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Berlin

REISE DURCH DIE TIEFEN DES EMPFINDENS

Christoph Winkler lässt Naishi Wang in „Crossing Half of China to Sleep with You“ nach chinesischer Lyrik tanzen



Zum Inhalt jeder Zeile sucht Wang eine adäquat markante Pose und lässt sie lange im Raum stehen.


  • "Crossing Half of China to Sleep with You" von Christoph Winkler; Naishi Wang Foto © Dieter Hartwig
  • "Crossing Half of China to Sleep with You" von Christoph Winkler; Naishi Wang Foto © Dieter Hartwig
  • "Crossing Half of China to Sleep with You" von Christoph Winkler; Naishi Wang Foto © Dieter Hartwig
  • "Crossing Half of China to Sleep with You" von Christoph Winkler; Naishi Wang Foto © Dieter Hartwig

Der Raum mit seinen vier mächtigen Mittelsäulen scheint nicht ideal für Tanz. Am Ende eines Laubengangs in der ersten Etage eines Altneubaus am Kottbuser Platz liegt die Vierte Welt. Auf die entkernte Arztpraxis weist noch das Strebengewirr an einer plattenbefreiten Decke hin; gelb ausgelegt ist der Boden. Dies halbmarode Ambiente hat sich die freie Kunst erobert. Auch der Tanz. Hier stellt Christoph Winkler eine seiner gelungensten Produktionen aus letzter Zeit vor, wiewohl sie sich direktem Zugriff entzieht. „Crossing Half of China to Sleep with You“ zitiert ein Gedicht von Xinhua Yu, mit dem die seit Geburt spastisch behinderte Dichterin 2015 im Internet sensationellen Erfolg hatte. Das mag, darf man der englischen Übersetzung trauen, an den poetischen Metaphern wie an der freien Form und dem für China ungewohnten Bekenntnis zu sexuellem Begehren liegen. Was vor gut 25 Jahren Jacalyn Carley in der Tanzfabrik gezeigt hat, wie man Text und Tanz zusammenbringt, das führt als ihr experimentierfreudiger Nachfahre nun Christoph Winkler fort. Auch er gibt seinem Solointerpreten Naishi Wang den bloßen Gedichttext vor und lässt ihn sich dazu in ein, in sein Verhältnis setzen.

Vor der Performance betet der praktizierende Zen-Buddhist und bringt sich in die innere Balance für das Abenteuer TextTanz. In China erhielt er eine Ausbildung in Ballett und Folklore, tanzte danach in einer kanadischen Kompanie. Toronto ist sein Wohnsitz, mit Winkler verbindet ihn die dritte, ganz sicher ungewöhnlichste Kollaboration. In schwarzer Jeans und dunklem Pulli steht er vor dem Weiß der Wand, schlägt die Hände vors Gesicht, als wolle er sich in Trance bringen. Dann beginnt der Dialog mit dem Text. Zum Inhalt jeder Zeile sucht er eine adäquat markante Pose und lässt sie lange im Raum stehen. Da kreuzen sich seine Arme, wenn, wie im Gedicht, die zwei Welten kollidieren; da kniet er und breitet die Arme aus; da stemmen sich im Stand seine Hände in die Brust, als wollten sie etwas herauspressen. In der typisch einbeinigen Shiva-Pose, ein Knie gebeugt, den zweiten Fuß angelegt, neigt er sich weit vor; mit gebreiteten Schwingen wird er fliegender Kranich; mit einer Hand holt er etwas von oben und hält es gepresst - jene Nächte des Gedichts, die in einem Morgen verdichtet werden, und all dies in der unbändigen Sehnsucht, mit der geliebten Person zu schlafen.

Mit Torsion des Körpers weicht er dem Kugelhagel aus, der ihn umpfeift, reagiert gekauert auf die sich verändernde Lage in China: explodierende Vulkane, austrocknende Flüsse, entlassene politische Häftlinge und verdrängte Arbeiter. Auch Umarmungen finden statt, imaginäre oder reale Vereinigung mit dem Du des Gedichts. Dann erscheinen einzelne Zeilen als Projektion auf den vier Wänden des Raums, Wang wandert auf sie zu und posiert davor. Insofern ist die Vierte Welt doch wieder ein geeigneter Ort, zu zeigen, welch gewaltigen Weg der Liebende auf sich zu nehmen bereit ist. All dies ereignet sich in einer somnambulen Grundstimmung, als durchlebe der Tänzer einen Traum, ohne jede Hektik, im Sinn des Zen-Buddhismus gänzlich auf den Augenblick konzentriert. Zwischen fester Form und Ausbrüchen in Bewegung und Atem vollzieht sich das, beult den Körper spastisch in alle Richtungen, reißt ihm verzerrten Gesichts den Mund weit auf, dem statt Worten nur Atemstöße entfliehen. So pendelt er von Gefühlen des Krampfs, Kampfs und Zwangs zurück zu innerer Stabilität, bis ihn ein von Winkler live geschlagener Gong antreibt - ob zu mehr Suchintensität oder Rückbesinnung auf sein Ich, bleibt ebenso offen wie die Annäherung an den Gehalt eines chinesischen Gedichts in einer unvollkommenen englischen Übertragung. Reisereminiszenen mögen es sein, die Naishi Wang in seiner wunderbar anzusehenden, auf den Zuschauer reinigend wirkenden Choreografie gestaltet, den Weg durch die Tiefen und Untiefen eigenen Empfindens zu sich selbst, ‚nur’ ausgelöst durch die Lektüre eines starken Stücks Lyrik.


Veröffentlicht am 25.02.2017, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2016/2017

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Kommentare zu "Reise durch die Tiefen des Empfindens"



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