HOMEPAGE



Magdeburg und Dessau

GLORREICHE ZWERGE UND EIN TANZENDER BESEN

Ballett für Kinder in Magdeburg und Dessau



Adam Reists "Der Zauberlehrling" und "Schneewittchen und die sieben Zwerge" in einer Choreografie von Tomasz Kajdański begeistern mit Einfallsreichtum, theatralen Effekten und ungestümen tänzerischen Auftritten nicht nur das kleine Publikum.


  • "Der Zauberlehrling" am Theater Magdeburg Foto © Andreas Lander
  • "Der Zauberlehrling" am Theater Magdeburg Foto © Andreas Lander
  • "Der Zauberlehrling" am Theater Magdeburg Foto © Andreas Lander
  • "Schneewittchen" am Anhaltischen Theater Dessau Foto © Anhaltisches Theater Dessau
  • "Schneewittchen" am Anhaltischen Theater Dessau Foto © Anhaltisches Theater Dessau
  • "Schneewittchen" am Anhaltischen Theater Dessau Foto © Anhaltisches Theater Dessau

Kinder sind ein besonderes Publikum. Sie sind aufmerksam, begeistert und beifallsfreudig. Die Helden auf der Bühne werden zu ihren Lieblingen und doch sind sie sehr kritisch. Solch Publikum konnte man bei zwei Ballettpremieren für Kinder in Magdeburg und Dessau erleben.

Adam Reist, seit 2012 Tänzer im Ballett Magdeburg, inszenierte mit viel Phantasie ein Ballett nach Johann Wolfgang Goethes 1797 verfassten Ballade "Der Zauberlehrling" für die Podiumbühne. Im Anhaltischen Theater Dessau konnten große und kleine Zuschauer mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge" eines der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm als Ballett mit viel Zauber und noch mehr Überraschungen auf der Bühne erleben. Der Dessauer Ballettdirektor Tomasz Kajdański hat das Stück mit der einfühlsamen und doch peppigen, eigens dafür komponierten Musik von Bodo Reinke inszeniert.

In der kleinen Podiumbühne im Keller des Magdeburger Opernhauses sitzen die Zuschauer dichtgedrängt und sind hautnah am Geschehen. Die Bühne ist klein und für die Tänzer ungewohnt eng. Und doch fasziniert von Anfang an, wie hier die Welt des Zauberers als fantastische Kulisse für die Entdeckungen des gewitzten Zauberlehrlings entsteht und sich ständig verwandelt. Die Effekte rufen Staunen hervor und Adam Reist hat sich Phantastisches für die tänzerische Adaption der Zauberlehrling-Ballade einfallen lassen. Der junge Tänzer hat bereits mit seiner Choreografie "Ton:Flamme:Asche" im Rahmen der "Tanzbegegnungen 5" beim diesjährigen Magdeburger Tanzfestival seine choreografischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt und dabei anschaulich gezeigt, dass er auf ganz besondere Art tänzerisch Geschichten erzählen kann. Es gelingt ihm, die sieben Strophen des Goethe-Gedichtes zu komprimieren und die auf drei Personen fokussierte Handlung zu Musik von Ravel, Bernarde, Hindemith, Albeniz und Schulhoff nachvollziehbar zu machen. Für die Szenen mit dem Besen verwendet er eigens dafür von Paul Dukas komponierte Musik. Ein Prolog, in dem der Zauberlehrling sich auf seine Entdeckungsreise vorbereitet und im Wald nach dem rechten Weg sucht, bis er dem Zauberer begegnet, leitet die Geschehnisse ein. Abweichend vom Original schleppt der Besen nicht Wasser ohne Ende, sondern Holzscheite zum Kamin mit allen seinen Folgen. Aber sonst: Wo Goethe draufsteht, ist auch Goethe drin. Das wunderschöne Bühnenbild und die fantasievollen Kostüme von Susann Stobernack machen das Stück zu einem Erlebnis und die drei Tänzer entwickeln aus ihren Figuren prachtvolle Charaktere. Liam White als Zauberlehrling, der temperamentvoll und neugierig über die Bühne wirbelt, irrt zu Beginn ängstlich durch den Wald und trifft den Hexenmeister, der ihn in sein Schloss einlädt. Juan Pablo Lastras Sanchez ist ein charismatischer Zauberer, der den Zauberlehrling umsorgt und in die Geheimnisse der Magie einweist. Das ergibt tänzerische Momente zwischen Pantomime und Slapstick, effektvoll in Szene gesetzt. Und Meryam-Josephine Cil ist ein Besen zum Verlieben. Sie brilliert nicht nur tänzerisch in den Pas de deux-Szenen mit dem coolen Zauberlehrling, sondern zeigt mit großem körperlichen Einsatz, was geschieht, wenn etwas außer Kontrolle gerät. Zum Schluss stellt der Hexenmeister die Ordnung wieder her und der Zauberlehrling hat seine Lektion gelernt.

