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Stuttgart

POWERPÄRCHEN BEI NACHT

"Nachtstücke" beim Stuttgarter Ballett



Mit Werken der drei Choreografen Edward Clug, Jirí Kylián und Louis Stiens zeigt das Stuttgarter Ballett wie viel man alleine durch Bewegung erzählen kann.


  • "Falling Angels" von Jiří Kylián; Ensemble Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Falling Angels" von Jiří Kylián; Anouk van der Weijde, Aurora de Mori, Elisa Ghisalberti, Daiana Ruiz, Veronika Verterich, Jessica Fyfe, Ami Morita Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Ssss..." von Edward Clug; Elisa Badenes, Adam Russell-Jones Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Ssss..." von Edward Clug; Rocio Aleman, Pablo von Sternenfels Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Qi" von Louis Stiens; Hyo-Jung Kang, Robert Robinson Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Qi" von Louis Stiens; Agnes Su, Matteo Miccini Foto © Stuttgarter Ballett

Wie beweist man, dass Bewegung erzählt? – Man behauptet: Es gelinge kaum oder nur sehr aufwendig. Doch wenn man sich die Ohren zuhält, die Musik ausschließt und nur der getanzten Bewegungsfolge mit allen Sinnen folgt, gibt es noch während der Aufführung die Chance, noch mehr zu verstehen als über die üblichen Hilfsmittel wie Timbre des Bewegungsflusses, Bühne, Licht, Objekte und Kostümbild möglich ist. Dann passiert Sprache in einem selbst. Episoden beginnen sich als konkrete Geschichten zu erzählen. Wieder gegeben in einer Sprache, in die eben die Bewegung im Augenblick und im gleichzeitigen Moment ihrer Anschauung überführt werden kann. Gleichwohl muss der Choreograf hierfür die notwendigen Voraussetzungen geschaffen haben, mit Tänzern, die geschult sind in klarer Technik, hoher Präzision in der Linienführung und nonchalanter Präsenz. So wie der herausragende Edward Clug, dessen „Ssss....“ für das Stuttgarter Ballett aus dem Jahr 2013 im Rahmen der aktuellen Premiere mit dem Titel „Nachtstücke“ erneut zur Aufführung kam.

Das Wiedersehen mit dem bestechenden Stück bei einer der besten Kompanien Europas, das erste von Dreien an diesem Abend, eröffnete neue Perspektiven. Es inszeniert sich als Kontakthof der zufälligen Aufenthalte und Begegnungen jener Menschen, die in der Parallelwelt globalisierter Wirtschaft unterwegs sind. Powerpärchen, nach außen hin straff und glatt organisiert, jedoch heillos in ihre problematischen Machtkämpfe und Beziehungsmuster verstrickt, befangen im Selbstoptimierungszwang, sodass Liebe längst keinen Platz mehr hat, auch wenn deren verletzende Kraft noch da sein darf. Der Ort, an dem diese Menschen miteinander ihre Geschichten klären, könnte konkret ein leerer Konzertsaal sein, in dem die Pianistin Alina Godunov mehrere „Nocturne“ von Chopin spielt, mit dem Rücken zum Publikum. Es könnte auch eine Lobby in einem Hotel oder am Flughafen sein. Ein Haufen Stuhlreihen drängelt sich auf der Bühne. Die Filme „Lost in Translation“ oder „Somewhere“ von Sophia Copola fallen einem ein, oder die Gemälde des amerikanischen Malers Edward Hopper. Dort jedenfalls werden die spannungsreichen Duette und Trios zu Spiegelbildern kontrolliert ausgetragener Fehden, eingebettet in eine Grundatmosphäre trennender Einsamkeit und kaum formulierter Sehnsucht nach Ausstieg. So könnte man „Ssss ...“ in seinen Tiefenschichten salopp interpretieren. Denn nie fließt ihre Bewegung nach außen, immer stoppt sie vor ihrer Entfaltung, wendet sich zurück zum Körper, der sich faltend und verschiebend durch den Raum in die nächste Begegnung hineinmanövriert. Der Rhythmus der Bewegungsskulpturen, die aus einem Lebensreich der Strukturierung, der Anpassung und der Zielorientiertheit zu kommen scheinen, ist schneller als Chopins Musik, die alles umspült; unregelmäßiger, sehr zeitgemäß, in gepresster, markiger Hetze, fast zuweilen puppenhaft. Am Ende war man auf der Hut gewesen gegenüber Chopins „Nocturne“-Kompositionen, die gleichwohl bereits zur Zeit ihrer Entstehung das gesamte Spektrum menschlicher Empfindungen zum Thema machten, Zeuge einer handfesten Dreiecksgeschichte, Frauenfiguren, die gehen oder verlassen werden, und Männern, die kaum Beziehung zu gestalten vermögen.

