HOMEPAGE



Berlin

BIZARRE MOMENTAUFNAHMEN EINER WG

Sasha Waltz' „Allee der Kosmonauten“ amüsiert im Radialsystem



Die Bezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf verbindet sie: die Allee der Kosmonauten. Was sich in ihren Elfgeschossern in Plattenbauweise abspielen könnte, das hat Sasha Waltz 1996 über Interviews vor Ort in Erfahrung gebracht.


  • Allee der Kosmonauten (1996) von Sasha Waltz (2nd Cast) Foto © Sebastian Bolesch

Die Bezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf verbindet sie: die Allee der Kosmonauten. Sie wurde ab den 1970ern angelegt, ist fast fünfeinhalb Kilometer lang und zu Teilen flankiert von Elfgeschossern in Plattenbauweise. Was sich in ihnen und auch anderen Großbausiedlungen mit ihrer Wohnenge abspielen könnte, das hat Sasha Waltz 1996 über Interviews vor Ort in Erfahrung gebracht. Sicher nicht eins zu eins umgesetzt, aber inspiriert vom Gehörten entstand der Einstünder „Allee der Kosmonauten“, mit dem zugleich ein neuer Spielort eröffnet und bald zu einer ersten Adresse wurde: die Sophiensaele. Gut 20 Jahre nach dem sensationellen Erfolg dieser Produktion erobert sie nun auch das Radialsystem V, den angestammten Auftrittsort von Sasha Waltz & Guests.

Das Verblüffende: vier der sechs an der Kreation beteiligten Tänzer stehen wieder auf der Szene, ergänzt durch zwei „Neue“, die agieren, als wären sie Teil der Urbesetzung. Dramaturg Jochen Sandig hat so geschickt wie oft süffisant verdichtet, wie Menschen mit- und nebeneinander oder auch aneinander vorbei leben, was dieses Leben an kleinen und größeren Misslichkeiten, Missverständnissen und Missverhalten mit sich bringt. Amüsant ist das zu sehen, manchmal auch eher traurig, und stets vehement akrobatisch angelegt.

Viel Szenografie braucht es nicht, wenn Körper sprechen. Eine Zimmerwand mit Monitoren, ein Sofa als umkämpften Wohlfühlhort und ein Tisch lassen Raum für die Aktion. Die startet in der Stille: Auf einem stehenden Brett sitzt, nicht eben gemütlich, hoch oben Luc Dunberry, versucht eine Plastiktüte aufzublasen, kippt dann urplötzlich nach vorn ab, brabbelt und verfällt in mechanische Zuckbewegung. Hinter dem Sofa taucht Juan Kruz Días de Garaio Esnaola auf, erklimmt abenteuerlich artistisch das Sitzmöbel, bis Takako Suzuki, zur dicken Alten ausgestopft und wohl seine Frau, darauf Zeitung liest, ehe sie offenen Mundes einschläft. Lärmend stößt als Störenfried mit Zöpfen und jüngste Generation Zaratiana Randriananteneinanzu, legt sich auf die Alten, wird fortgeschubst. Dunberrys laute Musik aus dem Kofferradio im Nebenraum lässt den Alten zur Tat schreiten, was in einer Prügelei endet und beiden „Fuck you“ abnötigt.

Absurd geht es bei den Marionetten und Zerrbildern gemeinsamen Wohnens weiter. Der Tisch wächst, nackte Menschenbeine werden sichtbar; die Lesenden wachsen pantomimisch mit. Am Ende der Episode lehnt die Tischplatte an der Wand, obenauf dirigiert der Alte, weit unten ragen fremde Beine hervor. Immer wieder geraten die drei Paare miteinander oder auch die Generationen in Streit, der bisweilen brutal und gewalttätig ausgetragen wird. So als Dunberry mit seiner Freundin Agelina Gouvi, schon in Unterwäsche, in ein Freilstilringen ausbricht, während Nicola Mascia, zweiter Vertreter der Jugend, Ralf Bursys Schlager „Kalte Augen“ intoniert. Im Sex finden sich dann die Kampfhähne, und auch die beiden Jungen flirten rüde. Erst als der Alte den Teenager zu Boden geschlagen hat und den Schlips richtet, kehrt für einen Augenblick Frieden ein. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Als aus menschlichen Stützen mit Brettern ein Regal gebildet wird, kampeln die Alten um das rechte Anordnen von Nippes darauf. Die Szenen mit den Brettern in ihrer Bizarrerie und artistischen Brillanz gehören zu den Höhepunkten einer mit Einfällen gespickten Inszenierung, die den Tänzern geschwinde Reaktion und perfektes Eingespieltsein abverlangt.

