HOMEPAGE



Regensburg

IM HIPPIEOUTFIT ZUM VOODOO-DANCE

„Hubbard Street 2“ bei den Regensburger Tanztagen



Im Velodrom sagen sechs junge Tänzer der amerikanischen Kompanie im fleischfarbenen Bühnendress „Hello“ und tun das zur gewitzten Choreografie ihres künstlerischen Leiters Terence Marling was sie können – tanzen.


  • "Hubbard Street 2" bei den Regensburger Tanztagen Foto © Michael Scheiner
  • "Hubbard Street 2" bei den Regensburger Tanztagen Foto © Michael Scheiner
  • "Hubbard Street 2" bei den Regensburger Tanztagen Foto © Michael Scheiner
  • "Hubbard Street 2" bei den Regensburger Tanztagen Foto © Michael Scheiner
  • "Hubbard Street 2" bei den Regensburger Tanztagen Foto © Michael Scheiner

Kurze Vorstellungsrunde in sieben Minuten. Im ausverkauften Velodrom sagen sechs junge Tänzer der amerikanischen Kompanie „Hubbard Street 2“ im fleischfarbenen Bühnendress „Hello“. Die Stimme, die Wilson, Andy, Natalie, Yue Ru, Nicole und Isaac vorstellt und erklärt, was derjenige gerade tänzerisch macht, kommt aus dem Off. Die Tänzer tun das zur gewitzten Choreografie ihres künstlerischen Leiters Terence Marling was sie können – tanzen. Das Juniorensemble ist die Nachwuchschmiede der renommierten Company Hubbard Street Dance Chicago (HSDC), in der die späteren HSDC-Tänzer weiter ausgebildet werden. Zwischen 17 und 25 Jahren alt, kommen die Talente bereits mit einer klassischen Ausbildung in die bedeutende Theaterstadt am Michigansee, wo sie im Bereich das modernen Tanzes mit all seinen Facetten weitermachen – vom Hiphop über Street Dance bis hin zu Contemporary Dance.

Schwere Schläge, die wie rhythmischer Donner oder Kanonen ein bedrohliches Szenario abstecken, entwickeln im nachfolgenden Duett „Never was“ von Hauschoreograf Alejandor Cerruda eine düstere Stimmung. Wenig Licht, das die Tänzer zunächst nur in Konturen zeichnet, unterstreicht dieses Gefühl noch. Einer tanzt synchron dem anderen hinterher, bevor sie im lauten Fanfarenklang barocker Musik von Händel und Purcell als Paar zu einem Duett zusammenfinden. Langsam, wie mehrere der präsentierten Stücke, kriecht auch „Floating after times“ von Peter Chu über die nur von einer großartigen Lichtführung eingehegten Bühne. In einem fesselnden Reigen formiert sich die rot gewandete Gruppe in wechselnden Konstellationen – Duos, Trios, Solos bis zum Ensembletanz – zu immer neuen Bildern. Die Tänzer verbinden sich, übersteigen sich, lösen sich und schleifen sich gegen Widerstände über den Boden, bis ihnen am Schluss das Leben wie Sand durch die Finger rinnt. Ein erhabener, schneller Reigen, voller Pathos, der seine Weltpremiere in Regensburg erlebt – und entfernt an an Stravinskys Frühlingsopfer denken lässt.

Auch in die beiden längeren Choreografien nach der Pause, „Clan(device)“ von Alice Klock und „Changed in its Affection“ von Bryan Arias, bilden Langsamkeit bis zum temporären Stillstand und bedächtige Bewegungen häufig genutzte Mittel. In Klocks Stück, zu dem sie selbst auch Musik beigesteuert hat, ziehen heftige Luftgeräusche die Aufmerksamkeit auf den Menschen als solchen. Leidet jemand? Strengt sich jemand übermäßig an? Der Tanz des hippiesk bunt gekleideten Völkchens wird zum Voodoo-, zum Tempel-, zum spirituellen Tanz, Anleihen bei indischen und javanischen Einflüssen inklusive. Magie wird zelebriert, selbst der große Zauberer wird zum Leben erweckt. Auf die realen gesellschaftlichen Verhältnisse will man das gar nicht übertragen wissen.

Bob Dylans „The Times They Are a-Changin’“ liefert den Soundtrack für einen gewitzten Ausklang von Arias' selbstkritischer Choreografie über die eigene Identität. Ironisch und süffisant spießt er die Beweihräucherung – und wahrscheinliche Selbstbeweihräucherung – vermeintlicher und echter Größen auf und lässt sie im Lachen der Zuschauer untergehen. Die Idee von sich selbst, die man daraus ableitet, welchen Einfluss man selbst auf Menschen um sich herum hat, wirkt in der Produktion allerdings etwas zu sehr ausgewalzt. Die Leichtigkeit und unbedingte Beweglichkeit, mit der diese junge Truppe die verschiedenen choreografischen Handschriften integriert, ist ein faszinierendes Erlebnis. Das ebenfalls weit überwiegend junge Publikum, ein toller Erfolg für die Veranstalter von der Mälzerei, honoriert es mit heftigem Trampeln und stürmischen Beifall.

