KRITIKEN 2003/2004



Hamburg

MAYA KRISHNA RAO: "KHOL DO"

beim Laokoon Festival auf Kampnagel


"Cyborg against the Empire" ist der Titel des Laokoon-Festivals auf Kampnagel. Dafür hat Organisator Hidenaga Otori Gruppen aus Frankreich, Australien, Indonesien, Dänemark und anderen Ländern herangekarrt. Mit dem Sommerfestival vergangener Jahre vor Amtsantritt der jetzigen Kampnagel-Leiterin Gordana Vnuk hat es kaum noch etwas zu tun: Der Tanz, darunter John Jasperse mit „Giant Empty“, tritt nicht mehr als quantitativ wesentliches Element hervor. Otori überträgt in seinem hochgestochenen, etwas wirr hin und her springenden Einführungstext den Begriff des Cyborg auf Menschen, in denen sich fremde (unorganische) Einflüsse mit den eigenen (organischen) mischen. „Empire“ steht ihm für Abschottung, für Unfähigkeit zur Reflexion. Der Cyborg soll es aufbrechen.
Maya Krishna Rao, Kathakali Tänzerin, Regisseurin und Schauspielerin, allerdings begibt sich in ihrem Solo „Khol Do“ (Die Suche) in die fast totale Reflexion, kaum zugänglich für Zuschauer, denen die Bedeutung ihres stilistischen Repertoires unbekannt ist. Sie können sich an dem äußeren Bild erfreuen oder reiben. Die untersetzte Inderin, ein fast üppiges Gegenbild zum westlichen Tänzerinnentyp klassischen Stils, scheint in ihren Traditionen wie dem Kathakali-Tanz zu ruhen, auch wenn sie weit über das Vorbild hinausgeht, beispielsweise dessen prächtige Kostüme durch ein simples, zweiteiliges Gewand aus körpernahem Oberteil und einem hosenähnlichem Unterteil mit tiefem Schritt „ersetzt“. Gestik und Mimik, hier und da ein Aufstampfen des Fußes scheinen auf den Stil zurück zu verweisen.
Die Vermischung mit westlichem Kulturgut vollzieht sich meines Erachtens ausschließlich in der begleitenden Musik, die neben Geräuschen wie Zuglärm, Massengebrabbel wie in einer Bahnhofshalle, Kompositionsabschnitte von Philipp Glas einfügt. Dessen wabernde, wallende Klänge erzeugen durch ihre scheinbar unendliche Wiederholung eine meditative Stimmung – oder Langweile, je nach Hörer/in.
Laut Textblatt schildert ihr Solo, das zuvor schon in London und München gezeigt wurde, die Suche eines Vaters nach seiner Tochter, die er in den Wirren der Aufstände, die zur Gründung Pakistans führten, auf einem Bahnsteig verloren hat. Die grauhaarige Maya Krishna Rao, vielleicht Mittvierzigerin, agiert auf einem knapp bemessenen Podium mit kleinen, fein abgezirkelten Gesten, einfachen Bewegungen ohne die leiseste Andeutung von technischer Virtuosität, begleitet von ausdruckvoller Mimik gewissermaßen zwischen Lachen und Weinen, Freude und Resignation. Wie sie höchst konzentriert erst am Boden, dann aufgerichtet das Podium ausmisst, den Schal, einziges Überbleibsel „seiner“ Tochter, um den Körper schlingt, den Kopf in „fernöstlicher“ Manier seitlich verschiebt, mit den Augen redet – das hat über die 50 Minuten Aufführungsdauer seine eigene Faszination. Und die wäre gewiss noch größer gewesen, hätte man der Vorstellung zum besseren, tieferen Verständnis eine kurze Einführung vorangestellt, in der die wesentlichen Momente, Zeichen ihrer Choreographie erläutert worden wären. So wäre das „Empire“ aufgebrochen worden, der angebliche „Cyborg“ May Krishna Rao hätte in fast seiner ganzen Bandbreite wirken können.

Veröffentlicht am 11.09.2003, von Ulrich Völker in Kritiken 2003/2004

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Kommentare zu "Maya Krishna Rao: "Khol Do" "



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