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Heidelberg

WIE DIE WELT SCHMECKT

Der neue Tanzabend „Khôra“ von Naninne Linning



Sie war noch nie um große Themen verlegen. Überwogen bei ihren Arbeiten für das Theater Heidelberg bislang eher düstere Inhalte, so hat sie nun eine Choreografie kreiert, in der das Sich-Einlassen auf Sinneserfahrungen im Mittelpunkt steht.


  • Nanine Linnings "Khôra" am Theater Heidelberg Foto © Annemone Taake
  • Nanine Linnings "Khôra" am Theater Heidelberg Foto © Annemone Taake
  • Nanine Linnings "Khôra" am Theater Heidelberg Foto © Annemone Taake
  • Nanine Linnings "Khôra" am Theater Heidelberg Foto © Annemone Taake
  • Nanine Linnings "Khôra" am Theater Heidelberg Foto © Annemone Taake

Nanine Linning war noch nie um große Themen – und entsprechend große theatralische Gesten – verlegen. Überwogen bei ihren Arbeiten für das Theater Heidelberg bislang eher düstere Inhalte, so hat sie nun mit „Khôra“ eine Choreografie kreiert, in der das Sich-Einlassen auf Sinneserfahrungen im Mittelpunkt steht. Sie folgt damit einer Interpretationslinie des reichlich vagen, von Platon geprägten Begriffes „Khôra“ als einer dritten Kraft zwischen Sinnlichkeit und Intelligenz; einer Kraft sozusagen in Warteschleife, gern mit der Gebärmutter assoziiert.

Diese Lesart muss den Ausstatter Bart Hess animiert haben, dessen Bühnenbild, Kostüme und vor allem Videoprojektionen das Stück prägen. Gestaffelte, heb- und senkbare Vorhangbahnen aus Stofflamellen gliedern den Bühnenraum immer wieder neu. Für den hypnotischen Anfang hat er einen Tänzer in der Mitte einer wirbelnden Lichtprojektion mit einer Art nach außen verlegtem, beleuchteten Uterus ausstaffiert. Auch die übrigen Kostüme prunken mit ungewöhnlichen Materialien und überraschenden Effekten.

Die finnische Tänzerin Emma Välimäki, eine der auffallendsten Erscheinungen in Nanine Linnings an extravaganten Tänzern reichen Kompanie, wiegt sich schon im Foyer in einem opulenten schwarzen Kleid aus Muschelschalen, die wie Pfauenfedern glänzen. Überhaupt sind die Kostüme generell in Zwischenreichen angesiedelt: glitzernde Perlenfransen lassen an einen Mix aus Federn, Fell und Schmuck denken, schwingende dunkle Kleider werden von der Windmaschine wie Wellen gebauscht. Laut raschelnde plastische knallrote Kostüme kreieren ihren eigenen Sound – und erweisen sich zur Überraschung als essbar. Unter den vielfältigen Verkleidungen blitzen hautfarbene Bodys durch und erinnern an die nackte Haut der Menschlichkeit. Der Soundtrack, ein hypnotischer Stilmix, der die emotionale Führung des Bühnengeschehens unterstreicht, stammt von Michiel Jansen.

Nanine Linnings „Khôra“ ist eine in der Entstehung begriffene Welt, in der die Elemente sich erst herausbilden und die Tänzer sich immer wieder in wiegenden, wogenden Gruppen zusammenfinden. Wasser, Erde, Licht und Feuer dienen als vielfältige Assoziationsgrundlage, aber auch Hell und Dunkel, Tag und Nacht (Lichtdesign: Lars Mündt). Die Bewegungen entwickeln sich organisch und harmonisch - gelegentlich auf Kosten von Genauigkeit, aber mit positiver emotionaler Kraft. In diesem Stadium ist kein Raum für individuelle Befindlichkeit, für Erotik oder Kampf. So darf der Tanz in seinen besten Momenten eine Sogwirkung entfalten als endloser, immer wieder neu entstehender Reigen.

Die Beteiligung der Zuschauer, von Nanine Linning stets vorangetrieben, führte am Ende dieses Abends schnurstracks ins Varieté. Dort baumelten vier Mitglieder ihrer Tanzkompanie – tapfer lächelnd - kopfüber vom Bühnenhimmel. Sie schenkten „Khôra“-Ambrosia aus, der nach Sekt schmeckte und von einem auserlesenen Teil des Publikums auf der Bühne verkostet werden durfte. Noch mehr Geschmack hatte der Food Designer Remco Vellinga beigesteuert. Für jeden Zuschauer gab es ein Häppchen-Päckchen, dessen extravagante Inhalte schon während der Vorstellung für einen langen Nachgeschmack auf der Zunge sorgten – nur nach was eigentlich?

Veröffentlicht am 14.11.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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