HOMEPAGE



Mainz

VON INNEN NACH AUßEN, VON OBEN NACH UNTEN

Choreografien von Alessandra Corti sowie Guy Nader & Maria Campos bei tanzmainz



„Magma“ heißt der neue Tanzabend in Mainz, keines der gezeigten Stücke dringt jedoch so tief ins Erdinnere ein.


  • "Fall Seven Times" von Guy Nader & Maria Campos Foto © Andreas Etter
  • "Fall Seven Times" von Guy Nader & Maria Campos Foto © Andreas Etter
  • "Fieber" von Alessandra Corti Foto © Andreas Etter
  • "Fieber" von Alessandra Corti Foto © Andreas Etter

‚Glauben’ hat sich Alessandra Corti als thematisches Stichwort für die Choreografie ausgesucht, die sie im Auftrag von tanzmainz-Chef Honne Dohrmann für den neuen Mainzer Tanzabend geschaffen hat. Inspirierende Textgrundlage war ein Prosagedicht von J. G. Ballard, ein surrealistisches Glaubensbekenntnis, das sich längst von den religiösen Konnotationen befreit hat. Aber wie zeigt man den persönlichen Glauben – oder besser gesagt, die Obsessionen - im Tanz? Corti, selbst Mitglied der Mainzer Kompanie, war sich wohl selbst nicht so sicher. Jedenfalls beginnt ihr Stück „Fieber“ für sechs TänzerInnen mit einer Projektion einschlägiger Gedichtzeilen, von denen man beim Lesen schon ahnt, dass sie schwierig in Tanz umzusetzen sind. Und so scheint das muntere Nachtvölkchen, das die Italienerin auf der schummrigen Bühne versammelt, zwar von unsichtbaren Mächten angetrieben – aber von welchen, bleibt vielfach offen. Und dass dieser Antrieb am Ende dazu führt, dass alle Sechs in breiter Front frontal auf der Stelle laufen – das ist ein eher formal als inhaltlich begründeter Abschluss.

Wo Form und Inhalt zusammenfinden, läuft das Stück zu großer Form auf: als eine Tänzerin versucht, ihre teils schlaffen, teils sperrigen KollegInnen in einem Tableau vivant zu arrangieren. Die Szene hat nicht nur Witz und doppelten Boden, sondern erzählt auch mit tänzerischen Mitteln von einer nachvollziehbaren Besessenheit.

Guy Nader & Maria Campos, der Libanese und die Spanierin, sind ein eingespieltes Choreografenpaar. Ihr Stück „Fall Seven Times“ handelt nicht nur vom Hinfallen, sondern auch vom Wiederaufstehen - sei es mit eigener oder fremder Hilfe. Die Bühne ist hell, die Zimmerwand schief und Balance nirgendwo Selbstverständlichkeit. Elf TänzerInnen der famosen Kompanie von tanzmainz (nicht zufällig sind die Männer bei weitem in der Überzahl) demonstrieren die Macht der Schwerkraft und den immerwährenden Kampf dagegen. Dabei sind nicht nur die akrobatischen Fähigkeiten jedes Einzelnen gefragt, sondern das blitzschnelle Zusammenspiel zwischen Partnern, die den Fall aufhalten, mildern oder das Aufstehen leichter machen. Das Ganze funktioniert in den besten Sequenzen wie eine Trapeznummer am Boden – ebenso waghalsig, ebenso risikoreich und ebenso auf absolutes gegenseitiges Vertrauen gegründet. Im souveränen Umgang mit der für die beiden Choreografen ungewohnt großen Tänzerzahl und im perfekten Spannungsbogen liegt die handwerkliche Qualität dieser Arbeit.

„Magma“, die im Erdinnern brodelnde Masse aus geschmolzenem Stein, lieferte den assoziativen Titel des neuen Mainzer Tanzabends. Tatsächlich so tief geschürft hat keines der beiden Stücke. Dem Publikum gefiel’s trotzdem; „Fall Seven Times“ lockte gar (in der 2. Vorstellung) spitze Jubelschrei und Standing Ovations hervor.

Veröffentlicht am 02.11.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2016/2017

Dieser Artikel wurde 3626 mal angesehen.



Kommentare zu "Von innen nach außen, von oben nach unten"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SCHÖN ANZUSEHEN

    Halbzeit bei der Tanzwerkstatt Europa 2020 in München
    Veröffentlicht am 06.08.2020, von Vesna Mlakar


    PHYSISCHE ÄSTHETIK

    Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2020 mit Jefta van Dinthers „Plateau Effect“
    Veröffentlicht am 02.08.2020, von Vesna Mlakar


    NACHDENKLICHES UND BRILLANTES

    Das Stuttgarter Ballett verabschiedet sich mit „Response I“ in die Sommerpause
    Veröffentlicht am 28.07.2020, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZTHEATER WUPPERTAL SPIELZEIT 2020/21

    Nach einer - auch für Tanztheater Wuppertal Pina Bausch - sehr langen und schwierigen Durststrecke startet das Ensemble in die Spielzeit 2020/21.

    Die aufgrund der ausfallenden Aufführungen in Wuppertal, Paris, Los Angeles, Berkeley, Chicago und Ludwigsburg freigewordenen Zeitfenster nutzte das gesamte Ensemble um den künstlerischen Austausch über Prozesse im Umgang mit einem so wertvollen Erbe wie dem Pina Bauschs auch in Kooperation mit der Pina Bausch Foundation zu vertiefen und künstlerische Formate für aktuelle Szenarien zu entwickeln.

    Veröffentlicht am 10.08.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    „EINE GNADE, EIN GLÜCK“

    10 Jahre Martin Schläpfer beim Ballett am Rhein – ein filmischer Abschiedsgruß

    Veröffentlicht am 13.07.2020, von Annette Bopp


    SIE WÄHLEN AUS

    Die Jury der Tanzplattform 2022 steht fest

    Veröffentlicht am 12.07.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    WÜRDIGE ABSCHIEDE

    Ein Buch und eine digitale Ausstellung zum Wechsel von Martin Schläpfer nach Wien

    Veröffentlicht am 13.07.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP