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Regensburg

SCHWERE KOST

Regensburger Tanztage mit packender Solotanznacht



Fünf Tänzerinnen und Tänzer vom Stuttgarter Festival stellten ihre preisgekrönten Choreografien im Uni-Theater vor – das junge Publikum zeigte sich begeistert, wenngleich es inhaltlich kein einfacher oder einfach abzuhakender Abend war.


  • Solotanznacht bei den Regensburger Tanztagen: Hoor Malas mit der Choreografie „Regression“ Foto © Michael Scheiner
  • Solotanznacht bei den Regensburger Tanztagen: Louis Thuriot mit der Choreografie „Balance“ Foto © Michael Scheiner
  • Solotanznacht bei den Regensburger Tanztagen: Ravid Abarbanel mit „Underneath“ Foto © Michael Scheiner

„Das ist immer das Beste,“ strahlt ein älterer Besucher im Foyer des Uni-Theaters und zieht anerkennend die Luft zwischen den Zähnen. „Bei der Solotanznacht siehst du was international los ist“, erklärt er seine Wahl für die ausverkaufte Veranstaltung, „so verschiedene Tänzer – auch wenn ich nicht alles verstanden habe.“ Fünf Tänzerinnen, darunter zwei Männer, stellten bei den diesjährigen Regensburger Tanztagen ihre Choreografien aus fünf Ländern vor. Alle sind Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals in Stuttgart, das im März stattgefunden hat.

Es ist eine besondere Herausforderung für – oft junge – Tänzer, sich allein auf die Bühne vor das neugierige, wissbegierige und oft auch kritische Publikum zu stellen – eine körperlich ungeheuer fordernde, aber auch mentale und psychische Anstrengung. Nimmt man den Applaus des vorwiegend jungen Publikums im Theatersaal als Gradmesser, überzeugten alle fünf Tanzenden, sie wurden lauthals gefeiert. Besonders exzessiv und begeistert hat es bei der kanadischen Tänzerin Sarah Murphy geklungen. Mit leuchtendroten Lippen und hochgestecktem Haarschopf schlüpfte sie in der Choreografie „Enfant“ des Niederländers Joeri Dubbe in die Rolle eines Kindes, auf welches vielfältige äußere Einflüsse einstürmen. Zwischen indischer Göttin und kindlicher Teufelsbrut entfaltete sie in einer Art sommerlichen Strampelanzug eine Fülle an tapsigen, krabbelnden, stürmischen Bewegungen. Sie stand versunken und lauschte, während sich die Bewegung in die Mimik und wenige Gesten verlagerte, trotzte Bedrängungen, spielte mit Klängen oder verkrümmte sich ängstlich verwirrt. Damit gewann Murphy mit ihrem hinreißenden Ausdruck den ersten Preis in den Kategorien Tanz und Choreografie, zusätzlich sogar noch den speziellen Videodance Preis. Kindliche Ausdrucksformen kamen auch in Hoor Malas selbst geschaffener Choreografie „Regression“ zum Vorschein. Die syrische Künstlerin geht – in halb zerrissener Kleidung – der Frage nach, was der Krieg mit dem Menschen anstellt. Ein ätzend sägender Sound unterstreicht das bedrohliche Szenario, bei dem Malas im kalten Licht an der hinteren Betonwand des Theaters hochgeht – und vergeblich zu fliehen versucht. Unsicherheit, Angst und Schrecken sind in ihren abwehrenden, ängstlichen und später aggressiv-tobenden Bewegungen eingeschrieben. Manchmal kann sie einem damit fast den Atem nehmen. Beim Wettbewerb gelang der Syrerin damit der Sprung ins Finale.

Etwas leichtere Kost bot der bunt gekleidete belgische Tänzer Louis Thuriot mit der Choreografie „Balance“, ebenfalls eine Eigenarbeit. In einer Hockehaltung nahm er mit weit schwingenden Armen mit wenigen Schritten die gesamte Bühne für sich ein. Schwungvoll ging es auch weiter, als der große schlanke Tänzer-Choreograf mit exzentrisch-ironischen Bewegungen und Ausdrucksformen um Selbstkontrolle rang. Gesellschaftlicher Erwartungsdruck war das Thema, dem er sich in seiner immer wieder ins clownesk-komödiantische kippende Performance beschäftigte. Direkt erkennbar oder als narratives Element nachvollziehbar war das nicht unbedingt gleich, aber Thuriots tänzerisches Gespür und spielerische Groteske machten die abstrakte Materie wenigstens vergnüglich – auch in Verbindung mit wunderbarer Musik. An die Schattenrisse expressionistischer Filme, wie Wegeners „Der Golem“, erinnerte gelegentlich Ravid Abarbanels bizarr-verknäuelter Tanz „Underneath“. Die hochgewachsene Israelin beschäftigte sich in ihrer Choreografie in ekstatisch-packender Weise mit den Abwehrmechanismen des menschlichen Körpers bei Angst und Stress. Sehr berührend und stark, werden in ihren zwischen Zittern und Lachen pendelnden emotionalen Bewegungen und Formen Assoziationen zum Ausdruckstanz der 20er Jahre wach.

In eine ganze andere Richtungen gehen die Vorstellungen bei dem Ägypter Mounir Ali, der mit „What about Dante“ den dritten Preis im Bereich Tanz gewonnen hat. Aus einer Lichtgasse kommend, drehte er sich in einem hellen Lichtkegel wie Derwischmönche in spiritueller Trance. Begleitet von heftigen Atemgeräuschen sang der mit Pluderhose und Anzugweste gekleidete Tänzer ein arabisches Lied dazu. Erweitert zum gesamten Bühnenraum erlebt der 29-Jährige in dieser anrührend persönlichen Performance die Berührung von Himmel und Hölle – eine Art Fegefeuer also, durch das er durch muss, bis er den Schritt hinaus machen kann.

Inhaltlich kein einfacher oder einfach abzuhakender Abend, barg die Solotanznacht auch heuer wieder starke Überraschungen und bewegende Eindrücke. Was allerdings nicht zwingend notwendig erscheint, ist die Lautstärke im Theater. Die erreicht immer wieder einmal Dimensionen, die an die körperliche Schmerzgrenze geht. Ein Phänomen, das auch bei anderen Gelegenheiten aufgetreten ist und den Anschein macht, als ob die Tontechnik über keine gute Einschätzung dessen verfügt, was zumutbar ist.

Veröffentlicht am 22.11.2016, von Michael Scheiner in Homepage, Kritiken 2016/2017, Tanz im Text

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