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Zürich

GRANDIOSES TANZ- UND MUSIKEREIGNIS

Giuseppe Verdis „Requiem“ im Opernhaus Zürich - gesungen und getanzt



So ausdauernde Standing Ovations habe er bei einer Premiere in seinem Haus noch nie erlebt: Dies sagte Andreas Homoki, seit viereinhalb Jahren Intendant des Zürcher Opernhauses, auf der Premierenfeier zur „Messa da Requiem“.


  • "Messa da Requiem" von Christian Spuck; Nozomi Iijima und Tars Vandebeek Foto © Gregory Batardon

Der Jubel am Schluss der Aufführung war für alle: den Dirigenten Fabio Luisi, das Philharmonia-Orchester, die mitwirkenden Chöre, das Ballett Zürich, die Gesangssolisten Krassimira Stoyanova, Veronica Simeoni, Francesco Meli und Georg Zeppenfeld. Und natürlich für Regisseur und Choreograf Christian Spuck, den Initiator dieses Joint Venture zwischen Gesang und Ballett.

Giuseppe Verdi hat seine „Messa da Requiem“ (1874) nach allen Regeln einer katholischen Totenmesse aufgebaut. Der vorgegebene Text ist furchterregend. Doch Verdis Musik hat auch farbig-weltliche Elemente. Das bestärkte Christian Spuck, den Zürcher Ballettchef, in seiner Idee, ein Gesamtkunstwerk mit Solo- und Chorgesang, Tanz und Theater zu schaffen. Generalmusikdirektor Fabio Luisi war einverstanden.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit übertrifft alle Erwartungen. Es beginnt leise. Tänzerinnen und Tänzer, Sängerinnen und Sänger betreten einen fast leeren grauen Raum. Die Chormitglieder sind von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Schwarz überwiegt auch bei den Tanzkostümen. Doch leuchten zumindest hier einige gedeckte Farben auf. Schöne Kontraste auch durch die menschliche Haut. Eher schockhaft ein paar kreideweiße Männer, mit Flecken übersät wie Tiere, die auf der Bühne wüten – sie sollen wohl Boten des Teufels sein. (Bühnenbild: Christian Schmidt, Kostüme: Emma Ryott)

Spuck hat nicht nur für die ganze 36-köpfige Ballettkompanie wunderbare Rollen kreiert. Auch den erweiterten Opernchor weiß er zu bewegen. Singen dessen Mitglieder zunächst am Rand der Szene, erstürmen sie schon vor dem ersten „Dies Irae“ händeringend den Bühnenraum. Immer wieder kämpfen sie mit dem Chaos, um sich dann in einer neuen Ordnung wieder zu finden. Die Chorgesänge, einstudiert von Marcovalerio Marletta, sind eine Wucht.

Regisseur und Choreograf Spuck verzichtet darauf, in sein „Requiem“ eine Handlung einzubauen. Er setzt auf abstrakten Tanz, in einer intensiven Mischung von Zeitgenössisch und Klassisch. Und während der (lateinisch gesungene) Text von Horror vor dem Jüngsten Gericht und vom Zorn Gottes handelt, wirkt die Choreografie zwar schwermütig, aber auch hoffnungsfroh und verspielt.

Verdi hätte sich darüber bestimmt nicht aufgeregt. Er war nicht besonders gläubig, galt sogar als Agnostiker. Sein klangtrunkenes „Requiem“ hat er nicht der Kirche gewidmet, sondern zu Ehren von Alessandro Manzoni komponiert, dem Nationaldichter und Kämpfer für ein vereinigtes Italien. Die Uraufführung der „Messa da Requiem“ ein Jahr nach Manzonis Tod fand zwar in der San-Marco-Kirche in Mailand statt, die zweite Aufführung dagegen bereits im profanen Teatro alla Scala.

Nach Öffnen des Vorhangs tastet sich eine zarte Tänzerin die Mauern entlang. Später bildet das Ballett große und kleine Gruppen, Reihen, Kreise. Schöne Pas de deux sind zu bewundern. Während Katja Wünsche im Satz „Lacrimosa“ auf Spitze mit William Moore tanzt, trägt die filigrane Yen Han in „Rex Tremendae“ und „Agnus Dei“ nur Schläppchen. Wie sie sich in die Arme ihres Partners Filipe Portugal fallen lässt, voller Zuversicht, dass er sie auffängt, oder wie sich die Arme der Beiden zu Lianenmustern verschränken, ist hinreißend.

Auch Giulia Tonelli, Melissa Ligurgo und viele andere Tänzerinnen tragen zur besonderen Aura bei. Ebenso Tänzer wie Jan Casier, Wei Chen oder Cristian Alex Alessis. Im großen Ganzen dominieren die Männer. Ihre Ballettsprache ist bodennah, ausholend und variantenreich wie das menschliche Leben. Wenn sie die Mädchen zu Boden legen oder hochheben, denkt man an Tod und Himmelssehnsucht. Zuweilen versuchen die Tanzenden, an den Wänden hochzuklettern. Dann fühlt man sich an barockverzierte Kirchenfassaden erinnert. Oder an Kalvarienberge.

Fabio Luisi dirigiert die Zürcher Philharmonia im Orchestergraben und das Geschehen auf der Bühne auf ebenso feine wie bezwingende Art. Manchmal lässt er die Musik fast verstummen, dann wieder zu einem tosenden Klangozean anschwellen.

Kraft und Wohlklang entwickeln die vier Gesangssolisten. Auch sie lassen sich ins Bewegungstheater einbeziehen. Veronica Simeoni (Mezzo) und Francesco Meli (Tenor) haben warme, weittragende Stimmen. Bei Georg Zeppenfeld (Bass) fragt man sich, wie ein so bolzengrader schlanker Mann eine so voluminöse Stimme haben kann. Die lebhafte Krassimira Stoyanova (Sopran) überstrahlt den Chor sogar im Fortissimo, zuletzt im „Libera me“.

Irritierend nur der Schluss: Da senkt sich eine Metallwand schräg über die ganze Bühne, darauf ein (toter?) Mensch. Soll das ein Sarkophag sein, wie er jüngst über den ausgebrannten Reaktor von Tschernobyl gesetzt wurde. Oder bedeuten die Dachluken sich öffnende Gräber. Endzeit oder Auferstehung?

Veröffentlicht am 04.12.2016, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2016/2017

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