HOMEPAGE



Berlin

DIE FRAUEN EMANZIPIEREN SICH

Applaus für das Berliner Gastspiel des Ballett am Rhein mit Martin Schläpfers „7"



Das Zentrum bilden Mann und Frau, ihre Anziehung und Abstoßung, Dominierung und Befreiung. Faszinierend ist die Wucht, mit der Schläpfer dieses Sujet in immer neuen Tanzbildern spannend in Szene setzt.


  • "7" von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt
  • "7" von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt
  • "7" von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt
  • "7" von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt

Von Michaela Schabel

„Je öfter ich die ‚Siebte’ höre, desto verrückter wird sie.“ Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 7 inspirierte Martin Schläpfer zu Dingen, von denen er selbst, wie er im Programmheft preisgibt, nicht wusste, dass sie in ihm seien. Die Choreografie „7“ ist wie Mahlers musikalische Vorlage ein Werk der Gegensätze voller Wucht und Poesie, Kampf und Zärtlichkeit, Licht und Schatten, Mensch und Marionette, traditionell und voller Innovation.

Das Energiezentrum bilden Mann und Frau, ihre gegenseitige Anziehung und Abstoßung, Dominierung und Befreiung. Faszinierend ist die Wucht, mit der Martin Schläpfer dieses Sujet in immer neuen Tanzbildern spannend in Szene setzt. Sprünge, Hebefiguren, Schritt- und Spitzentechnik verweisen auf die traditionelle Basis des klassischen Balletts, Expression des Körpers, vor allem die Bewegungen der Arme, des Beckens, abgewinkelter Beine geben dem Düsseldorfer Ensemble seine so mitreißende individuelle Handschrift.

Florian Etti baut für „7“ eine dezente Bühnenkulisse, die moderne nüchterne Glasarchitektur je nach Lichtregie ins Bewusstsein schiebt, gleichzeitig zwischen Nacht, schmalen und taghellen Horizonten atmosphärisch oszilliert. Dazu passen bestens seine reduzierten Kostüme. Deren Optik switcht ständig zwischen businessmäßigem Dress-Code und sexy Körpersprache. Graue Hosen, Kleider, Röcke kontrastieren mit den weißen Blusen weiblicher Unerfahrenheit, verführerisch wallende Haarmähnen mit nackten muskulösen Oberkörpern der Tänzer.

Die Choreografie folgt Mahlers Sinfonie Nr. 7 in fünf Sätzen im Spannungsbogen zwischen fanfarischer Wucht und impressionistischem Flirren, volkstümlichen Melodien und einzelnen Klangkörpern. Jede Tonfolge findet tänzerische Interpretation in einer gelungenen Mischung aus parodistisch überzogenen oder dynamisch erweiterten Ballettfiguren und expressivem Ausdruckstanz. In Stiefeln getanzt ergibt sich passend zur Musik eine zusätzliche Perkussionsebene, folkloristische Derbheit, auf Spitzenschuhen in doppelter Geschwindigkeit eine witzig parodistische Interpretationsebene hinsichtlich traditioneller Form- und Handlungsmuster.

Gebückt mit Hängearmen fokussiert ein Tänzer zu Beginn beim „Allegro risoluto ma non troppo“ auf den Zustand des Menschen von heute. Einsam ist er, völlig ausgelaugt. Er will sich aufrichten und bricht doch zusammen. Die Energie dazwischen, die Erotik, das verliebte Herumirren, wird in immer neuen Variationen vertanzt und verblüfft wie die Musik mit immer neuen Überraschungen.

Sehr geschäftig oder als harmlose Püppchen auf Spitzenschuhen definiert Schläpfer in zweiten Satz der „Nachtmusik“ zunächst das Frausein, willenlos in den Armen der Männer und doch mit unendlich weit gespreizten Beinen voller Sehnsucht nach Liebe. Getanzte Erotik der Männer im Pulk wirkt wie eine Vision oder wie ein Albtraum, wenn sie sich die Frauen nehmen, sie an den Haaren ziehen und dominieren. Doch Martin Schläpfer offeriert in den nächsten Sätzen zunehmend paritätische Beziehungsstrukturen, wenn Tänzer und Tänzerinnen nacheinander orgiastisch zappeln, mit den Stiefeln trampeln oder auf Spitzenschuhen vibrieren.

Klassische Pas de trois verwandelt er in eine rasante Amour trois, wobei die Hingabe an den einen zum Elend des anderen wird. Wuchtig bauen sich Beziehungen in drei Paaren synchron auf, fallen in sich zusammen, sobald einer ausschert. Das Ergebnis wiederholt sich in existenzieller Vereinsamung, statt Munchs „Schrei“ ein ratloses Dastehen und Weggehen von der Bühne des Lebens.

Die Frau wird in der Hebefigur zum Phallussymbol schlechthin, gleichzeitig am Schluss wie eine Diva hoch erhoben hinausgetragen. Damit wandelt Martin Schläfer die Sinfonie Nr. 7, Mahlers Musik ewiger Wanderschaft, nicht zuletzt bedingt durch die Frauen, zur Ballettchiffre „7“ weiblicher Dominanz in der menschlichen

Veröffentlicht am 12.04.2017, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2016/2017

Dieser Artikel wurde 2702 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Frauen emanzipieren sich"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DEMIS VOLPI WIRD BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF DES BALLETTS AM RHEIN

    Zur Spielzeit 2020/21 tritt der Choreograf die Nachfolge von Martin Schläpfer an

    „Demis Volpi ist einer der spannendsten, kreativsten und vielversprechendsten Choreografen und Regisseure der jungen Generation“, so der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, Prof. Christoph Meyer.