Über welche Ausdruckskraft Esnaola verfügt, etwa wenn er krumm wie eine Witzfigur umherschlurft und dennoch ein ausgepichter Haustyrann bleibt, ist so singulär wie sein Akkordeonspiel, ob Walzer, Marsch oder Tango, das die Mitbewohner allmählich zum Tanzen bringt. Nur seine Frau beschleichen erotische Gedanken in ihrer Einsamkeit. Denn um Alleinsein in der Gemeinschaft geht es, hierfür findet Sasha Waltz in sprühender Erfindung ein ums andere Bild. DDR-Schlager in ihrer Biederkeit mischen sich wiederholt in die Kompositionen von Lars Rudolph, auch Fetzen von Mozart und Smetana klingen an. Nichts aber hat in dieser geistigen Einöde, dieser Existenz ohne jedwede Ambition Bestand. Momentaufnahmen einer in ihrer Sinnfreiheit ertappten Wohngemeinschaft enden um das Sofa herum das Bewegungsgetöse. Sasha Waltz ist damit ein Repertoirestück gelungen, das in seiner Dichte und Stringenz einzigartig ist und ohne Zeitbezug funktioniert, selbst auf der größeren Bühne des Radialsystems.

Veröffentlicht am 31.01.2017, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2016/2017, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3184 mal angesehen.



Kommentare zu "Bizarre Momentaufnahmen einer WG"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    LICHT UND DUNKEL

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    "remains“ von Andrew Schneider mit Sasha Waltz & Guests ist die letzte Uraufführung Berliner im Radialsystem V bevor das Theater wegen der Corona-Krise erst einmal schließt.

    Veröffentlicht am 13.03.2020, von Dieter Hartwig


    ENTFREMDUNG IN SCHWARZ-WEIß

    Sasha Waltz & Guests mit „Rauschen“ in der Hamburger Kampnagelfabrik

    Der Berliner Choreografin gelingen viele spannende und exzellent getanzte Schwarz-Weiß-Tableaus, insgesamt jedoch wirkt das Stück über große Strecken bemüht und zusammenhanglos.

    Veröffentlicht am 02.02.2020, von Annette Bopp


    PUZZLESPIEL

    Sasha Waltz & Guests mit "Exodos" im Radialsystem in Berlin

    Das neue Stück "Exodos" von Sasha Waltz & Guests zeigt opulente Weltverdammung mit versöhnlichem Ausgang.

    Veröffentlicht am 26.08.2018, von Volkmar Draeger


    BILDERFLUT

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    "EΞΟΔΟΣ I Exodos" von Sasha Waltz im Berliner Radialsystem V bringt Publikum und PerformerInnen zusammen.

    Veröffentlicht am 23.08.2018, von Dieter Hartwig


    IN DER FREIHEIT DER GEGENWÄRTIGKEIT

    Zum 25-jährigen Jubiläum von Sasha Waltz & Guests: "Dialoge-Wirbel"

    Die Performance im Berliner Radialsystem legt den Schwerpunkt auf die situative Begegnung zwischen KünstlerInnen. In Improvisationen zwischen Tanz und Musik treffen künstlerische WegbegleiterInnen auf Waltz' Kompanie.

    Veröffentlicht am 09.04.2018, von Elisabeth Leopold


    SO GANZ WIRKT DIE EROTIK HEUTE NICHT MEHR

    Sasha Waltz & Guest zeigen bei den Oster-Tanz-Tagen in Hannover drei Choreografien

    Irgendwo zwischen gestern und heute bewegt sich dieser dreiteilige Abend mit „Sacre du Printemps“, „L’Après-midi d’un faune“ und einem Ausschnitt aus „Roméo et Juliette“.

    Veröffentlicht am 30.03.2016, von Andreas Berger


    SASHA WALTZ & GUESTS IST EU-KULTURBOTSCHAFTER 2013

    20 Jahre bewegtes Leben und Arbeiten im europäischen Raum

    Die Compagnie Sasha Waltz & Guests ist in ihrem 20. Jubiläumsjahr von der Europäischen Union offiziell zum »EU-Kulturbotschafter« 2013 ernannt worden. Das Auswahlgremium würdigt damit die vielfältigen Aktivitäten der Compagnie in Europa

    Veröffentlicht am 06.05.2013, von Pressetext


    KEINE PERSPEKTIVE FÜR DIE ZUKUNFT VON SASHA WALTZ IN BERLIN

    Saha Waltz sucht neuen Standort für eine solide und langfristig tragfähige Situation für ihre Arbeit

    Die Senatskanzlei Berlin hat Sasha Waltz in aller Deutlichkeit signalisiert, dass der Kultursenator keine konkrete Perspektive zur Lösung der lange bekannten und von der Verwaltung anerkannten Probleme der Compagnie anbieten kann.

    Veröffentlicht am 05.02.2013, von Pressetext

    10 


    TOR ZU INNEREN GESICHTEN

    „Choreografen der Zukunft“ präsentieren Sasha Waltz & Guests im Radialsystem

    Veröffentlicht am 25.02.2010, von Volkmar Draeger


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München
    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel


    WIE DOMINOSTEINE

    Premiere „Changes“ mit Uraufführungen von Damian Gmür und Odbayar Batsuuri
    Veröffentlicht am 28.06.2020, von Gastbeitrag


    HÄNDESCHÜTTELN GEHT GAR NICHT

    Es wird wieder getanzt: Zur Premiere „Extra Time“ bei tanzmainz
    Veröffentlicht am 15.06.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

    Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

    Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

    Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    ROLAND VOGEL TRITT AB

    Verletzung beendet Karriere des Stuttgarter Solisten

    Veröffentlicht am 16.05.2003, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP