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Lüneburg

SCHWANENSEE RELOADED

„Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan“ von Olaf Schmidt in Lüneburg



Ein Tanzabend von Olaf Schmidt am Theater Lüneburg mit mehr oder weniger ernstgemeinten Assoziationen an den zeitlosen Klassiker.


  • "Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan" von Olaf Schmidt; Giselle Poncet und Wallace Jones Foto © Andreas Tamme
  • "Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan" von Olaf Schmidt; Barbara Krabbe und Wout Geers Foto © Andreas Tamme
  • "Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan" von Olaf Schmidt; Gabriela Luque und Francesco Fernandes Marsal Foto © Andreas Tamme
  • "Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan" von Olaf Schmidt; Giselle Poncet und Wallace Jones Foto © Andreas Tamme
  • "Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan" von Olaf Schmidt; Olaf Schmidt und Ensemble Foto © Andreas Tamme
  • "Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan" von Olaf Schmidt; Olaf Schmidt und Ensemble Foto © Andreas Tamme

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein Choreograf der trivialen Story von „Schwanensee“ annimmt, um sie humorvoll auf zeitgemäße Art zu interpretieren. Einen recht ungewöhnlichen Dreh dafür hat jetzt Olaf Schmidt gefunden, Ballettdirektor am Theater Lüneburg und mit einer kleinen, aber sehr feinen zehnköpfigen Kompanie gesegnet. In „Laura oder Immer Ärger mit dem schwarzen Schwan“ will er einerseits einen Blick hinter die Kulissen wagen, andererseits steht der „schwarze Schwan“ im Wirtschaftsjargon der Börse auch für die unvorhersehbare Katastrophe. Das spielt dann allerdings im Stück keine Rolle mehr, es ist nur ein Wortspiel im Wortspiel. Die Musik kommt vom Band und ist eine wilde Mischung aus Tschaikowsky, Beethoven (Mondscheinsonate!), Korngold, Gershwin, Schönberg, Bach, Rachmaninow, Piazolla und anderen.

Olaf Schmidt schildert das Entstehen des Ballettklassikers aus der Bühnenperspektive: Der Choreograf Hannes (verkörpert von ihm selbst) erarbeitet eine eigene Version, angelehnt an die klassische Vorlage, und natürlich ereignen sich dabei diverse Missgeschicke. Es geht schon damit los, dass die Tänzerin Laura, die die Hauptrolle tanzen soll, beim Zahnarzt weilt und eine andere Tänzerin für sie einspringen muss. Natürlich macht das Corps nicht, was es soll, und auch mit den Solisten gibt es immer wieder Probleme bis hin zum handfesten Krach. Ganz aus dem alltäglichen Tänzerleben gegriffen also.

Oder doch nicht? Manchmal wirken die Beispiele, die Olaf Schmidt hier auffährt, ein bisschen sehr bemüht. Hat ein Choreograf solche Blackouts, dass ihm in der Probe partout keine Schritte einfallen? Ist er immer so ungerecht zu seiner Kompanie? Geht es wirklich so zu auf und hinter der Bühne? Mit all den Launen, Empfindlichkeiten, Eifersüchteleien, Gehässigkeiten, Sonderwünschen? Ist es in Wahrheit vielleicht noch viel schlimmer? Oder überzeichnet hier einer nur, damit das Publikum seinen Spaß hat? Denn den hat es natürlich, wenn die vier kleinen Schwäne von einer Männergruppe getanzt werden (keine unbedingt neue Idee, aber ein garantierter Gag). Oder wenn die Inspizientin als Ballerina einspringt, weil sie früher mal Ballettunterricht hatte (was für Barbara Krabbe zutrifft, die diese Rolle mit Hingabe ausfüllt). Oder wenn die Schwäne in Bergstiefeln tanzen sollen anstatt in Spitzenschuhen. Oder wenn die etwas zickige französische Kostümbildnerin Coco (schön exaltiert und mit Allüre: Kerstin Kessel, frühere Tänzerin und heutige Ballettmeisterin der Kompanie) außer sich gerät über die bekloppten Ideen des Choreografen. Oder wenn in einem Pas de trois einfach nichts klappt (großartig in dieser kurzen Sequenz: die technisch brillante Julia Cortés mit den früheren Ensemble-Mitgliedern Thomas Pfeffer und Oliver Hennes).

So reiht sich eine Episode an die andere – mehr als zweieinhalb Stunden lang (unterbrochen lediglich von einer 15-20-minütigen Pause). Das ist auf diese lange Strecke dann doch etwas ermüdend. Am stärksten ist das Stück immer dann, wenn Olaf Schmidt seine eigene Choreografie entfalten kann, wenn er nicht als exzentrisch-gekünstelter Hannes auf der Bühne steht. Für diese Zwischensequenzen hat er seinen TänzerInnen eine Bewegungssprache auf den Leib geschneidert, die eben kein Slapstick ist, keine Schwanensee-Adaptation irgendeiner Art, sondern Ausdruck pur. Da geht es um Gefühle, die sich unmittelbar im Tanz erschließen – um Melancholie, um Traurigkeit, aber auch um Zuneigung, Zartheit, Verständnis. Und um Individualität, um das ganz Eigene eines jeden Menschen, das es zu respektieren gilt und das eben nicht in irgendeine Schablone passt.

Olaf Schmidt hat das Glück, sich dabei auf zehn TänzerInnen stützen zu können, die sein modernes Bewegungsvokabular ebenso beherrschen wie die klassischen Versatzstücke, die zwangsläufig zu einer „Schwanensee“-Adaptation gehören: ob das Giselle Poncet ist als Odette/Odile, oder Gabriele Luque als Marina, Claudia Rietschel als Tatjana, Rhea Gubler als Fabienne; und natürlich bei den Männern Anibal dos Santos, Wout Geers, Wallace Jones, Francesc Fernández Marsal und der famose Phong Le Thanh.

Natürlich mündet das Ganze nach vielen Irrungen und Wirrungen in einem opulenten Finale ... das dann aber doch nicht so endet, wie das Publikum sich das vorgestellt hat, was wiederum dazu angetan ist, den Spaßfaktor noch mal einige Etagen höher zu drehen. Den Lüneburgern hat es prächtig gefallen: standing ovations für Olaf Schmidt und seine Kompanie, die verdienterweise inzwischen eine große Fangemeinde haben.

Weitere Vorstellungen am 10. und 22. Juni sowie in der nächsten Spielzeit. Kartentelefon 04131-42100 bzw. im Internet unter www.theater-lueneburg.de

Veröffentlicht am 25.05.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/2017

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