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Innsbruck

IM CLINCH MIT DER ENTSCHEIDUNG

Jean-Philippe Rameaus „Pygmalion“ und Französische Musikminiaturen bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik



Barocktanz und Modern Dance, Abstraktion und Narration verbindet Natalie van Parys in ihrer Choreografie. Leider ist das nicht ganz geglückt.


  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl
  • "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau; Choreografie von Natalie van Parys Foto © Rupert Larl

Keine einfache Sache, die viel gerühmte Einheit von Musik und Tanz. Ihre enge Verbundenheit wurde nun erstmals auch bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik thematisiert – in drei raffinierten französischen Miniaturen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Deren Esprit und pulsierende Intensität, erlesen und pastellartig fein abgetönt in den Farbmischungen, bestimmte wunderbar locker und beweglich das Orchester „Les Talens Lyrique“ unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset.

Weil der Untertitel Namensgeber des renommierten Klangkörpers ist, starteten die Musiker mit Rameaus tempolauniger Ouvertüre zu „Les Fêtes d’Hébé“ in den Abend, der choreografisch zwischen anno dazumal und heutigen Freestyle-Banalitäten leider zunehmend an szenischer Kraft einbüßte. Ausgerechnet das Herzstück, Rameaus dreiviertelstündiger Acte de ballet „Pygmalion“ musste optisch zugunsten pseudo-zeitgeistiger Stilbrüche – Alltagskleidung, Pygmalions Ehefrau ein Lackstiefelgraus und zum Schluss statt Divertissement kollektive Freizeithopserei – ästhetisch Federn lassen.

Innerhalb Frankreichs Barockoper sollten beide Künste möglichst formvollendet miteinander verschmelzen – insbesondere unter der Meisterschaft des tanzaffinen, italienischstämmigen Jean-Baptiste Lully. Als Oberintendant der Musik am Hof des Sonnenkönigs beeinflussten seine Werke die von Ludwig XIV. gegründete Académie royale de musique über Generationen hinweg. Spätere Komponisten wie Louis-Nicolas Clérambault, Jean-Féry Rebel und eben auch Jean-Philippe Rameau wollten der Machart französischer Musik auf jeweils eigene Weise neuen Schliff verpassen. In Mode kamen kompakte Kurzformen, oft dramatisch-heiter und virtuos extrem komplex.

So bietet Clérambaults Kantate „La Muse de l’Opéra“ innerhalb weniger Minuten in einem Wechselbad aus Stimmungen alle Gemeinplätze großer Opern auf: Triumpharie, Schäferpastorale, Momente einer Jagd, den obligat aufgewühlten Gewittersturm, nächtliche Träumerei und Vogelgezwitscher am Morgen sowie – vor dem harmonievollen Ende – noch einen dramatischen Trip zu Pluto und den Furien in den Höllenschlund. Für Natalie van Parys (Choreografie & Regie) die perfekte Möglichkeit, jede Menge damals visuell-faszinierender Begleitregister zu ziehen – finaler Abgang durch den Bühnenboden inklusive.

Findig drapiert sie die sechs goldgewandeten Tänzerinnen und Tänzer ihrer seit 2002 bestehenden Kompanie „Les Cavantines“ in einem rokokohaft bemalten Papierthron (Ausstattung: Antoine Fontaine, Kostüme: Alain Blanchot), der idealen Kulisse für die Gesangsvirtuosin Chantal Santon-Jeffery. Sie verlieh der Muse im barocken Pompgewand engagiert Gestalt. In der Artikulation fehlte ihrer eher schwergängigen Stimme jedoch die fein-changierende Akkuratesse. Eigentlich egal, wurden ihre Worte doch immer in hübsch arrangierten Tanzszenen bestens veranschaulicht und zugleich die Publikumserwartungen an eine historisierende Aufführungspraxis noch weitgehend erfüllt.

Bereits in Rebels Ballettmusik „Les Caractères de la Danse“ weicht Parys, als ehemalige Tänzerin/Assistentin der französischen Barocktanz-Ikone Francine Lancelot und deren 1980 gegründeten Kompanie „Ris & Danceries“ eine Kennerin des ‚Belle Danse‘ (also jenem Katalog populärer Bühnentänze, wie Rebel sie in seinem geschwinden Durchlauf vertonte) vom Pfad alter Bewegungsusancen ab. Ganz in bodenlangen roten Roben durchfliegt ihr Tanzensemble die choreografische Symphonie mit schwungvoller, auf äußere Form und genaue Impulsbetonungen bedachter Eleganz.

Gerne hätte man diesen ‚Drive‘ weiter in Rameaus „Pygmalion“ verfolgt und an der gesangslosen Kernstelle auf bloß pantomimische Nachspielerei der handlungsarmen, kurzen Opernhandlung durch die nun tendenziell flippigeren TänzerInnen verzichtet. Für die Utopie vom schönen Schein hatten somit vor allem die SängerInnen zu sorgen. Jodie Devos gab sich als Strippen ziehender Amor in recht mozartscher Keckheit sehr konturklar. Magali Arnault Stanczaks bezauberte als Pygmalions durch irritierende Flötenklänge zum Leben erweckte Statue mit tänzerisch sicherer Allüre und (fast zu) starker Stimme.

In der Titelpartie beeindruckte der wie ein anämischer Kunstfreak herausgeputzte Schwede Anders J. Dahlins trotz kargem Timbre und wenig Thrill mit beachtlicher Koloraturgeläufigkeit. Enttäuschung und Wut über den treulos in sein Werk Verliebten durfte mit alltagsaktionistischer Verve (und geschmacklos-überkandideltem) Outfit Chantal Santon-Jeffery äußern. Das Zusammenspiel von Musik, Gesang und Tanz wurde aber letztlich aufgrund seichter Einfälle leichtfertig verschenkt. Schade!

Veröffentlicht am 25.08.2017, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2017/18

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