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AFRIKANISCHE POLITREALITÄT

Im Hebbel am Ufer begann „Tanz im August“ mit „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly



Berlins Festival „Tanz im August“ zeigt in dieser Ausagabe einen Themenreigen zu Politik und Gender, Herkunft, Identität, Behinderung und Sexualität


  • „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Doune Photo
  • „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Doune Photo
  • „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Doune Photo
  • „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Doune Photo
  • „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Doune Photo
  • „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly Foto © Sophie Garcia
  • Serge Aimé Coulibaly Foto © Sophie Garcia

Opulent ist auch diesmal Berlins Internationales Festival „Tanz im August“. Für die 29. Ausgabe konnte Kuratorin Virve Sutinen 24 Gastspiele aus aller Welt ankündigen, unter ihnen mehrere Uraufführungen sowie Beiträge von Berliner Künstlern, was sie ins Verhältnis zu überregionalen Entwicklungen setzt. Wie man diesen Themenreigen zu Politik und Gender, Herkunft, Identität, Behinderung und Sexualität bei der Jubiläumsedition 2018 übertreffen will, fragte sich in seiner Eröffnungsrede Kultursenator Klaus Leder. Dem mag man gern zustimmen, bündelt den Blick jedoch vorerst auf das aktuelle Angebot.

Die vier Aufführungen der ersten zwei Festivaltage überragt eine 90-minütige Produktion aus Burkina Faso. In „Kalakuta Republik“ untersucht Serge Aimé Coulibaly nach eigener Aussage den Zusammenhang von Kunst und Revolte. Dazu inspiriert haben ihn Leben und Musik des 1997 verstorbenen nigerianerischen Bandleaders und Politaktivisten Fela Kuti. Trotz Repressionen und Haft stand er zu seiner Kritik an den Militärdiktaturen in seiner Heimat, kreierte nach einem Studium in London als neues Genre den Afrobeat und rief von seinem Nachtklub in Lagos aus die Kalakuta Republic als eine Art Kommune aus. In den Texten zu Kutis über 50 Alben geht es oft auch um gesellschaftliche Deformationen, wie die lange Kolonialära sie in ganz Afrika hinterlassen hat. Obzwar Kuti wegen demagogischer Äußerungen nicht umumstritten ist, ehrt ihn jährlich ein Festival. Als Stimme eines freien Afrika gilt er fraglos.

Das „Kalakuta“-Stück von Coulibaly, der seit 2002 in Europa lebt, legt sich nicht fest und ist deshalb überaus vielseitig interpretierbar. Es beginnt zwischen zwei schräg nach hinten zusammenlaufenden Aufstellern, die als Videowände fungieren. „Without a story we would go“ liest an als Motto des ersten Teils. Hierzu begeben sich die drei Tänzer und Tänzerinnen aus dem Stillsitz in einen kaum je stoppenden Dauertanz zu einem jazzigen Endlostitel, wie er für Kuti typisch war. Eine Art Master unterbricht mehrmals kurz, bündelt die Akteure, lässt sie dann mit neuem Feuer starten. Einzige Requisiten sind ein Sofa und ein fahrbares Tischchen, auf dem immer mal jemand exponiert tanzt und umhergefahren wird. Auf dem Sofa indes vollzieht sich in einer der vielen parallel laufenden Szenen Sex eines Paares, der jedoch vom aktiven Mann ausgeht und auch einen Missbrauch der Frau meinen könnte.

Wo jenes Tanzritual mit seinen vielen Afro-Elementen, Einsatz des Beckens etwa, stattfindet, ob in einer Stadtlandschaft, wie es das Video assoziiert, oder in einem Kalakuta-ähnlichen Club, bleibt nebensächlich. Wichtig scheint, dass sich hier junge Menschen zu ansteckenden Rhythmen und Gesang vom Band in Trance tanzen, als würden sie, eingeengt in ein Zimmer und die Nacht, ihre Umwelt vergessen, sich in Selbstdarstellung üben wollen. Als aber Bilder von Menschenströmen vorüberziehen, die eine Revolte bezeichnen könnten, wechselt der besinnungslos rauschhafte Tanz zu winkligen Bewegungsabläufen, begleitet von einem intensiven Saxophonsolo. Orientierungslos wirken da die Menschen, ohne Gemeinschaftsgefühl, auf der Suche nach Ideen beim Anderen. Ein Paar glaubt verklammert Halt gefunden zu haben, die Frau rutscht jedoch mehrfach aus der Umarmung zu Boden. Der Master gestikuliert, als halte er eine politische Rede, und stoppt hilflos; „seine“ Tänzer sitzen wieder wie eingangs stumm zwischen den Wänden und warten auf etwas; die Leinwand zeigt nur noch Farbschemen.

Worauf sie warten, könnte der zweite Teil erhellen. Er heißt „You always“. Unterm Gepränge einer drehenden Diskokugel tanzt in nebliger Röte zu monotonen Rhythmen eine Frau im geblümten Kleid auf dem fahrbaren Tisch, ganz ihrer aus dem Mittelkörper strömenden Bewegung hingegeben. Langsam kommen, auch aus dem Saal, die übrigen Darsteller hinzu. Der Raum hat sich geweitet und scheint eine neue Freiheit nach der Revolution zu meinen. Jeder kann tun, was ihm beliebt. Der Master raucht beständig einer Frau in Weiß ins Ohr, die sich exaltiert am Mikrofon zu artikulieren versucht. Einem Mann werden so lange Stühle auf die Schultern getürmt, bis er stürzt. „War is a purification rite“ verkündet die Leinwand, das klingt zynisch. Wild wuchert der Tanz, jeder ist auf sich gestellt, Stühle werden geworfen. „United divided Africa“ klagt die Schrift. Mit zur Hälfte weiß geschminktem Gesicht verkündet der Master, eines Tages wolle er Präsident dieses Landes werden. Jeder der Männer wiederholt das. Dies klingt nach afrikanischer Realität, wie die weißen Kolonialisten sie vorgelebt haben. Insofern mag die Wüste auf der Bühne für Afrikas gegenwärtige Politsituation stehen. Aus seinem „Flachmann“ besprüht der Master jeden, so als wolle er Lebenskraft spenden. Tanz bleibt jedoch die einzige Konstante. Im Schultersitz tragen die Männer die Frauen durch den Saal ab. Zurück zum Matriarchat und zur Tradition oder Flucht aus dem Alltag?

Bis 2.9., Tanz im August, Tickettelefon 259 004 27, Infos unter www.tanzimaugust.de

Veröffentlicht am 15.08.2017, von Volkmar Draeger in Homepage, Tanz im Text

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Kommentare zu "Afrikanische Politrealität"



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