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Hamburg

GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel



Ein nicht durchweg gelungener Auftakt für das dreiwöchige Festival, bei dem der Tanz mit sechs verschiedenen Aufführungen eher eine Nebenrolle spielt.


  • "Satie Studs/Ogives Composite" von Michael Clark; Harry Alexander und Benjamin Warbis Foto © Hugo Glendinning
  • "Satie Studs/Ogives Composite" von Michael Clark; Jordan James Bridge Foto © Hugo Glendinning
  • "Satie Studs/Ogives Composite" von Michael Clark; Kieran Page und Melissa Hetherington Foto © Hugo Glendinning

Nach 2014 eröffnete am 9. August nun schon zum zweiten Mal die Michael Clark Company das Internationale Sommerfestival in der Hamburger Kampnagelfabrik, das noch bis zum 27. August andauert. „To a Simple, Rock’n Roll ... Song“ hieß der dreiteilige Abend mit den acht erkennbar klassisch ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern, der schon 2016 in Glasgow Premiere und jetzt auf Kampnagel seine Deutschlandpremiere feierte. Völlig überflüssig allerdings die selbstgefällig-überhebliche Ankündigung der Veranstalter im Sommertheater-Programmheft: „John Neumeier, Du musst schon wieder ganz tapfer sein: Michael Clark ist zurück und zeigt, wie cool Ballett vom Pop aus gedacht ist.“ Ebenso unverständlich, wie sich der Festivalleiter in einem Interview mit dem Hamburg-Journal des NDR am 8. 8. 2017 zu der Äußerung versteigen konnte, dieser Michael-Clark-Abend sei etwas, wo „John Neumeier einpacken“ könne. Denn die dreiteilige Vorstellung war nicht gerade ein großer Wurf.

Gleich zu Beginn die streng geometrisch-symmetrisch angelegten „Satie Studs/Ogives Composite“ – laut Programmzettel eine Reflexion über Clarks MentorInnen und KollegInnen Frederick Ashton, Merce Cunningham, John Cage und Yvonne Rainer. Zu der mal getragen-traurigen, mal trotzig-auftrumpfenden Klaviermusik Erik Saties hat Clark eine fast sakral anmutende feierliche Tanzmeditation geschaffen. Der mittlerweile 55-jährige schottische Choreograf arrangiert seine acht TänzerInnen in vorwiegend diagonalen Linien mit meist synchron nebeneinander oder versetzt zueinander gestellten Bewegungsfolgen. Da gibt es viele gestreckte Beine, lange Balancen in einer bis ans Äußerste gehenden Körperspannung (und bei Weitem nicht alle blieben zitter- und wackelfrei), weite Sprünge bei gleichbleibend ausdruckslosen Gesichtern, deren Blick immer in die Ferne geht. Selten haben die TänzerInnen mal Kontakt miteinander, und wenn, dann bleiben sie doch innerlich distanziert, auch wenn Körper und Beine sich kunstvoll miteinander verflechten.

Die Bühne bleibt vollkommen leer, die Gassen sind schwarz abgehängt, nur der Hintergrund erstrahlt in verschiedenen Schattierungen von Blau zu Blaugrün über Rosaviolett und Orangerot zu strahlendem Gelb, als hätte Lichtkünstler James Turrell höchstpersönlich Hand angelegt (Licht: Richard Goudin). So kommen die Körpersilhouetten in den schlichten Kostümen (nudefarbene Oberteile, schwarze Beintrikots) gut zur Geltung, was den geometrischen Effekt noch verstärkt. Lässt man sich ganz auf diese meditative Bewegungssprache ein, haben diese knapp 20 Minuten durchaus ihren Reiz.

Problematischer dagegen Teil 2 des Abends: „Land“ zu Musik von Patti Smith. Hier erstickt der Tanz unter der übermächtigen, grandiosen Videoinstallation von Charles Atlas „Painting by Numbers“ und der schmerzhaft auf Überlautstärke aufgedrehten Musik. Da mögen sich die TänzerInnen noch so große Mühe geben – in ihren schwarz-weißen Kostümen mit langen schwarzen Latexhosen gehen sie vollkommen in den Zahlenwirbeln des Videos auf. Aber vielleicht hat Clark gerade das beabsichtigt – dass die Bilder den Tanz verschlucken, ihn ansaugen und sich einverleiben?

Warum danach eine 20-minütige Pause folgte, verstand man nicht so recht, zumal die reine Tanzzeit des gesamten Abends nicht mehr als eine Stunde betrug und die Bühne weiterhin leer blieb. Auch mussten die TänzerInnen für Teil 3 und „my mother, my dog and CLOWNS“ zu Musik von David Bowie lediglich in andere Ganzkörpertrikots schlüpfen. Die allerdings waren genial designt (zuständig: Stevie Stewart, Michael Clark): Silbrigschwarz von Hals bis Fuß verliehen sie den TänzerInnen eine schlangenähnliche Silhouette (leider stand davon kein Foto zur Verfügung). Eine schwarze Frauenfigur geistert anfangs durch die Szene („my mother“), während sich eine Tänzerin mit schwarzer Augenbinde auf Spitze zwischen den anderen TänzerInnen hindurchwinden muss. Kurz darauf dann der Switch zu einem anderen Bowie-Song und golden-rot eingefärbten Ganzkörpertrikots gleicher Machart. Abgezirkelt mit vielen Synchronanteilen auch hier die Bewegungssprache, aber fulminant in der Kombination mit der wilden Musik, wobei es an der Gleichzeitigkeit der Bewegungen auch hier leider immer wieder haperte.

Fazit: Ein nicht durchweg gelungener Auftakt für das dreiwöchige Festival, bei dem der Tanz mit sechs verschiedenen Aufführungen eher eine Nebenrolle spielt – das Schwergewicht liegt wie schon in den vorausgegangenen vier Jahren unter Siebolds Ägide auf dessen Lieblingssparten Musik, Performance und Theater. Und man fragt sich, wie er dazu kommt, in einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt“ zu behaupten, das Sommerfestival spiele „inzwischen in einer anderen Liga als vor 15 Jahren“. Wer sich noch an die Zeiten erinnert, als Matthias von Hartz für diese drei Festival-Wochen im August verantwortlich war, ganz zu schweigen von den Jahren, als Dieter Jänicke das Festivalprogramm prägte, oder – noch länger her – Hannah Hurtzig, kann man hier nur einen Abstieg von der Bundes- in die Regionalliga konstatieren. Ein bisschen mehr Bescheidenheit wäre eher angebracht.

Weitere Vorstellungen am 11. und 12. August, jeweils 19:30 Uhr. Karten und Programm des gesamten Festivals: www.kampnagel.de

Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17

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