ von Tadashi Endo Foto © Junges Theater Göttingen
  • „HA Dô“ von Tadashi Endo Foto © Junges Theater Göttingen

Nicht nur der Geburtstag des in Göttingen lebenden, international bekannten japanischen Butohtänzers Tadashi Endo wurde mit „HA Dô“ gefeiert, sondern auch das Jubiläum des Butoh Centrums MAMU, das Endo mit seiner Frau Gabriele seit 25 Jahren in Göttingen leitet. Geradezu krönend war gleichzeitig die Ernennung Tadashi Endos zum Ehrenbürger der Stadt Göttingen.

„HA Dô“ bedeutet Wasser, Bewegung und setzt sich inhaltlich mit der Migration der Menschen aus Afrika und Syrien auseinander. Vor allem aber zeigt sich dieses Tanztheaterstück als eine berührende Hommage an die Menschen, die über das Mittelmeer vor Hunger und Krieg fliehen. Zu tragenden Klavierklängen (Komposition: Daniel Maia aus Brasilien) betritt Tadashi Endo die Bühne und scheint nach etwas zu greifen, das schmerzt. Endo ist der einzige, der in „HA Dô“ Solo tanzt. Wie eine Art Geschichtenerzähler führt er zu Anfang des Abends in das Stück ohne Worte ein. Im schwarzen Gewand, die grauen langen Haare offen, mutet er in seinen zeitlupenhaften Bewegungen mal wie eine Frau, mal wie ein Mann an. Dann wieder erscheint er wie ein junges Mädchen und in der nächsten Bewegungssequenz wie ein Greis. Mal erinnern die Bewegungen an eine Marionette, dann an einen Kämpfer, der wiederum im nächsten Augenblick zum Geschlagenen wird. Die unterschiedlichen Figuren fließen in- und auseinander – in einem ständigen Auf und Ab zwischen Freude, Staunen und Schmerz.

Beobachtet man einen Butohtänzer, so ist es manchmal wie der Blick in einen Spiegel. Im Butoh wird der tanzende Körper – ähnlich einer Filmleinwand – zur Projektionsfläche der Gefühle der Zuschauer, die schließlich durch den assoziativen Tanz beeinflusst werden. Dabei orientiert sich Butoh an dem, was dem Leben so grundlegend eigen ist: an Leben und Tod, Wachsen und Vergehen, Himmel und Erde, Fallen und Aufstehen. Auch die Mimik, die in den weiß und überzeichnet geschminkten Gesichtern oft an das leere Gesicht von Puppen erinnert, ist ein wichtiges Stilmittel.

Meeresrauschen fließt in die Klaviermusik ein und Tadashi Endos Bühnengesicht zeigt trauriges Entsetzen. Die Arme flehend Richtung Himmel ausgestreckt, verschwindet seine Figur und unter afrikanisch anmutenden Rhythmen erscheint nun das restliche HA Dô-Ensemble, das sich aus über 20 professionellen wie semiprofessionellen Tänzerinnen und Tänzern aus aller Welt zusammensetzt. Alle haben bereits an mehreren Workshops Endos teilgenommen.

Voller Lebensfreude wirbeln sie auf die Bühne, drehen sich, springen, tanzen ausgelassen in bunt-skurrilen Kostümen: Männer in Tupfenröcken, junge Frauen mit Schneckenköpfen und verrückten Frisuren. Mit einem Paukenschlag wird die Leichtigkeit jäh beendet und unter Donnergrollen, Sturm- und Wasserrauschen fallen die Menschen, kriechen, werden aufgehoben, in Armen gehalten, auf Buckeln geschleppt. In bewegenden Körper-Bildern und mit einer geschlossen-konzentrierten Bühnenpräsenz zeigt das Ensemble Elend und Angst, Schmerz, Entsetzen und Untergang. In einem plötzlichen „Freeze“ sehen wir einen schmerzvoll unter die Haut gehenden stummen Schrei.

Endos Gruppenbilder sind assoziativ, lassen aber keinen Zweifel daran, worum sie sich drehen: überfüllte Boote, Unwetter, Kenterungen, das Versinken im Meer und das Wandern der Seelen am Meeresgrund. Nackte Körper winden sich, schweben, schieben und zappeln. Butoh will immer auch die Schattenseiten unseres Daseins zeigen und spielt mit der Existenz von Seelen. „HA Dô“ zeigt die Schatten unseres Reichtums und will die Zuschauer zum Nachdenken bewegen.

Tadashi Endos Tanztheater gründet sich stilistisch nicht nur auf dem japanische Butoh-Tanz, sondern auch auf dem europäischen Ausdruckstanz, insbesondere von Mary Wigman und Pina Bausch. 1989 lernte Tadashi Endo die Butoh-Legende Kazuo Ohno durch die Teilnahme an einem seiner Workshops kennen. Er war fasziniert und wurde Butoh-Tänzer. Schon bald choreografierte er eigene Stücke und entwickelte den japanischen Butoh-Stil mit seinem persönlichen tänzerischen Ausdruck weiter. 1992 schließlich veranstaltete er das erste Butoh-Festival und holte in Folge zahlreiche berühmte Butoh-Tänzer nach Göttingen. Zeitgleich gründete er das Butoh Centrum MAMU, in dem er Menschen aus aller Welt den Butoh-Tanz lehrt. Tadashi Endo wurde international als Tänzer, Lehrer und Choreograf immer gefragter. In Deutschland machten ihn Film- und Opernprojekte mit Doris Dörrie bekannt, insbesondere aber der Film „Kirschblüten-Hanami“.

Tadashi Endo ist Theatermann und seine ursprüngliche Regieausbildung (ab 1973 am Wiener Max-Reinhard-Seminar) ist seinen Produktionen anzusehen. Mit einem Sinn für Bildwirkung und Licht (Licht und Ton: Heiner Wortberg) und einer gekonnt durchrhythmisierten Dramaturgie erschafft er auch in seiner jüngsten Produktion eine traumhaft schöne wie morbid-bewegende Bilderfolge. Die Qualität von Butoh ist, das Leben als einen ständig sich verändernden Prozess mit unzähligen Erscheinungen und Sichtweisen zu zeigen. In diesem Sinne ist „HA Dô“ eine tief unter die Haut gehende Inszenierung zu einem aktuellen Thema.

Veröffentlicht am 04.09.2017, von Martina Burandt in Homepage, Kritiken 2017/18

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