HOMEPAGE



München

EIN GRANDIOSES UNTERHALTUNGSSPEKTAKEL

Münchner Staatsballett tanzt Christopher Wheeldons „Alice im Wunderland“



Das ist wunderbar getanztes, fern jeglicher psychologischer und soziologischer Interpretationen großartig inszeniertes ‚Erzählballett’, in dem jede Geste sitzt und jede Drehung zur Musik passt.


  • "Alice im Wunderland" von Christopher Wheeldon; Ensemble Foto © Wilfried Hösl
  • "Alice im Wunderland" von Christopher Wheeldon; Maria Shirinkina und Vladimir Shklyarov Foto © Wilfried Hösl
  • "Alice im Wunderland" von Christopher Wheeldon; Ensemble Foto © Wilfried Hösl
  • "Alice im Wunderland" von Christopher Wheeldon; Maria Shirinkina Foto © Wilfried Hösl
  • "Alice im Wunderland" von Christopher Wheeldon; Ksenia Ryzhkova und Henry Grey Foto © Wilfried Hösl

Von Michaela Schabel

Hier stimmt einfach alles. Choreografie, Musik, Bühne, Projektionen, Kostüme und Licht fusionieren zu einem zum Meisterwerk vertanzten Handlungsballett. Lewis Carrolls vielschichtigen Kinderroman „Alice im Wunderland“ (1865) verwandelte der neuklassische Erfolgschoreograf Christopher Wheeldon bereits 2011 in ein farbenfrohes Unterhaltungsspektakel für das Royal Ballet London in Kooperation mit dem kanadischen Nationalballett. Getanzt vom Münchner Staatsballett eröffnete Ballettdirektor Igor Zelensky mit „Alice im Wunderland“ die diesjährige Ballett-Festwoche in der Münchner Staatsoper vor begeistertem Publikum.

Man taucht ein wie in ein Filmepos, erzählt von Tönen und tänzerischem Ausdruck. Job Talbots facettenreiche Komposition changiert zwischen monumentaler Wucht, hauchzarten lyrischen Passagen und perkussiver Leitmotivik. Umgekehrt entwickelt Wheeldon, inspiriert von Musik und Text, ein Feuerwerk von Tanzstilen und Überraschungseffekten.

Idyllisch beginnt „Alice im Wunderland“ vor herrschaftlicher Kulisse im flirrenden Sommerambiente. Alices erstes jauchzendes Verliebtsein steckt alle an, wird aber von den Eltern unterbunden. Von Maria Shirinkina mit bezauberndem Mädchencharme, kecker Mimik und rebellischer Gestik getanzt, taucht Alice ab, springt dem Hasen hinterher in ein Loch. Alice schrumpft und wächst. Winzig klein tanzt sie zwischen den in Bühnenhöhe projizierten Beinen, neckisch, verliebt, wie eine kleine Fee mit dem weißen Kaninchen (Javier Amo), dem Märzhasen (Stefano Maggiolo), vor allem aber mit dem Herzbuben (Vladimir Shklyarov).

Die Inszenierung eilt von Höhepunkt zu Höhepunkt. Hinreißend steppt der verrückte Hutmacher (Jonah Cook). In farbträchtigen Tableaus wird indisch, orientalisch und Wiener Walzer getanzt. Als Spielkarten fegt das Ensemble über die Bühne, selbst das Krocketspiel mit Flamingos und Igeln wird überaus liebenswert vertanzt. Jede Geste sitzt. Jeder Schritt, jede Drehung passt zur Musik. Oft in Dreierkonstellationen weicht die Normierung schnell individueller Ausgestaltung, wird Ballett passend zum Thema gegen die Regeln mit modernen Tanzelementen aufgepeppt und das Solo der Herzkönigin mit Séverine Ferrolier zur hinreißenden Wackelparodie. Noch bevor die Herzkönigin alle hinrichten lassen will, stürzt das Kartenhaus der Fantasie in sich zusammen. Alice schwebt nach oben und findet sich, aufgewacht von einem intensiven Traum, im Park der Gegenwart als verliebter Teenie von heute. Als Hommage an Carroll gilt ihm der letzte Moment. Er liest schmunzelnd in seinem Buch.

Das ist fern jeglicher psychologischer und soziologischer Interpretationen großartig inszeniertes ‚Erzählballett’, flott, vergnüglich wie ein Musical und wird sicher auch in München ein beliebtes Repertoirestück.

Veröffentlicht am 06.04.2017, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 2703 mal angesehen.



Kommentare zu "Ein grandioses Unterhaltungsspektakel "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    VOLLER LEBENDIGKEIT

    Die Wiederaufnahme von „Raymonda“ an der Bayerischen Staatsoper
    Veröffentlicht am 25.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    ULM MOVES!

    3. Ulmer Tanzfestival vom 7.-17 Juni 2018
    Veröffentlicht am 25.05.2018, von Anzeige


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ULM MOVES!

    3. Ulmer Tanzfestival vom 7.-17 Juni 2018

    Das 3. Ulmer Tanzfestival ULM MOVES! steht in den Startlöchern. Vom 7. bis 17. Juni 2018 heißt es wieder Tanz pur in der Ulmer Innenstadt und auf den Bühnen der vier Veranstalter: Roxy, Stadthaus, Theater und Ulmer Zelt.

    Veröffentlicht am 25.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    STADTTHEATER MEETS FREIE SZENE

    Ben J. Riepe choreografiert für das Ballett am Rhein

    Veröffentlicht am 29.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    ZUM DRITTEN MAL: DIE WELT ZU GAST IN MÜNCHEN

    Munich International Ballet School Gala

    Veröffentlicht am 01.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    KREATIVE ERFAHRUNGEN FÜR DEN NACHWUCHS

    Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung im Münchner Nationaltheater

    Veröffentlicht am 24.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    DIE STIMME DER NATUR

    Jörg Weinöhls letzte Produktion in Graz: „Sommernacht, geträumt“

    Veröffentlicht am 07.05.2018, von Gastbeitrag


    ZIRZENSISCHE HOMMAGE AN PINA BAUSCH

    Adolphe Binder beweist in Wuppertal mit Dimitris Papaioannou einen guten Griff

    Veröffentlicht am 13.05.2018, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP