HOMEPAGE



Osnabrück

TANZ ALS BEWEGTE MUSIK

Von Wigman bis Goecke und de Candia: "Danse Macabre" in Osnabrück



„So geht freier Tanz heute!“ möchte man der selbst ernannten „Priesterin des Tanzes“ Mary Wigman zurufen, die so viel wagte, aber aus heutiger Sicht so wenig ahnte von den Möglichkeiten „der Bewegung aller Dinge“.


  • "Totentanz II (1926)" von Mary Wigman; Rekonstruktion Henrietta Horn Foto © Jörg Landsberg
  • "Totentanz I (1917/1921)" von Mary Wigman; Rekonstruktion Henrietta Horn Foto © Jörg Landsberg
  • "Supernova" von Marcp Goecke Foto © Jörg Landsberg
  • "Sacre" von Mauro de Candia Foto © Jörg Landsberg

Die Dance Company Osnabrück nimmt das Angebot der Kulturstiftung des Bundes „Tanzfonds Erbe“ gern wahr und sehr ernst. Mit Patricia Stöckemann als Projektleiterin wird Wigmans Werk beispielhaft von einem Team um Henrietta Horn rekonstruiert und einstudiert und aktuellen Choreografien gegenübergestellt. Das Programm „Sacre“ begann 2013 mit Wigmans Strawinsky-Choreografie von 1957, gefolgt von abstrakten Kurzchoreografien des damaligen Bielefelder Kooperationspartners Gregor Zöllig und Osnabrücks damals noch gerade neuem Osnabrücker Tanzchef Mauro de Candia. Jetzt stehen neben Wigmans Totentänzen von 1917/21 und 1926 Kreationen von Marco Goecke und de Candia.

Seit 1910 tastete sich Wigman an einen freien Tanzstil heran. Einer der ersten Versuche war ihr Quartett auf Camille Saint-Saëns' Klavierstück „Danse macabre“ aus dem Zyklus „Tänze der Nacht“. Sie selbst, Yvonne Georgi, Gret Palucca und Berthe Trümpy tanzten die vier vermummten, wie putzige Kobolde mit spitzen grauen Hüten und bunten Gewändern hüpfenden Gestalten in der revidierten Dresdener Fassung von 1921, die sehr genau musikalische Rhythmen und Akzente spiegelt. In Osnabrück alternieren die vier Tänzerinnen der Premiere mit vier Tänzern.

Im Felix-Nussbaum-Haus sind als Teil der umfangreichen Rahmenveranstaltungen zum Thema „Totentanz“ auch die Grafiken zu sehen, die Ernst Ludwig Kirchner während Wigmans Proben zu ihrem „Totentanz II“ in Dresden skizzierte. Wesentlich eindrucksvoller, weil schon wirklich expressionistischer Ausdruckstanz und mit eigens komponierter Musik für Schlagzeug, kommt diese Gruppenszene von 1926 über. Frank Lorenz traktiert die Instrumentengruppe in eigener Komposition nach Ideen von Wigmans musikalischem Begleiter Will Götze.

Der Dämon (bei der Premiere Jayson Syrette) in grünem faltenreichen Gewand, das nur das maskierte Gesicht, die Hände und die nackten Füße frei lässt, zeigt seine Macht über Menschenleben und Totenreich mit ausladender Gestik, weiten Sprüngen und Schritten. Sechs Lemuren bilden sein Gefolge. Vorn kauert eine „weibliche Gestalt“ (Marine Sanchez Egasse), die um ihr Leben bangt und bettelt. „Der Tod und das Mädchen“ ist thematisch nicht weit, aber auch Kurt Jooss' „Grüner Tisch“ natürlich und stilistisch Harald Kreutzbergs unvergessliche Solo-Auftritte.

Mit amerikanischen Saxofonklängen und Jazzgesang untermalt Marco Goecke „Supernova“ - ein Stück über das Verglühen eines Sterns. Wenn die Streichhölzer in den Händen der Tänzer verglimmt sind, bleibt dunkelgrauer ‚Qualm’ - wie Puderquasten oder aufgeplusterte Pfauenfedern auf ihren Köpfen - übrig, bis der Raum völlig dunkel ist. Der fast 25-minütige ‚Todeskampf’, der vorausgeht, zeigt ein so blitzartiges Zappeln, Flirren, Zucken, Gucken und Rucken, wie es eigentlich allenfalls ein zu Tode getroffener Tausendfüßler vollführen kann.

