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Heidelberg

DREISAM, ZWEISAM UND ALLEIN

Das diesjährige Heidelberger ARTORT-Festival des UnterwegsTheaters



Unter dem Motto „Überflieger“ werden choreografische Entdeckungen und der ARTORT-typische Genremix präsentiert.


  • "Shy Blue" von Elías Aguirre Foto © Artort
  • "Flug" von Jai Gonzales Foto © Artort
  • „Solo Juntos“ von Lucio Baglivo Foto © Günter Krämmer

ARTORT, vom Tanz geprägter Kunst-Parcours an bekannten und neu zu entdeckenden städtischen Schauplätzen, ist in Heidelberg längst Kult. In diesem Jahr hatten Bernhard Fauser und Jai Gonzales neben der Hebelhalle mit Hof und Keller ein kurios-bemerkenswertes Gebäude mit einbezogen: die „Chapel“ in der Südstadt. Die denkmalgeschützte, konfessionsneutral konzipierte Kapelle gehört zu den vielen Hinterlassenschaften der US-Streitkräfte in der Neckarstadt. Künftig soll hier ein Bürgerzentrum entstehen, noch rechtzeitig vor dem Umbau setzte ARTORT das ungewöhnliche Kirchengebäude in Szene. Architekt und Fotograf Oliver Mezger fing in seiner Videoinstallation den Lichteinfall der Kirchenfenster ein. Tänzer Paolo Amerio, Ensemblemitglied in Nanine Linnings Heidelberger Dance Company, ließ sich in seinem Solo „SOL | n“ vom Flair des ungewöhnlichen Ortes inspirieren. Typisch für das ARTORT Festival sind bei solchen Gelegenheiten kleine Preziosen wie ein von Tänzern mit Hilfe von Stahlrohren ausgeführtes Glockengeläut oder ein zart betörendes Gute-Nacht-Lied (Felix Mendelssohn), gesungen von Mutter und Tochter (Esther Valentin und Eva Lebherz-Valentin).

Das Tanzensemble des gastgebenden UnterwegsTheaters präsentierte sich dieses Mal in neuer Konstellation: zu den bekannten Tänzern Stavros Apostolatos und Florian Bücking gesellte sich zum ersten Mal Veronika Kornova Cardizarro, eine der prägenden Gestalten des noch unvergessenen Kevin O’Day Ballettes in Mannheim. Sie ist in eine Ausnahmeerscheinung – und das ganz wörtlich genommen, schon allein wegen ihrer ungewöhnlichen Größe. Und so hat Choreografin Jai Gonzales in „Zentri-Fuge“ ganz unmittelbar auf die unterschiedlichen Körper Rücksicht genommen und tänzerisch vorexerzieren lassen, wie die Einbindung einer so speziellen „Neuen“ in eine bestehende Gemeinschaft funktioniert. Apostolatos, selbst ein Hüne, und der deutlich kleinere Bücking wetteifern darum, die große Tänzerin in den Bewegungsfluss mit einzubeziehen. Sie nehmen Anlauf von zwei schiefen Ebenen, heben und tragen die langgliedrige Gestalt mit sanftem Gespür für ein sicheres Gleichgewicht. Der Grieche balanciert die schmale Blondine gar in immer schnellerer Drehung beinahe lässig auf der Schulter oder lässt sie sich kopfüber, kopfunter anklammern. Das Ende ist ein neuer Dreiklang, bei dem das ungleiche Trio auf dem Boden sitzend die ausgestreckten Beine abhebt und über den Körper des Nachbarn zur Seite schwingt – ein Reigen der besonderen Art.

Einen schönen Gegensatz dazu boten die Trios aus Spanien im ARTORT Programm. Das hoch-artistische, witzige Spektakel „Solo Juntos“ (Choreografie Lucio Baglivo) passte perfekt zum ARTORT-Motto „Überflieger“. Mehr inhaltliches Schwergewicht wuchtete Elías Aguirre in „Shy Blue“ auf die Bühne, wo er seine drei Tänzer in gekonnter Unsicherheit über ihr inneres und äußeres Gleichgewicht hielt. Neben Tasten, Taumeln, Stolpern und Zaudern gab es Anleihen an Bewegungen aus dem Tierreich und Versuche der Gleichschaltung zu sehen.

Den ARTORT-typische Genremix ergänzte ein inspirierender Irrgarten aus 50 Türen ehemaliger Umkleidekabinen eines alten Hallenbades in Heidelberg (Thomas Kaufmann) und Nils Herbstrieths Videoprojektion „licht CREAtureN“, die phantastische Lebewesen aus bewegten organischen Formen fast unheimlich in grafische Muster übergehen ließ – Raum für viele Assoziationen. Der eigentliche Höhepunkt des Abends war eher kurz und intensiv: Im Bewegungs-Dialog der gerade zurückgetretenen Mariinsky-Primaballerina Uliana Lopatkina, genauer gesagt einem Video ihrer Version des berühmten Solos „Sterbender Schwan“, versuchte sich der ehemalige Scapino-Tänzer Besim Hoti an einer eigenen Version nach dem Motto „Elektro-Boogie meets Ballett“. Die Ideen dazu kamen von Jai Gonzales, die Fähigkeit, den Körper partiell ruckhaft zu beschleunigen, vom Ausnahmetänzer. Seine „Schwanenflügel“ konnten es dabei lässig mit denen der Petersburger Ballettikone aufnehmen.

Veröffentlicht am 29.07.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/17

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