"Schneewittchen und die sieben Zwerge" wurde oft erzählt, verfilmt und parodiert, ist als Geschichte von Schönheit und Neid zeitlos und bisher selten für das Ballett adaptiert worden. Als Ballett-Märchen, choreografiert von Tomasz Kajdański, lässt es auf der Großen Bühne des Anhaltischen Theaters nicht nur Kinderherzen höher schlagen. Die bekannten Märchenfiguren sind nicht nur liebevoll durch ihre Kostüme (Dorin Gal) charakterisiert. Die vielfarbige Ballettmusik von Bodo Reinke, eingespielt von der Norddeutschen Philharmonie Rostock, ist auf die Figuren genau zugeschnitten, ist schmissig und zärtlich, laut und leise, und erinnert an so manchen Hollywood-Film. Übrigens spätestens wenn die glorreichen sieben Zwerge den Zuschauerraum bevölkern und die Bühne erobern, muss man an den Disney-Klassiker Schneewittchen mit den liebevoll gezeichneten Figuren denken. Nicht nur die Zwerge Seppel, Schlafmütze, Hatschi, Happy, Pimpel, Brummbär und der Chefzwerg zeigen in ihren Auftritten ungestümes tänzerisches Können mit viel Akrobatik und ausdrucksstarken Tanzposen. Dies trifft ebenso auf Nicole Luketic als Schneewittchen und Anna-Maria Tarsarz als Königin zu, die in ihrer Bosheit nicht zu übertreffen ist. Spektakulär ist ihre Hexenkunst in der dampfenden Giftküche. Zu den Höhepunkten der Aufführung gehören die Szenen im Haus der Zwerge, wenn Schneewittchen den Männerhaushalt auf Vordermann bringt und den Zwergen das Benehmen bei Tisch beibringt. In Bann ziehen die einzelnen Soli der Zwerge, die jeden auf seine eigene Weise, tänzerisch und auf die Musik abgestimmt, vorstellen. Nicht zu vergessen, das Finale, wenn Julio Miranda als Prinz mit einem großen Ballon ins Glück entführt. Hier wird allerdings ein wenig gemogelt, denn auf der Bühne küsst der Prinz Schneewittchen wach. Im Märchen ist es aber anders. Das Besondere dieser Inszenierung ist, dass die Szenen der Waldgeister, Blumen und Bienen mit jungen Tanzeleven der Dessauer Ballettschulen, des Tanzforums Dessau, des Rosslauer Karnevalsclub und vom Ludwigsgymnasium Köthen einstudiert wurden.

Veröffentlicht am 31.10.2016, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2016/2017, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 4527 mal angesehen.



Kommentare zu "Glorreiche Zwerge und ein tanzender Besen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GEFÄHRLICHE KREATUREN UND VAGABUNDEN

    Tanzabend von Francesco Annarumma und Martin Buczkó in Magdeburg

    Francesco Annarumma und Martin Buczko kreierten zu den Tanzbegegnungen 8 des Ballett Magdeburg die Tanzstücke "Strange Creatures" und "White Elephant".

