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Heidelberg

TREFFEN AUF MUNDHÖHE

Zur Uraufführung „Bacon“ von Nanine Linning im Heidelberger Zwinger



Im neuen Stück, der Wiederaufnahme einer 2005 entstandenen Arbeit, lässt sich Linning auf die Bilderwelt Francis Bacons ein. Ein tanzhistorischer Zufall, dass sich auch ein anderer Ex-Heidelberger mit dem Maler beschäftigt hat: Hans Kresnik.


  • Nanine Linnings "Bacon" im Heidelberger Zwinger Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • Nanine Linnings "Bacon" im Heidelberger Zwinger Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • Nanine Linnings "Bacon" im Heidelberger Zwinger Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • Nanine Linnings "Bacon" im Heidelberger Zwinger Foto © Kalle Kuikkaniemi

Wer als Tänzer in Nanine Linnings Heidelberger Dance Company anheuern will, darf keine Höhenangst haben. In vielen ihrer Stücke schweben die Tänzer hoch über der Bühne, in dieser Spielzeit bevorzugt kopfüber. Aber was im aktuellen Stück „Khôra“ als abschließender Party-Gag daherkommt (die TänzerInnen schenken dabei Sekt aus), ist das Aufgehängt-sein im neuen Stück „Bacon“ die Höchststrafe. Das Fegefeuer lodert an den über Eck gestellten Wänden; Komponist Jacob Ter Veldhuis haut dem Publikum Quietschen, Kratzen und drohende Tierstimmen um die Ohren; im Dunkeln (Lichtdesign und Szenografie: Jan Boiten) kriechen archaische Lebewesen in hautfarbenen Bodys auf die Bühne. Zwei Tännzerinnen sind kopfüber an den Füßen aufgehängt. Die eine wird eher beiläufig als gnädig erlöst, die andere muss hängen, bis sie irgendwann abfällt und wie tot liegen bleibt.

Nanine Linning lässt sich in ihrem neuen Stück, der Wiederaufnahme einer 2005 entstandenen Arbeit, auf die Bilderwelt von Francis Bacon ein. Es ist ein tanzhistorischer Zufall, dass auch ein anderer Ex-Heidelberger sich mit dem berühmten britischen Maler beschäftigt hat: Hans Kresnik. Er ließ den charismatischen Tänzer Ismael Ivo eindrucksvoll in die Rolle des zerrissenen und getriebenen Künstlers tauchen und betrachtete Bacon ganz offensichtlich als Bruder im Geiste seiner typischen Schock-Ästehtik. Nanine Linning dagegen suchte eine Begegnung auf Augenhöhe – oder vielmehr auf Mundhöhe. Die ist geprägt durch den zugleich stummen und lautstarken Schrei, den Francis Bacon immer wieder gemalt hat - und der im Videostream von Juliane Noß eine Hauptrolle spielt. Zitiert wird auch ein verstörendes Foto, das Bacon nach eigenen Aussagen tief bewegt hat: ein Schuss mitten ins Auge (aus Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“).

Statt die Bilderwelt des Francis Bacon zu zitieren, kreiert Nanine Linning selbst ein choreografisches Gemälde, freilich mit vielen direkten und indirekten optischen Anspielungen. Ein leuchtendes, Raum gliederndes Linien-System spielt auf die Ästhetik des Malers an, der sich konventioneller malerischer Perspektive konsequent verweigerte. Und wenn eine Tänzerin sich Kopf voran in ein Klo stürzt, dann erinnert sie damit auf den verhängnisvollen Freitod von Bacons Lebensgefährten.

Was den Tanz angeht, so lässt die Choreografin ihre drei weiblichen und drei männlichen Protagonisten absolut gleichberechtigt raubtierhaft aufeinander los. Wer die Beute ist und wer das Opfer, ist dabei nie eindeutig auszumachen, denn die Rollen wechseln blitzschnell, und Frieden ist nicht vorgesehen. Freilich entfaltet dieses gegenseitige Umkreisen in längeren Duos ganz nebenbei auch eine attraktive Ästhetik, die mit der brutalen, kompromisslosen Wirkung eines Francis Bacon nicht viel gemeinsam hat.

Dem Publikum bot sich im intimen Rahmen des Heidelberger Zwinger 1 ausgiebig Gelegenheit zum intensiven Blick auf die athletischen Tänzerkörper; zum Dank gab’s freundlichen Beifall.

Veröffentlicht am 21.03.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/2017, Tanz im Text

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