Ähnlich weit kann auch Louis Stiens choreografische Kunst den Betrachter tragen, auch wenn seine Uraufführung am Anfang schwieriger zu greifen war, sprich: erst einmal stumm blieb, um dann aber mit einem klaren Statement zu enden. „Qi“ markiert einen spannenden Versuch eines noch jungen Choreografen, einen eigenen Entwurf zeitgenössischen Balletts anzupeilen, der, ähnlich wie dies bei den früheren Goecke-Stücken schon der Fall war, schier berstende Energie des Lebens und Lust am Tanz in eine individuelle ästhetische Handschrift zu überführen sucht, die gleichzeitig aktuelles Lebensgefühl zum Ausdruck bringt. „Qi“ auf Kompositionen des Barock-Komponisten Johann Heinrich Schmelzer, beginnt mit einem Solo von Hyo-Jung Kang, begrüßt dann eine Gruppe junger männlicher Tänzer, um danach zu seinem ersten Höhepunkt zu gelangen: ein langes Solo getanzt von Adam Russel-Jones, dessen Bewegung der Handflächen und der Füße immer wieder an den von Nijinsky überlieferten Bewegungstext erinnerte. Ein sprühender, auch schräger, humorvoller Geist, der eine wunderbare Begegnung mit seiner Partnerin feiert – es schien, als ob hier eine Blaupause für eine nächste Interpretation von „L’après midi d’un faune“ abgegeben würde. Während das Stück also kurzweilig zwischen Soli und Gruppenparts hin- und herkreiselte und -wedelte, mit diskreten, aber für Abwechslung sorgenden Kostümwechseln, gewann es an Bedeutungsdichte. Bald ahnte man, dass hier jemand über die Nutzung verschiedener Bewegungsbilder Tanz hinsichtlich dessen Geschichte punktuell und ausschnitthaft bis zur Gegenwart erzählen mag – vom Gruppentanz des Barock über den Beginn der Moderne bis zur elektronisch zugemüllten Gegenwart. Wie wenig Platz und Chancen die heutigen Beats einem plötzlich filigran wirkenden Tänzer lassen, wie sehr er dagegen ankämpfen muss, zeigt die Schlussszene mit einem faszinierenden, den Blick verschwimmen lassenden Videobild von Christine Nasz: Stiens lässt Robert Robinson zu Evian Christs „That´s me“ arbeiten, bis er wie ein fauler Matschklumpen gegen die hintere Bühnenwand klatscht. Hier wird „Qi“ zum kritischen Statement gegenüber einer alle Bewegung und Körper dominierenden Industrie.

Gott sei Dank endete der Abend mit der Stuttgarter Erstaufführung von Jirí Kyliáns „Falling Angels“ aus dem Jahr 1989 auf Steve Reichs Percussion-Komposition „Drumming Part 1“ für acht Tänzerinnen aus dem Corps de Ballet und dem Kreis der Solisten und Halbsolisten. Immer noch die zeitgenössische Choreografie von Anne Teresa de Keersmaekers auf dieselbe Komposition im Hinterkopf klopften die Trommelschläge alle Betroffenheit vom Ende des letzten Stückes aus einem heraus. Auch wenn die eine oder andere Tänzerin noch nicht die Ruhe in der Vielzahl der geforderten Bewegungen gefunden hatte und noch nicht ganz ersichtlich wurde, was hier getanzt wird, stellt „Falling Angels“ eine spannende Repertoireerweiterung dar, da nicht zuletzt das Thema der Melancholie, die Geworfenheit in die Existenz und die Reflexion über Getrenntheit, neuen Eingang in den Stuttgarter Themenkatalog gefunden hat.

Veröffentlicht am 26.03.2017, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Powerpärchen bei Nacht"



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