    Veröffentlicht am 02.02.2019, von Herbert Henning


    ERINNERUNG AN DIE ZUKUNFT

    "Junges Theater" präsentiert mit "ROOTS", ein Tanzstück für Teenager

    Am Mageburger Theater erzählt Pablo Lastras Sanchez mit Tanz Geschichten, die junge Leute beim Erwachsenwerden bewegt. Mit Körper und Bewegung nähert er sich an Fragen über das Woher und Wohin und nach der eigenen Identität.

    Veröffentlicht am 19.11.2018, von Herbert Henning


    MITTELALTERROMANZE

    "Raymonda" von Gonzalo Galguera am Ballett Magdeburg

    Mit "Raymonda" setzt der Magdeburger Ballettdirektor Gonzalo Galguera die Reihe der Aufführungen großer Ballettklassiker fort. Geprägt wird der Abend vor allem durch die Primaballerina Lou Beyne.

    Veröffentlicht am 09.04.2018, von Herbert Henning


    DANCE THRILLER

    Gonzalo Galguera präsentiert mit dem Ballett Magdeburg die Uraufführung „America Noir“

    Der Chefchoreograf und Ballettdirektor der Kompanie hat sich von amerikanischer Musik des 20. Jahrhunderts und von der Ästhetik des Film noir zu einem Thriller inspirieren lassen.

    Veröffentlicht am 02.10.2017, von Herbert Henning


    LIEBE ALS EXPERIMENT

    Emotional und tragisch: "Die Wahlverwandtschaften" am Theater Magdeburg

    Ballettdirektor Gonzalo Galguera hat zu jenem Stück eine intensive Beziehung. In Tom Schillings Ballettadaption des Goethe-Romans in den 90er Jahren tanzte er an der Komischen Oper Berlin. Die berühmte Inszenierung war nun Ansporn für ihn.

    Veröffentlicht am 11.10.2016, von Herbert Henning


    VIELFALT DER FORMEN

    Tanzfest am Ballett Magdeburg

    Auch in diesem Jahr präsentierten sich internationale Gäste gemeinsam mit dem Ballett Magdeburg in einer Gala. Moderne Tanzformen trafen mit Ausschnitten aus „Paquita“ auf einen romantischen Ballettklassiker.

    Veröffentlicht am 27.05.2015, von Herbert Henning


    TANZGESCHICHTEN

    Das Magdeburger Ballett lud für vier Tage zum Tanzfest ein.

    Gemeinsam mit Gästen aus Italien zeigte die Kompanie die vielfältigen Ausdrucksformen des Tanzes. Die 22 Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Magdeburg beeindruckten einmal mehr mit ihrem tänzerischen Können.

    Veröffentlicht am 26.05.2015, von Herbert Henning


    GUT UND BÖSE IM WIDERSTREIT

    Eine farbenprächtige "Dornröschen"-Inszenierung am Ballett Magdeburg

    Gonzalo Galguera hat sich an der Choreografie Petipas orientiert und benutzt die durch viele Überlieferungen stetig veränderte Originalchoreografie zu einer Auseinandersetzung mit dem akademischen Tanz, der Danse d'école.

    Veröffentlicht am 20.04.2015, von Herbert Henning


     

    AKTUELLE NEWS


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MATTERS FOR MATTERS

    Ein Film der Choreografischen Werkstatt der Company johannes wieland des Staatstheaters Kassel - 2 x für 24 Stunden online -

    Digitale Filmpremiere: Samstag, 4. Juli, 19.30 Uhr, YouTube-Kanal des Staatstheaters Kassel

    Veröffentlicht am 25.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    GEKÜNDIGT

    Ralf Stabel ist entlassen worden

    Veröffentlicht am 07.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP