BLOGS



Essen

STANDING OVATIONS

Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters



Nach einer ausverkauften Premiere in Hamburg hatte das Bundesjugendballett den Auftakt seiner Gastspielreise in Essen. Voller Hingabe widmeten sie sich in einem choreografierten Konzert der Reformation Luthers.


  • Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch Foto © Silvano Ballone
  • Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch Foto © Silvano Ballone
  • Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch Foto © Silvano Ballone
  • Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch Foto © Silvano Ballone
  • Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch Foto © Silvano Ballone
  • Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch Foto © Silvano Ballone

Natürlich hatte die Premiere in der ausverkauften Hamburger Staatsoper stattgefunden, nach einer Vorpremiere in Lübeck. Die folgende Tournee begann in Essen und das Publikum wollte eigentlich nicht aufhören zu applaudieren, aber das neunzig Mitglieder umfassende Orchester war so damit beschäftigt sich zu umarmen und die Tänzer in der weitläufigen Philharmonie wohl schon außer Reichweite, nachdem sie noch eine Zugabe hatten, dass sie das Klatsch- und Pfeifkonzert nicht mehr hören konnten.

Begonnen hatte der Abend mit einer Kostprobe von Mendelsohns 5. Sinfonie, in der der sympathische Chefdirigent des Jugend-Orchesters Alexander Shelley mithilfe des gesamten Klangkörpers einzelne Themen beschrieb. Diese „Reformations-Sinfonie“ steht in Verbindung zu Martin Luther, dessen Reformation sich 2016 zum fünfhundertsten Mal jährte und uns 2017 wohl noch öfter beschäftigen wird. Nach dieser Einführung vor Abonnenten aber auch Jugendlichen begann das choreografierte Konzert mit eben jener Sinfonie, deren Umsetzung von Andrey Kaydanovskiy erdacht, aber glücklicherweise nur stückchenweise neoklassisch „illustriert“ wurde. Denn wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte der Jungkünstler sich mit Sicherheit verhoben, im Gegensatz zum Gewinner dieser ersten Runde, zugunsten dieser blutjungen aber viel versprechenden Musiker und dieses anbetungswürdigen Komponisten.

Nicht so nach der Pause, als John Neumeiers Meisterwerk zu Bachs Orchstersuite Nr. 3 von den jungen Leuten mit Hingabe und höchst angenehmer Laune über die Bühne gebracht wurde, auch wenn das technisch sehr anspruchsvolle Stück kleine Unebenheiten aufwies. Aber wie schwer es ist auf Tournee spitzenmäßig zu sein - auf einer neuen Bühne mit wenig Zeit sich einzurichten - weiß ich aus eigener Erfahrung.

Es folgten zwei zeitgenössische Musiken, die eine mit dem Titel „Reversal“, einem Auftragswerk des Bundesjugendballetts an den Komponisten Michel van der Aa aus dem Jahr 2016, ebenfalls choreografiert von Andrey Kaydanovskiy. Das Stück versucht sich mit Erfolg an religiös-weltanschaulichen Hintergründen und bedient sich merkwürdigerweise und auffällig einer modernen Stilistik, die wir aus Werken von Agnes de Mille und anderen Zeitgenossen, vielleicht sogar aus frühen Werken von Martha Graham, kennen. Er trifft aber damit den Kern dessen, was er sagen will, und, so heikel diese Themen sind, den modernen Tanz in den Vereinigten Staaten hat es schon sehr viel früher interessiert.

Eine Uraufführung hat das Bundesjugendballett auch im Gepäck zu Musik für großes Orchester von Ejott Schneiders, der es sich nicht nehmen ließ, zu erleben, wie gut sein Werk in Essen ankam. Die junge Choreografin Zhang Disha hat sich noch weiter aus dem Fenster gelehnt und sich mit unseren ganz gegenwärtigen Problemen, den Auseinandersetzungen im Nahen Osten, zu beschäftigen. Mit ihren Bürgerkrieg-mäßigen und religiösen Hintergründen befindet er sich da in direkter Nachfolge von Hans Kresnik und bedient sich schonungslos ähnlich brutaler Stilmittel, denen man sich nicht entziehen kann. Das ist wirklich ein mutiges Stück, ob man es mag oder aus verschiedensten Gründen nicht. Es gebührt ihr besondere Aufmerksamkeit. Ich bin gespannt, wie die Entwicklung dieses Jungkünstlers weitergeht und habe allen Respekt davor, wie die natürlich viel zu jungen Leute in Kaki-Uniformen und -Helmen Krieg markieren, alle hässlichen Seiten auch mit Grimassen schneiden, wie der Choreograf sich das ausgedacht hat, um es möglichst glaubhaft rüberzubringen. Und alle acht Tänzer von verschiedenen Kontinenten werden nicht in jedem Engagement so unterschiedliche, für sie kreierte Stücke zu tanzen bekommen.

Es lebe das Bundesjugendballett, das durchaus ein paar mehr junge Tänzer gebrauchen könnte (statt weniger als 10% des Bundesjugendorchesters dürften es ruhig 15-20% sein). Für die Chance, die damit gegeben wird, den Schritt ins professionelle Tänzerleben zu machen, könnte vielleicht der Bundestag durch die Bundesagentur finanzielle Mittel genehmigen? Für die Anfänger, die sich so schwer tun, weil - wie in allen Berufen - Anfänger ohne Berufserfahrung kaum willkommen sind. Mit dem großen Unterschied, dass jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag, den die TänzerInnen nach vier- bis achtjähriger Ausbildung verlieren, diese kurze Karriere in einer flüchtigen aber unvergleichlichen Kunstform noch kürzer macht...