    Veröffentlicht am 15.03.2019, von Pressetext


    BEHERRSCHER DER GEISTER

    Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

    Mit Sensibilität und Respekt für die Erwartungen des Publikums hat Martin Schläpfer auch die Duisburger Fraktion der Deutschen Oper am Rhein für sein Ballett am Rhein gewonnen.

    Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf

    Martin Schläpfer setzt auch durch seine zweite Zusammenarbeit mit der Grande Dame der zeitgenössischen Musik höchste Maßstäbe für den Bühnentanz im 21. Jahrhundert.

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko


    MONAT FÜR MONAT MIT KRAFT UND ELEGANZ UND FREUDE

    Eine Kalender-Hommage an Martin Schläpfers zeitgenössisches Tanzensemble

    Der Fotograf und ehemalige Tänzer Gert Weigelt zeichnet für die exquisiten Abbildungen verantwortlich, die alle von einer puristischen Eleganz durchzogen sind.

    Veröffentlicht am 23.11.2015, von Andrea Amort


    B.25 BEIM BALLETT AM RHEIN

    Ein neuer van Manen für deutsche Tanzfans!

    Die Premiere von b.25 in Düsseldorf mit Raritäten von Forsythe, Ashton und van Manen war ein Fest. Die deutsche Erstaufführung von van Manens "Two Gold Variations" bot den Höhepunkt.

    Veröffentlicht am 12.10.2015, von Marieluise Jeitschko


    DEM TOD IN DIE ARME TANZEN

    Ballettabend b.22 in Duisburg mit Schläpfer und Robbins

    Neuer Ballettabend mit Jerome Robbins' asketisches Ballett "Moves" und Martin Schläpfers vielschichtig opulente Choreografien "verwundert seyn - zu sehn" (2015) und "Ein Wald, ein See" (2006).

    Veröffentlicht am 25.01.2015, von Marieluise Jeitschko


    BIS INS KLEINSTE DETAIL

    Der zweite Dumont-Kalender des kongenialen Teams Weigelt-Schläpfer

    Von zehn Choreografien Schläpfers, uraufgeführt zwischen 2010 und 2013, hat Gert Weigelt Ablichtungen für seinen zweiten Dumont-Kalender ausgewählt - eine stattliche Galerie von künstlerisch wie technisch perfekten Momentaufnahmen.

    Veröffentlicht am 17.11.2014, von Marieluise Jeitschko


    EIN GANZ NEUER BÜHNENKOSMOS

    Martin Schläpfers "Deep Field" in Düsseldorf

    Von überall her wispert, schnalzt, gurrt, juchzt, singt und summt es. Mit archaischer Größe taucht dieses Theaterspektakel die Menschheitsgeschichte in fahles Licht, Raumklänge und Bewegung.

    Veröffentlicht am 24.05.2014, von Marieluise Jeitschko


    TOTENGEDENKEN UND FASCHINGSSCHERZ

    Der neue Ballettabend b.18 des Ballett am Rhein vereint Werke von George Balanchine und Martin Schläpfer sowie eine von Nils Christe.

    Vom sakralen Trauermarsch in Christes "Sorrowful Songs", zum parodistischen alpenländischen Volkstanz in Schläpfers "Sinfonien" hin zum geometrisch-vornehmen "Episodes" von George Balanchine - die Zuschauer des Ballett am Rheins dürfen sämtliche Gefühlslagen durchleben.

    Veröffentlicht am 18.01.2014, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE NEWS


    PREISE FÜR SCHÜLER DER JOHN CRANKO SCHULE

    Gabriel Figueredo gewinnt Grand Prix und Dance Europe Magazine Award beim Youth America Grand Prix
    Veröffentlicht am 23.04.2019, von Pressetext


    MISSHANDLUNGEN AN DER BALLETTSCHULE DER WIENER STAATSOPER?

    Die Ballettakademie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert
    Veröffentlicht am 11.04.2019, von tanznetz.de Redaktion


    GERT WEIGELT ERHÄLT DEUTSCHEN TANZPREIS 2019

    Ehrungen für Jo Parkes und Isabelle Schad für herausragende künstlerische Entwicklungen
    Veröffentlicht am 05.04.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DORNRÖSCHEN - BALLETT VON PJOTR ILJITSCH TSCHAIKOWSKI

    PREMIERE am 12. April 2019 um 19.30 Uhr im Großen Haus des Theaters Trier

    Roberto Scafati präsentiert mit Dornröschen einen der größten Klassiker der Ballettliteratur von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky.

    Veröffentlicht am 27.03.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    MISSHANDLUNGEN AN DER BALLETTSCHULE DER WIENER STAATSOPER?

    Die Ballettakademie sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert

    Veröffentlicht am 11.04.2019, von tanznetz.de Redaktion


    GENDER-UTOPIEN

    „Kylián/Goecke/Montero“ in Nürnberg

    Veröffentlicht am 15.04.2019, von Alexandra Karabelas


    MÜNCHEN IM TANZFIEBER

    Vom Minifestival „depARTures“ weiter zur Ballettfestwoche, die das Bayerische Staatsballett sensationell mit „Jewels“ von Balanchine eröffnet.

    Veröffentlicht am 17.04.2019, von Vesna Mlakar


    KÖSTLICHE KOSTPROBEN UND GEBALLTE TANZLUST

    "b.39" in Düsseldorf

    Veröffentlicht am 13.04.2019, von Marieluise Jeitschko


    ERSTE SCHRITTE UND GRAND JETÉS IN ALLER VIELFALT

    Frühlings-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung

    Veröffentlicht am 13.04.2019, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP