HOMEPAGE



Düsseldorf

PHÖNIX AUS DER ASCHE

Pick bloggt über den Ballettabend „b.26“ in Düsseldorf



Was für ein super Programm hat sich Martin Schläpfer da ausgedacht. Der Ballettabend „b.26“ mit Choreografien von August Bournonville, Antony Tudor und Terence Kohler an der Düsseldorfer Oper am Rhein weckt hohe Erwartungen.


  • Düsseldorfer Ballettabend "b.26": "Bournonville Dissertissement" Foto © Gert Weigelt
  • Düsseldorfer Ballettabend "b.26": Antony Tudors "Dark Elegies" Foto © Gert Weigelt
  • Düsseldorfer Ballettabend "b.26": Terence Kohlers "One" Foto © Gert Weigelt

Endlich habe ich das neue Balletthaus in Düsseldorf gesehen und kann nur sagen: Das ist ja spitze!
Da muss es ja wirklich Spaß machen, seine Tage zu verbringen. Denn alle der vielen Räume haben Tageslicht und es gibt sogar etwas Grün vor den Fenstern, das sich auch noch verbessern kann.
Ein wenig Training und Proben für die neue Premiere habe ich angeschaut und bin schon sehr gespannt auf das fertige Produkt. Joysanne Sidimus, ehemalige Tänzerin am New York City Ballet, die in Düsseldorf einen Mozart von Balanchine einstudiert, habe ich bei der Gelegenheit auch getroffen, nach gefühlten Ewigkeiten. Denn wir haben zusammen getanzt beim National Ballet of Canada. Und natürlich habe ich die Tänzer getroffen, die ich zum Teil auch kenne. Am Abend war ich dann in der Düsseldorfer Oper, deren Bühne ich ebenfalls mal bevölkert habe.

Was für ein super Programm hat sich Martin Schläpfer da ausgedacht. Es gibt zuerst ein großes „Bournonville Divertissement“ in typischen Kostümen, ohne Bühnenbild vor einer zartblauen Opera. Wenn auch mein erster Eindruck war: ohje, diese spezielle Technik haben sie aber nicht drauf. Was sich aber bald, etwa nach der zweiten Nummer, legte, und ins krasse Gegenteil umschlug. Eric White legte später ein Solo hin, dass mich sogar an Niels Kehlet, den Meister dieses Fachs, erinnerte, als die Dänen noch am laufenden Band in die USA eingeladen wurden. Nun, dieser charmante, leicht asiatisch getönte Kerl hat den Ballon, den es dazu braucht, vielleicht schon in die Wiege gelegt bekommen. Und auch seine Partnerin Doris Becker (eine Absolventin der Staatlichen Ballettschule in Berlin!), die sich scheu wegdreht, wenn er sie anmacht, ist technisch hervorragend und was fast wichtiger ist, sie kann damit spielen! Schade, dass diese Art zu tanzen mit Petipa zu akademischer Langeweile abgeflacht ist und sich oft mit zirzensischen Kunststücken über die Runden rettet. Selbst die in jedem dritten Akt angebotenen Folkloretänze, außer den russischen, sind verkommen. Volkstanz ist Party, man tanzt ja miteinander, um des Lustgefühls willen. Damit keine Missverständnisse aufkommen, ich rede nicht von Choreografie, sondern von der Stilistik.

Nach der ersten Pause lieferte uns das Ensemble die Antony Tudor-Choreografie „Dark Elegies“ aus dem Jahr 1937, noch für das Rambert Ballet in London kreiert, zu den Kindertotenliedern von Gustav Mahler, gesungen und gefühlt von Dmitri Vargin. Ich hätte ihm gewünscht, dass er zwischendurch mal seinen Stuhl verließe und sei es, um hinter der hölzernen Lehne stehend seinen schönen Bariton erklingen zu lassen.
Diese Choreografie ist wie zu seiner Entstehung so zeitgenössisch-fortschrittlich, dass ich zwischendurch an Hans van Manen oder Jiří Kylián denken musste, ohne dass ich annehmen würde, sie hätten sich jemals davon inspirieren lassen. Aber beide können diese Atmosphäre erzeugen, die ohne falsches Pathos auskommt, so wie Mahler, dessen Musik von den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Wen-Pin Chien gespielt, unter die Haut geht. Virginia Segarra Vidal und ihr um sie besorgter Partner Marcos Menha haben Tudor verstanden und wenn mich nicht alles täuscht, hat hier der gute Einfluss der Birgit Keil das seine dazu beigetragen. Es ist für diese junge Generation Tänzer sicher nicht leicht, diese vergangene Seelenwelt zu erahnen. Boris Randzio, So-Youn Kim kann ich mit Alexandre Simões hier gleich im selben Atemzug mit herausheben und welcher von den genannten mich zwischendurch an Hugh Lang (den Freund von Tudor) erinnerte, obwohl oder gerade weil ich ihn nie live gesehen habe, kann ich nicht sagen. Im Gegensatz zu Tudor, der in mehreren Jahren zu Folkwang kam, nicht nur weil er die auf Spitze tanzende Pina in seinem Ballett „Der Fliedergarten“ liebte, sondern auch Jan Stripling, der sie in dem Stück lieben sollte. Aber Jan ging dann zu Cranko und Anne Woolliams, die sein Geliebte war, nicht nur im „Fliedergarten“, tat es ihm nach.

Was für eine wunderbare Riege junger Tänzer, die mir irgendwie alterslos erscheinen auf der Bühne des Düsseldorfer Opernhauses. Sie tanzen, agieren, natürlich stark beeinflusst von Martin Schläpfer, und doch sind sie durch die Einstudierung von Amanda McKerrow und John Gardener auf's richtige Gleis gesetzt worden.

Nach der zweiten Pause braust Brahms 1. Sinfonie aus dem Orchestergraben und zuerst schien sie mir tatsächlich eine gute Klammer für diesen Abend zu sein. Aber schon nach den ersten paar Minuten geht dem Choreografen Terence Kohler die Puste aus. Er hat sich hoffnungslos überschätzt mit der Musik, und ein Konzept ist mir auch nicht ersichtlich. Die Kompanie, sich tänzerisch durch und durch mit verschiedenen Charaktere und Kulturen auszeichnend, tut, was sie kann. Ja, die Männer stehen Kopf, aber es hilft alles, aller Aktionismus, nichts. Bis schließlich lähmend lang die gesamte Kompanie über eine alberne Leiter der Burg - dem Verlies? - entrinnt. Und dann drehen sie von rückwärts die Dekorationselemente, erscheinen durch die Spalten im Gegenlicht, auch das nur Effekthascherei, hopsen nochmal. Ist die Situation damit gerettet? - Nein, nicht „One“, aber Zero. Das wäre der richtige Titel für das Stück.
Vielleicht sollte Terence eine Pause einlegen; sich besinnen auf das, was er früher gedacht hat; versuchen, ob er solchen Unsinn selbst tanzen würde und wie ihm dann zumute wäre. Ich habe ja gesehen, was er wirklich kann. Er hat sogar bewiesen, dass er auch Handlungsballett beherrscht. Eine Krise ist dazu da, überwunden zu werden und sich dann wie Phönix aus der Asche in - von mir aus auch kontaminierte - Lüfte zu erheben.

Veröffentlicht am 19.10.2016, von Günter Pick in Homepage, Blogs, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1143 mal angesehen.



Kommentare zu "Phönix aus der Asche"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    STADTTHEATER MEETS FREIE SZENE

    Ben J. Riepe choreografiert für das Ballett am Rhein

    Ein grandios theatraler Kommentar für unsere Zeit ist Ben Riepe mit "Environment" gelungen. Umrahmt wird die Uraufführung von einer neuen Variante von Ohad Naharins "Decadance" und Remus Şucheanăs neuem Ballett "Abendlied".

    Veröffentlicht am 29.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    BEHERRSCHER DER GEISTER

    Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

    Mit Sensibilität und Respekt für die Erwartungen des Publikums hat Martin Schläpfer auch die Duisburger Fraktion der Deutschen Oper am Rhein für sein Ballett am Rhein gewonnen.

    Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf

    Martin Schläpfer setzt auch durch seine zweite Zusammenarbeit mit der Grande Dame der zeitgenössischen Musik höchste Maßstäbe für den Bühnentanz im 21. Jahrhundert.

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko


    DIE FRAUEN EMANZIPIEREN SICH

    Applaus für das Berliner Gastspiel des Ballett am Rhein mit Martin Schläpfers „7"

    Das Zentrum bilden Mann und Frau, ihre Anziehung und Abstoßung, Dominierung und Befreiung. Faszinierend ist die Wucht, mit der Schläpfer dieses Sujet in immer neuen Tanzbildern spannend in Szene setzt.

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Gastbeitrag


    VON AUßENSEITERN UND EINZELGÄNGERN

    b.30 in Düsseldorf

    Das neue Programm des Ballett am Rhein bietet lange, vielfältige, aber leider allzu harmlose, ungenaue Blicke auf das aktuelle Thema Einsamkeit als Außenseiter oder Einzelgänger.

    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Marieluise Jeitschko


    MONAT FÜR MONAT MIT KRAFT UND ELEGANZ UND FREUDE

    Eine Kalender-Hommage an Martin Schläpfers zeitgenössisches Tanzensemble

    Der Fotograf und ehemalige Tänzer Gert Weigelt zeichnet für die exquisiten Abbildungen verantwortlich, die alle von einer puristischen Eleganz durchzogen sind.

    Veröffentlicht am 23.11.2015, von Andrea Amort


    B.25 BEIM BALLETT AM RHEIN

    Ein neuer van Manen für deutsche Tanzfans!

    Die Premiere von b.25 in Düsseldorf mit Raritäten von Forsythe, Ashton und van Manen war ein Fest. Die deutsche Erstaufführung von van Manens "Two Gold Variations" bot den Höhepunkt.

    Veröffentlicht am 12.10.2015, von Marieluise Jeitschko


    NEUES DOMIZIL FÜR DAS BALLETT AM RHEIN

    Das Balletthaus der Oper ist offiziell übergeben

    Stadt und Oper haben das Millionenprojekt im vorgesehenen Zeit- und Budgetrahmen fertiggestellt

    Veröffentlicht am 05.09.2015, von Pressetext


    DREI VARIANTEN VON TANZ HEUTE

    "b.24" des Ballett am Rhein

    Scheinbar mühelos bewältigen die Tänzer und Tänzerinnen die Uraufführungen von Young Soon Hue, Marco Goecke und Amanda Miller. Aber eine wirkliche Novität im facettenreichen Spektrum zeitgenössischen Tanzes fehlt diesem Programm.

    Veröffentlicht am 14.05.2015, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

    Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NEUE STÜCKE DES TANZTHEATER WUPPERTAL PINA BAUSCH

    Die Proben haben begonnen - SAVE THE DATES!

    12. Mai Uraufführung Neues Stück I Kreation von Dimitris Papaioannou und 02. Juni Uraufführung Neues Stück II Kreation von Alan Lucien Øyen

    Veröffentlicht am 03.03.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

    Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

    Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


    SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

    "True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

    Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    ÄSTHETISCHE WELLEN

    Der Tanzabend "Waves" von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Veröffentlicht am 18.05.2018, von Dagmar Klein


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein



    BEI UNS IM SHOP