„Supernova“, 2009 uraufgeführt, ist eins dieser faszinierenden, unterhaltsamen Muskel- und Gliederspielchen von Goecke, die heutige Tänzer immer wieder vor größte physische Herausforderungen stellen und ihnen schier unmenschliche Konzentration, Koordination und Präzision jeglichen Körperteilchens abverlangen - und ihnen wie den Zuschauern unglaublich viel Spaß machen. „So geht freier Tanz heute!“ möchte man der selbst ernannten „Priesterin des Tanzes“ zurufen, die so viel wagte, aber aus heutiger Sicht so wenig ahnte von den Möglichkeiten „der Bewegung aller Dinge“. Osnabrücks Ensemble gibt alles - mehr als je zuvor.

Das trifft auch auf die den Abend beschließende Uraufführung von Mauro de Candias „Sacre“ zu. Dass diese Choreografie nicht schon vor vier Jahren als zeitgenössisches Pendant zu Wigmans Fassung auf dem Programm stand, lässt sich leicht damit erklären, dass weder der Italiener damals als Choreograf noch seine Kompanie tänzerisch schon so reif wie heute war. De Candias Interpretation des so vielfältig aufgeführten einstigen Skandalstücks verblüfft durch die fast völlige Abstraktion und durch die Nähe zur Musik. Aber in keinem Moment, wenn Bewegung und Musik sich doppeln oder gerade gegenläufig begegnen, kommt das Gefühl auf, hier werde Musik illustriert. De Candia hat schon mehrfach, insbesondere mit der 1. Sinfonie von Brahms, bewiesen, dass er ein besonderes Gespür für das Zusammenspiel von Klang und Bewegung hat. Mit „Sacre“ erreicht er einen weiteren Höhepunkt seiner künstlerischen Reife.

Optisch ist diese Einstudierung von nobelster Ästhetik. Die Bewegungssprache zitiert mit größtem Feingefühl den Ausdruckstanz ebenso wie antike Marmorskulpturen und zeitgenössisches Bewegungsvokabular. In blendend weiße Ganzkörpertrikots von den Zehenspitzen bis über die Frisuren sind die Tänzer gehüllt. Posen und Gruppierungen, meist in slow motion, entsprechen dem archaischen Gehalt der russischen Frühlingslegende. Eine vornehmere Hommage an Mary Wigman ist kaum vorstellbar.

Veröffentlicht am 12.02.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2016/2017

Dieser Artikel wurde 5191 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanz als bewegte Musik"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Wayne McGregor, Marco Goecke, dazu Mauro de Candia als aufgehender Stern und Gregor Seyffert als Crossover-Regisseur, sind ein beeindruckendes Choreografen-Quartett für diese Gala.

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    SPANNENDER DREIKLANG

    Thoss, Goecke und de Candia in Osnabrück

    Dreiteilige Ballettabende gibt es an deutschen Theatern zuhauf. So oft stehen sie landauf, landab auf dem Programm, dass man manchmal fast gar keine Lust mehr darauf hat. Nach der Osnabrücker Premiere von „Tri_Angle“ wird man schamrot angesichts derartiger heimlicher Maulerei.

    Veröffentlicht am 21.02.2016, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE NEWS


    ERFOLG FÜR TANZ.MEDIA

    Die Mitgliederversammlung des Dachverband Tanz wählt mit größtmöglicher Zustimmung Nina Hümpel von Tanz.Media in seinen Vorstand.
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    NEUER FOKUS FÜR "TANZ IM AUGUST"

    Ricardo Carmona übernimmt ab 2023 die Künstlerische Leitung des Berliner Festivals
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    FOLKWANG BERUFT HENRIETTA HORN

    Henrietta Horn ist Professorin am Institut für Zeitgenössischen Tanz
    Veröffentlicht am 18.09.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ECTOPIA

    Choreographie Richard Siegal 2021, aufgeführt mit SHOOTING INTO THE CORNER (2008-09) von Anish Kapoor

    Seit 2015 bringt das Tanztheater neben Stücken aus dem Repertoire von Pina Bausch auch Kreationen verschiedener Gastchoreograph*innen auf die Bühne.

    Veröffentlicht am 16.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden

    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

    Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

    Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    „TO SEE, TO HEAR, TO KISS, TO TOUCH, TO DIE …“

    Theater- und Tanz-Performance über Elisabeth I. von England von Angelika Neumann und Krisztina Horvàth im Haus Eden in Lübeck

    Veröffentlicht am 22.09.2021, von Renate Killmann



    BEI UNS IM SHOP