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München

ETWAS MEHR MUT BITTE

Das Alvin Ailey American Dance Theatre setzt seine Deutschlandtournee in München fort - mit einem neuen Programm



Gerade mal drei moderne Choreografien gibt es im Deutschen Theater zu sehen, das nächste Mal darf die Kompanie gerne mehr Stücke mitbringen.


  • "Four Corners" von Ronald K. Brown Foto © P. Kolnik
  • "Four Corners" von Ronald K. Brown Foto © P. Kolnik
  • "Revelations" von Alvin Ailey Foto © AAADT
  • "Revelations" von Alvin Ailey Foto © AAADT

Das Alvin Ailey American Dance Theatre hat es nicht leicht. Es gibt die New Yorker Truppe seit 1958, und seither muss sie sich ständig erneuern und die Nase im Wind haben, um ihrem Weltruhm gerecht zu werden. Inzwischen regiert nach Gründer Alvin Ailey (*1931, Direktor 1958 – 1989), seiner Muse Judith Jamison (1989-2011) als dritter künstlerischer Leiter Robert Battle. Und dieser hat für den Tourneestopp in München nicht gerade ein üppiges Programm ausgewählt, um afro-amerikanische Tanzgeschichte in die Gegenwart zu transportieren: Gerade mal drei moderne Choreografien gibt es im Deutschen Theater zu sehen, darunter nicht die Deutschlandpremiere „Open Door“, in deren Genuss Hamburg, Mannheim und Frankfurt kommen, nicht aber Köln und München. Ob der Grund dafür nun die Bühnengegebenheiten sind oder das Publikum, es spricht nicht für die Isarmetropole.

„Four Corners“, das Eröffnungsstück von Ronald K. Brown führt zunächst einmal charmant vom Klischee zum Abstrakten. Vier Damen in weit schwingenden Kleidern und mit um den Kopf gewickelten Tüchern verkörpern laut Programmheft vier Engel, die an den vier Enden der Welt die vier Winde festhalten. Tatsächlich tun sie aber das, was man von afro-amerikanischen Tänzern erwartet: Sie wiegen die Hüften und werfen mit viel Schulter- und Armeinsatz samtäugige Blicke ins Publikum. Doch wer sich davon täuschen lässt, ist selbst schuld. Brown entwirft aus den Bewegungselementen ein fein konstruiertes Tableau aus sorgfältig koordinierter Bein- und Torsoarbeit. Was die Damen tun, wiederholen später drei Herren und zwei Paare, abgewandelt mal als Solo oder in strengen Gruppenformationen. So kristallisiert sich aus den fliegenden Wechseln eine Quintessenz heraus: eine unglaubliche Kunstfertigkeit in Isolationstechnik und in verschiedenen Stilen von Jazz über Ballett und Michael Jackson bis Afro, verbunden mit der höchsten Form von Rhythmusgespür. Hier geht es um neuen Tanz, nicht um eine Sklaven- oder Lovestory.

Obgleich Alvin Aileys choreografisches Werk vom Gospel geprägt ist, erlaubt Battle weder erhobene Zeigefinger noch Tränendrüsen. So wartet auch „Exodus“ von Rennie Harris nicht etwa mit Israel-und-Ägypten-Rührseligkeiten auf, sondern erzählt vom inneren Exodus eines jungen Mannes. Der Weg führt von Ignoranz und Unterwerfung unter alltägliche Gegebenheiten – genauer gesagt geht es um einen tödlichen Schuss – hin zur Erleuchtung und zum selbstständigen Denken. Erzählt wird in House und Hip-Hop durch die gesamte Truppe, was erstaunlich gut funktioniert. Die Schrittwelt des Top Rock, der Basistechnik von Hip-Hop und House, besitzt ein unglaubliches Potenzial, den arrivierten westlichen Bühnentanz zu bereichern (nicht zu sprechen von Breaks und Sprüngen) – wenn nur dieser nicht so borniert wäre, Hip-Hop andauernd wie eine Randerscheinung zu behandeln. In diesen schnellen, überraschenden Schritten mit Bodenhaftung liegt die Zukunft. Ebenso wie übrigens im nicht minder ignorierten asiatischen Tanz. Doch Choreografen, Ballettschulen und Feuilletons stehen ratlos davor wie der Ochs am Berg. Lord, wirf Wagemut vom Himmel, wie er in den Schenkeln der Ailey-Tänzer steckt!

Ganz ausgereift für die Bühne sind Hip-Hop und House in der US-Kompanie andererseits auch noch nicht. Ein Reiz des Stils liegt darin, dass die Schritte von den Tänzern individuell und damit höchst verschieden ausgeführt werden. Das bietet dem Zuschauer viel Ausdruck und Spannung, geht in diesem Fall aber zulasten der Synchronität. Dennoch ist es ein Meilenstein, die Tanzkunst aus Musikvideos einmal frei von dämlichen Gangsterattitüden in ihrer reinen Form zu sehen. Mehr noch, im thematischen Rahmen der Erleuchtung wirkt Hip-Hop keineswegs deplatziert. Er beschert eine besondere erzählerische Dynamik.

Robert Battle selbst steuert das dritte moderne Stück bei: „Takademe“, eine Interpretation des indischen Kathaks. Das Stück entstand 1999 (!) in New York, als in Europa wahrscheinlich nicht einmal jemand wusste, dass es in Indien Kinofilme mit Musik gibt. In leuchtend roter Missoni-Hose schreitet, springt und windet sich Yannick Lebrun durch Sheila Chandras Silbenstakkato. In Indien wird der Scat-Gesang durch Stampfen und ornamentale Arme interpretiert, doch hier führt der Modern Dance aus, was die zackige Sprache vorgibt: eine verspielte, oft alberne, doch hochkarätige Schnelligkeitsprobe. So kann die Mischung von Asien und Amerika aussehen. Und es ist dem Betrachter klar, dass es noch viele andere Möglichkeiten gäbe.

Einen Großteil des Abends nimmt schließlich – wie schon 2014 – Aileys Großwerk „Revelations“ ein. Und damit beginnen die Probleme. Das Signaturstück des Meisters von 1960 zu Gospelmusik wirkt, trotz hervorragender tänzerischer Leistungen, wie ein betuliches Musical samt Schirmchen und Klatsch-mit-Finale. Aber was tun? Die Kunst von Alvin Ailey, sein entspanntes Verhältnis zur Religiosität und zur Geschichte der Schwarzen in Amerika lässt sich nicht so einfach von der Aufmachung wegsezieren. Vielleicht wäre es ein guter erster Schritt, die Kostüme zu erneuern und dann die Choreografie sanft zu modernisieren. Nacho Duato ist es mit Tschaikowskys „Dornröschen“ ja auch gelungen. Was wirklich gut ist, wächst doch mit.

Für das nächste Gastspiel darf das Alvin Ailey American Dance Theatre jedenfalls gerne mehr Stücke mitbringen. Und das immer Selbe gerne einmal aussparen zugunsten von etwas Neuem, Großen. Gerade die kleinen Experimente beweisen, dass die Transformation des amerikanischen Tanzes in die Postmoderne blendend funktioniert.

Veröffentlicht am 23.08.2017, von Isabel Winklbauer in Homepage, Kritiken 2017/18

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