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München

DIE KUNST, DER RAUM UND DER TANZ

DANCE 2017 mit VA Wölfl, Trajal Harrell und Frédérick Gravel



Waren zum Eröffnungswochenende vor allem explizit politische Stücke um die Themen Diversität und Minderheiten geladen, so läutete der Abend von VA Wölfl/ Neuer Tanz eine Reihe hochsinnlicher Performances ein.


  • "von mit nach t: No 2" von VA Wölfl Foto © Thomas Schneider
  • "von mit nach t: No 2" von VA Wölfl Foto © Naoko Hoschino
  • "Caen Amour" von Trajal Harrell Foto © Orpheas Emirzas
  • "Caen Amour" von Trajal Harrel Foto © Orpheas Emirzas
  • "Some Hope for the Bastards" von Frédérick Gravel Foto © Stéphane Najman

Einem Laboratorium gleich öffnet sich vor der Zuschauertribüne der Muffathalle ein White Cube, erfüllt vom kraftvollen Gitarrenriff elf schwarzer Gibsons. Kabel ringeln sich über den Bühnenboden. In Endlosschleife spulen die TänzerInnen jene wenigen immer gleichen Töne ab. Nur eine fällt aus der Reihe. Ihr Jodeln formt sich zu einem „Let it be“.

Waren zum Eröffnungswochenende des diesjährigen DANCE-Festivals unter Leitung von Nina Hümpel vor allem explizit politische Stücke um die Themen Diversität und Minderheiten geladen, so läutete der Abend von VA Wölfl/ Neuer Tanz eine Reihe hochsinnlicher Performances ein. Nach langer Zeit war die Mitte der 80er gegründete Truppe des Aktionskünstlers wieder zu Gast in München und begeisterte mit ihrem aktuellem Stück, dem zwischen bildender Kunst und Tanz changierendem „von mit nach t: No 2“.

Im weißen Würfel der Bühne formiert sich Situation um Situation. Gerahmt durch sich verändernde Lichtstimmungen, Farbveränderungen und zwischen Aloha, Disco und Blues wechselnder Musik springt jedes Detail in diesem zunächst alle Referenzen verweigernden, ästhetisierten Raum ins Auge. Durch das buchstäbliche Hineintragen und Einräumen der Objekte entspinnen sich assoziative Strukturen. Brautkleider, Pistolen, Bibeln. Ins narrative Leere führend, entziehen sie sich jeder Interpretation. Fragt man sich bei der verrosteten Karosserie – als Autolegende den 1960ern zuordenbar – ob dass womöglich das Modell Robert Kennedys gewesen sein könnte, so verliert sich im nächsten Moment die Spur des im Programmheft angekündigten Reenactments seiner Ermordung wieder, um später in einem Tableau vivant verdichtet wiederzukehren. Nachgestellt die Schusspositionen in rauschenden Brautkleidern, endend in der Schlusspose des sterbenden Schwans. Eigentlich will man dieser Spur auch gar nicht folgen, sondern sich lieber von den flexiblen Kontexten leiten lassen, die sich in der Spannung von Objekt und Körper ereignen.

Klar und präzise choreografiert, wird der Körper dabei zum puren Material: kurze rhythmisierte Kopfwendungen, ein Heben der Ferse, die durch die Luft streifende Hand. Jede Bewegung wird organisiert, wiederholt, verlangsamt, beschleunigt. Handlung um Handlung reiht sich aneinander. Skulptural modelliert sind diese Körper, und gerade in dieser reduzierten Inszenierung plastisch und menschlich. Vom ersten Moment an ist da die Verbindung zum Publikum, fesselnd und erst mit der letzten PPS-Botschaft wieder loslassend. Widerwillig nimmt man Abschied.

Bei VA Wölfl noch auf der Tribüne sitzend, findet man sich bei Trajal Harell auf Sitzkissen am Boden der Kammer 2 wieder. Auch bei ihm wechselt das Bühnengeschehen zwischen Installation und Aufführung, zwischen der Begegnung von Performern und Zuschauern – und kreiert aus der Verbindung von Bewegung mit der Materialität von Raum und Kostüm eine irisierende Erfahrung.

Der US-Choreograf widmet sich in „Caen Amour“ vielgestaltigen historischen Verknüpfungen des Tanzes. Dabei dient Hoochie Coochie – ein pseudo-orientalischer Tanzstil aufgekommen in den Burlesken um 1900 – als Folie für seine Show, die sich zwischen Butoh, Modern Dance und Voguing bewegt.

Den Bühnenraum mit einer einfachen Holzkonstruktion zweigeteilt, entwirft Harrell eine Raumskulptur, halb Harem, halb zur Ankleide umfunktioniertes WG-Zimmer, zwischen Verführung und Entzauberung, erotisch aufgeladenem Tanz und der bloßen Vagina. Zwischen der Präsentationsfläche Bühne und jenem Dahinter, einer Wunderkammer gleich, in dem sich sorgfältig drapiert Magazine, Poster, Klamotten und Wohnutensilien zu einem Referenznetz verknüpfen und so Männer- und Frauenbilder ineinander übergehen lassen, in Frage stellen, aufheben.

