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Düsseldorf

POLITIK KANN MAN TANZEN

INVENTUR 2 evaluierte in Düsseldorf die aktuelle Situation innerhalb der zeitgenössischen Tanz- und Performancekunstsparten



12 Jahre nach der ersten INVENTUR 2005 in Wien setzten sich Künstler, Wissenschaftler und Veranstalter aus der ganzen Welt mit zentralen Fragestellungen der aktuellen Tanz- und Kunstentwicklung vor dem Hintergrund gegenwärtiger politischer, ökologischer und ökonomischer Krisen auseinander.


  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Company nora chipaumire und Opiyo Okach Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Jan Ritsema auf dem Podium Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Zuschauer Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Foyer Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Zuhörerin Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Gabriele Brandstetter Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Bettina Masuch Foto © Katja Illner
  • Inventur2 im tanzhaus nrw: Vala Tomasz Foltyn und Lia Rodrigues. Foto © Katja Illner

von Nina Hümpel

Sie kamen aus aller Welt nach Düsseldorf und sprachen über Globalismus, Postkolonialismus, Körper in der Krise, Performance im Museum, über Fragen der Ausbildung, der ZuschauerInnen und der Ermächtigung des zeitgenössischen Tanzes. KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, PädadogInnen und VeranstalterInnen referierten und diskutierten immer kontinent- und geschlechterübergreifend vor den gut gefüllten Podien im tanzhaus nrw.

Waren am ersten Tag noch zahlreiche ZuhörerInnen wegen des ungewöhnlichen Formats zwischen Lecture, Debatte und Performance etwas irritiert, verdichteten sich die Themen ab Tag zwei. Für Diskussionen über die Entwicklung und Responsivität von zeitgenössischem Tanz sorgte so der Vormittagspanel am Freitag „Audience and Attention“. Trajal Harrell hielt eine Schlafperformance („The Ambien Piece“) analog zum Vortrag von Claire Bishop ab, die über den Einfluss von Smartphones und sozialen Medien auf Tanz im öffentlichen Raum (hier MOMA) sprach, bevor der Choreograf und Konzeptkünstler Ralph Lemon sein Film-Rechercheprojekt über Rasse, Geschichte und Erinnerung aus Amerikas Süden vorstellte.

Tief beeindruckend waren Lia Rodrigues aus Brasilien und Panaibra Gabiel aus Mozambique, die in ihren Heimatländern künstlerische und strukturelle Grundlagen für den zeitgenössischen Tanz schaffen und dabei zugleich in den öffentlichen städtischen Raum gehen. Rodrigues baute vor 20 Jahren ein Tanzzentrum mitten in die Favelas Rio de Janeiros, wo sie mit ihrer professionellen Kompanie arbeitet und gleichzeitig Tanzunterricht für die Slumbewohner gibt. Die Choreografin, die ihre Produktionen gleichermaßen auf den großen Avantgardefestivals und vor den BewohnerInnen der Favelas zeigt, warnte davor, aus intellektueller Arroganz zu denken, die ungebildeten Bevölkerungschichten könnten keinen Zugang zu zeitgenössischen Künsten finden.

Im von Susan Leigh Fosters geleitetem Talk „Theory“ ging es um Möglichkeiten von Theorie, unterschiedliche politische Bewegungen zu reartikulieren. Anurima Banerji sprach über die repressiven Elemente (nicht nur) des klassischen indischen Tanzes, der slowenische Künstler Janez Janša über die widerständige Haltung/Choreografie im öffentlichen Raum und Rabih Mroué aus Libanon über die Auswirkungen eines (natürlich künstlerisch intendierten) Bombenwarnungsplakats an einer Museumsmauer im Österreich. Ein Talk, der in einer großen partizipativen Geste aller KongressteilnehmerInnen auf der großen Bühne mündete.

Das Zusammenspiel von TheoretikerInnen und KünstlerInnen bekam der Konferenz nicht nur in den Panels außerordentlich gut. So bereicherte Raimund Hoghe mit seiner Lecture Performance „Ich räume auf“ den Kongress um das gerade allgegenwärtige Thema des „Living the Archive“, indem er Texte und choreografische Ausschnitte vergangener Produktionen neu kontextualisierte und einen Querschnitt aus 20 Jahren künstlerischer Arbeit zu einem weiteren anrührenden autobiografischen Abend zusammensetzte. Dabei bildeten Texte zu Flucht und Migration den Kern des Abends - und es wurde deutlich, dass das schon länger so ist, ob in "Meinwärts" von 1994 oder in "La Valse" von 2016.

Mithkal Alzghairs „Displacement“ beschäftigte sich mit dem Themenkomplex Verwurzelung versus Vertreibung. Neben einer brisanten Auseinandersetzung mit dem syrischen Bürgerkrieg ist "Displacement" auch eine Rercherche Alzghairs zu seinem eigenen, von der syrischen Kultur geprägten Körper und zur Folklore seines Heimatlandes. Wurde die Beschäftigung mit den traditionellen Männertänzen z.B. von Christian Rizzo in „D'après une histoire vraie“ schon aufregender choreografiert, so erwies sich die Relevanz des Abends für den gesellschaftspolitischen Aspekt der Tagung als bitter nötig. Denn im Anschluss an die Vorstellung wurden Mithkal Alzghair und Rami Farah auf dem Heimweg am Hauptbahnhof auf entwürdigende Weise Opfer der Düsseldorfer Polizei und eines rassistischen Profilings, obwohl sie gültige französische Pässe und die Einladung des Tanzhauses vorweisen konnten. Es gilt damit weiterhin, nicht nur Fragen der aktuellen Tanz- und Kunstentwicklung vor dem Hintergrund gegenwärtiger politischer, ökologischer und ökonomischer Krisen zu verhandeln. Das relativ kleine Format von Inventur mit einem großem Podium am Vormittag und nur zwei gleichzeitigen Gesprächsrunden am Nachmittag scheint für eine Bestandsaufnahme des aktuellen zeitgenössischen Tanzes dabei als empfehlenswerter als das der oft thematisch und programmatisch überbordenden Tanz- und Wissenschaftskongresse, bei denen man als Besucher Gefahr laufen kann, den Faden zu verlieren.

Am Samstag Abend ging die internationale, von Sigrid Gareis, Gabriele Brandstetter, Martina Hochmuth und Bettina Masuch konzipierte Konferenz erfolgreich zu Ende. Wiederholung erwünscht! Angesichts der rasanten gesellschaftlichen und künstlerischen Umbrüche sind allerdings 12 Jahre Wartezeit für die nächste Inventur definitiv zu lang.


Veröffentlicht am 04.06.2017, von tanznetz.de Redaktion in Homepage, Themen

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