Veröffentlicht am 26.11.2016, von Michael Scheiner in Homepage, Kritiken 2016/2017, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 3681 mal angesehen.



Kommentare zu "Im Hippieoutfit zum Voodoo-Dance"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    TANZ WIE BIERZELTRAUFEREI

    Kanadische Company 605 setzt glanzvolles Schlusslicht bei Regensburger Tanztagen

    Mit einer packenden Vorstellung sind die 21. Regensburger Tanztage am Unitheater zu Ende gegangen. „Vital Few“ ist die über eineinhalbstündige Choreografie betitelt, in welcher es um die Beziehung(en) von Individuum und Gemeinschaft geht.

    Veröffentlicht am 04.12.2018, von Michael Scheiner


    DIE MACHT DES BEGEHRENS

    Zum 20-jährigen Jubiläum der Regensburger Tanztage gastierte Ultima Vez aus Belgien mit einer Choreografie von Wim Vandekeybus im Velodrom

    Obwohl „In Spite of Wishing and Wanting“ vor fast zwei Jahrzehnten entstanden ist, verfügt es über eine radikale Aktualität.

    Veröffentlicht am 14.11.2017, von Michael Scheiner


    SCHWERE KOST

    Regensburger Tanztage mit packender Solotanznacht

    Fünf Tänzerinnen und Tänzer vom Stuttgarter Festival stellten ihre preisgekrönten Choreografien im Uni-Theater vor – das junge Publikum zeigte sich begeistert, wenngleich es inhaltlich kein einfacher oder einfach abzuhakender Abend war.

    Veröffentlicht am 22.11.2016, von Michael Scheiner


    EIN WELTÜBERWUCHERNDER BEWEGUNGSRAUSCH

    „Inheritor Album“ bei den Regensburger Tanztagen

    Die 605 Collective Dance Company aus Vancouver verdrehte dem Publikum bei den Regensburger Tanztagen völlig den Kopf.

    Veröffentlicht am 21.11.2015, von Michael Scheiner


    VOM JAPANISCHEN SCHNEEHUHN BIS ZUM DICKICHT DER STÄDTE.

    Ein dichtes, hochkarätiges Programm begeistert das Publikum bei der Aids-Tanzgala im voll besetzten Velodrom.

    Einen tänzerisch abwechslungsreichen und glanzvollen Abend bot diese Tanzgala. Der Schirmherr glänzte allerdings durch Abwesenheit.

    Veröffentlicht am 11.11.2015, von Michael Scheiner


    BEFREMDLICH BEKANNTE KATASTROPHEN

    „Thomas Noone Dance“ aus Barcelona zeigt eine der besten Choreografien der Regensburger Tanztage

    Veröffentlicht am 08.11.2012, von Michael Scheiner


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    MOMO – EIN AKTUELLER TANZABEND

    MiR Dance Company Direktor Giuseppe Spota präsentiert mit „Momo“ seine erste Choreografie am Musiktheater im Revier
    Veröffentlicht am 16.01.2020, von Anzeige


    ILLUSIONSTHEATER UND MATER DOLOROSA

    "Petruschka" und "Sacre" in Nürnberg
    Veröffentlicht am 15.01.2020, von Alexandra Karabelas


    STARK

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 14.01.2020, von Dieter Hartwig



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    4. INTERNATIONALE BALLETTGALA

    Eine Veranstaltung des Fördervereins „Ballettfreunde Staatstheater Nürnberg e.V.“ und des Staatstheater Nürnberg Ballett

    Am 13. und 14. März 2020 lädt der Förderverein „Ballettfreunde Staatstheater Nürnberg e.V.“ gemeinsam mit dem Staatstheater Nürnberg Ballett zum vierten Mal zur Internationalen Ballettgala im Nürnberger Opernhaus ein.

    Veröffentlicht am 09.12.2019, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    PRÄGENDE TÄNZERIN

    Sighilt Pahl verstorben

    Veröffentlicht am 15.12.2019, von tanznetz.de Redaktion


    WIE SIE ES WAGEN KÖNNEN

    Guiseppe Spota choreografiert die Klimakatstrophe "Tambora" für die Mainzer Tanzsparte

    Veröffentlicht am 19.12.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    LOSLASSEN, ERWACHSENWERDEN UND TRÄUMEN

    Rollendebüts in John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 26.12.2019, von Vesna Mlakar



    BEI UNS IM SHOP