Im Überlagern dieser Kontexte, von Zeiten, kulturellen Codes und Bewegungsstilen lotet Harrell das Wie des Tanzes aus. Verkörperte Exotik, meist an den Körpern der beiden männlichen Performer (Thibault Lac und Ondrej Vidlar) imaginiert und mit den lose genähten Kostümen zu immer neuen Silhouetten geformt, schwankt zwischen der Fremdheit männlicher Erotik und voyeuristischer Fleischbeschau, dekonstruiert Vorstellungen von Weiblichkeit an Männerkörpern. Begleitet von einem Mix aus hypnotisierenden Rhythmen, Tabla-Klängen, einem Countrysong und Clubmusik lugen behaarte Männerbeine unter dem glitzernden Tuch der Tempeltänzerin hervor, werden überdimensionierte, zusammengeflickte Männerhosen weit schwingend über die einem Laufsteg anmutende Bühne getragen. Das Hybride der Körper klingt so auch in den Kostümen an.

Diese Aneignung von ursprünglich männlich bzw. weiblich konnotierten Attributen und der Mischung der Tanzstile geschieht im konstanten Fluss einer Modenschau. Laufen, umziehen, erneut auftreten. Augen suchen sich, verweigern dann den Blick – bis sich die Präsentation Backstage bricht im Solo der nackten Frau (Perle Palombe). Selbstverständlich, erbarmungslos.

Da beginnt Frédérick Gravels „Some hope for the bastards“ als letzte Uraufführung des Festivals entsprechend nett. Die Szenerie erinnert an einen Konzertsaal längst nach Mitternacht. Hineingestolpert zu den Typen in Anzügen, den Frauen in Abendkleidung. Mit Bierflaschen in der Hand hängen sie auf der von Scheinwerfen gesäumten Bühne ab. Hinter ihnen thronen Schlagzeug und E-Gitarren.

Auf das kurze Anspielen der Musik Johann Sebastian Bachs folgen schnell Elektrobeats. Sie lassen die Unterleiber ruckeln und beben, wandern dann langsam weiter Richtung Brustkorb. Und schon steckt man mitten drin in der Clubnacht, deren Dramaturgie den Abend bestimmt. Ekstase, Exzess, Ernüchterung. Der Choreograf mal mit Gitarre, mal am Mischpult kommentiert mit einem „Bastards – we are all“ und fährt die Soundregler hoch, die Bässe fahren in alle Fasern des Körpers. Die TänzerInnen, mittlerweile in Jeans, Shirts und Sneakers, ziehen sich an ihren zappelnden Gliedmaßen, entgleißen im individuellen Tanz, funktionieren in der synchron getakteten Choreografie. Sie unterwerfen sich der durchdringenden Musik, die Vergänglichkeit dieser Nacht zelebrierend. Nur kurz sitzen sie regungslos, Gravel an der Gitarre stimmt verloren ein Lied über die Liebe an. Die besinnungslose Nacht scheint fast zu Ende, ein melancholischer Moment, in dem die Nichtigkeit dieses überbordenden Spektakels mit einem Mal gewahr wird. Nur weiter. Der nächste Beat nimmt sie mit, eine im Gleichklang wippende und zuckende Masse aus individuellen Leibern. Kurz klappen sie zusammen, schon richten sie sich wieder auf. Eine packende Performance, mit der das Dance-Festival in den Abschlussabend entlässt.

Veröffentlicht am 25.05.2017, von Miriam Althammer in Homepage, Kritiken 2016/2017

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Kommentare zu "Die Kunst, der Raum und der Tanz"



    • Kommentar am 03.06.2017 22:03 von Sabine Winkler
      Ein tolles Festival!! Und gut für das Tanzrenommmée der Stadt München. Ich habe einige Performances gesehen, wenn man auch nicht alle 20 Produktionen besuchen konnte, und die Muffathalle irgendwie besser passte als die kalte Architektur des Carl-Orff-Saals im Gasteig. Die Kuratorin Nina Hümpel hat wirklich ein spannendes und vielfältiges Programm zusammengestellt. Neben dem Carl-Orff-Saal als Aufführungsort sollte man eines doch aber kritisch hinterfragen. Wie kommt es, dass bei einem internationalen (!) Festival auch Choreografen / Produktionen aus Deutschland zum Zuge kamen? Wird z.B. ein Richard Siegal von der Stadt München herausragend gefördert, so pampert man ihn zusätzlich als "Münchener Kindl" mit einer Teilnahme an dieser internationalen Biennale. Da bleibt fast der Eindruck, die beiden anderen Produktionen aus Deutschland wären Feigenblätter. Ein Schelm, wer Böses dabei vor dem Hintergrund des Einsatzes städtischen Steuergeldes denkt. Bei aller Kreativität und Qualität der Kuratorenarbeit und städtischen Förderung täte dem Tanzplatz München etwas mehr political correctness durchaus gut. So viel zu Stil und Identität, dem Titel des Artikels.

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