Eine Kritik zum Auftakt der Gastspielreise gibt es unter Wie tanzt man Reformation?
Weitere Gastspiele finden an folgenden Orten statt: Berlin (16.1.), Dresden (18.1.) und Ludwigsburg (20.1.)

Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick in Blogs, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3327 mal angesehen.



Kommentare zu "Standing Ovations"



    • Kommentar am 18.01.2017 16:07 von Lothar Goecke
      Es wurde zu Bachs Orchestersuite Nr. 3 getanzt und nicht zu Orchstersuite Nummer 5.
    • Kommentar am 20.01.2017 11:28 von tanznetz.de Redaktion
      Danke für den Hinweis, wir haben das gerne korrigiert.

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

"IMMER FÜR ÜBERRASCHUNGEN GUT"

Das Bundesjugendballett wird ausgezeichnet

Jedes Jahr vergibt die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper die Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preise und den Eduard Söring-Preis für herausragende Künstlerinnen und Künstler.

Veröffentlicht am 28.06.2020, von Pressetext


EHER HINTERHER ALS VORNEWEG

„Bundesjugendballett trifft Shakespeare“ im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater

Ist Shakespeare tatsächlich das, was junge TänzerInnen in diesem Alter bewegt? Eine nicht gerade gelungene Koproduktion zwischen dem BJB und dem Ernst-Deutsch-Theater zu Live-Musik unter der Regie von Kevin Haigen.

Veröffentlicht am 02.06.2019, von Annette Bopp


STIMMUNGSVOLLER STREIFZUG

Unter dem Motto „Klangräume“ erkundete das Bundesjugendballett gemeinsam mit dem Kammerchor „vigilia“ Hamburgs St. Petri-Kirche

Acht TänzerInnen, ein kleiner Chor, ein Streichquartett, ein Sänger – ein gelungener Mix für eine besinnliche Stunde im Kirchenschiff.

Veröffentlicht am 28.02.2019, von Annette Bopp


WENIGER WÄRE MEHR GEWESEN

Das Bundesjugendballett präsentiert "Im Aufschwung X"

Die zehnte Ausgabe ist ein Medley von Stücken aus den sechs Jahren des Bestehens des Bundesjugendballetts.

Veröffentlicht am 25.11.2018, von Annette Bopp


WIE TANZT MAN REFORMATION?

Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch

Die gute Idee dieses 'Gipfeltreffens' war von gemischtem Niveau. Die Tänzer aber zeigten sich wandelbar, engagiert und kraftvoll-ausdauernd.

Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


REALITÄT UND VIRTUALITÄT

Das Bundesjugendballett und Gäste des „Just Us Dance Theatre“ mit „Infinite Identities“ in der Kampnagelfabrik

Zum ersten Mal als Hamburg-Premiere in der Kampnagelfabrik gezeigt, hat das Bundesjugendballett ein abendfüllendes Stück im Gepäck.

Veröffentlicht am 02.07.2015, von Annette Bopp


WEITER AUF DEM WEG NACH OBEN

„Im Aufschwung VI“ mit dem Bundesjugendballett

Die Zusage, dass die finanziellen Mittel für das BJB für weitere vier Jahre gesichert sind, kam zum richtigen Augenblick: pünktlich zur Spielzeit-Auftaktveranstaltung „Im Aufschwung“. Die Freude darüber sprang dem gesamten Ensemble aus allen Poren!

Veröffentlicht am 25.11.2014, von Annette Bopp


WEITERFINANZIERUNG AUF VIER JAHRE GESICHERT

Das Bundesjugendballett in Hamburg

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat in seiner Sitzung erneut insgesamt 2,8 Millionen Euro für vier Spielzeiten aus dem Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Verfügung gestellt.

Veröffentlicht am 17.11.2014, von Pressetext


TANZ WIDER DEN KRIEG

Neumeiers Bundesjugendballett im Admiralspalast Berlin

Das Festival Young Euro Classic tut gut daran, auch den Tanz in sein Programm aufzunehmen. Bereits zum vierten Mal war das aus Bundesmitteln geförderte Bundesjugendballett Teil des musikalischen Sommer-Reigens.

Veröffentlicht am 12.08.2014, von Volkmar Draeger


 

AKTUELLE NEWS


EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

Michael Molnár ist gestorben
Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz


ANZEIGE ERSTATTET

Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin
Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



MATTERS FOR MATTERS

Ein Film der Choreografischen Werkstatt der Company johannes wieland des Staatstheaters Kassel - 2 x für 24 Stunden online -

Digitale Filmpremiere: Samstag, 4. Juli, 19.30 Uhr, YouTube-Kanal des Staatstheaters Kassel

Veröffentlicht am 25.06.2020, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (30 TAGE)


SCHRITT FÜR SCHRITT

Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


ANZEIGE ERSTATTET

Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


HOMMAGE AN EIN GENIE

Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


GEKÜNDIGT

Ralf Stabel ist entlassen worden

Veröffentlicht am 07.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



BEI UNS IM SHOP