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Zürich

FRÜHLINGSOPFER UNTER STRÖMENDEM REGEN

Ballett Zürich zeigt Marco Goeckes „Petruschka“ und Edward Clugs „Le Sacre du Printemps“



Zwei Strawinsky-Ballette in neuer Fassung, mit höchst origineller Tanzsprache (Goecke) und hinreissend wässeriger Ausstattung (Clug).


  • "Petruschka" von Edward Clug; Tigran Mkrtchyan und Katja Wünsche Foto © Gregory Batardon

Die zwei Tanzwerke waren damals, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, eine Sensation: „Petruschka“ (1911) und vor allem „Le Sacre du Printemps“ (1913) zur Ballettmusik von Igor Strawinsky. Die beiden Stücke wurden durch die Ballets Russes von Sergej Diaghilev in Paris uraufgeführt. Komponist Strawinsky hatte zusammen mit den Ausstattern Alexandre Benois, Nikolai Roerich) auch die Libretti geschaffen. Die Choreografien von Michail Fokin („Petruschka“) und Vaslav Nijinsky („Sacre“) waren ganz neuartig, markierten den Übergang vom großen klassisch-romantischen Ballett zum modernen kleinen Gesamtkunstwerk.

Besonders „Sacre“ mit Strawinkys ungewohnt klingender Musik samt ihren rhythmischen Überlagerungen und Nijinskys ‚primitiver’ Tanzsprache eckte zunächst gewaltig an. Bei der Uraufführung im Mai 1923 im Théâtre des Champs-Elisées brachen Tumulte aus, es gab hysterisches Gelächter, Handgreiflichkeiten und böse Kritiken...

Die Aufregung legte sich aber bald. Heute gehören „Petruschka“ und „Sacre“ zum Repertoire unzähliger Ballettensembles. Allerdings in den unterschiedlichsten Choreografien – für beide Tanzwerke gibt es Dutzende von mehr oder weniger originellen Neufassungen. Berühmt geworden sind besonders „Sacre“ von Maurice Béjart (1959) oder Pina Bausch (1975). Aufsehen erregte auch die – etwas fade - Rekonstruktion von Nijinskys Fassung durch Millicent Hodson und Kenneth Archer.

Ausgesprochen originell sind die beiden Choreografien, die das Ballett Zürich nun auf die Bühne des Opernhauses gebracht hat. Sowohl was die Tanzsprache als auch die Ausstattung betrifft.

Für „Petruschka“, einst von Michail Fokin in Szene gesetzt, hat man in Zürich den erfolgreichen Choreografen Marco Goecke engagiert. Eine Uraufführung! Und man staunt: Kein lebendiger Jahrmarkt, sondern eine halbrunde, schwarz ausgestattete Bühne (Michaela Springer). Keine farbigen Kostüme, sondern nackte Oberkörper bei den Männern, hautfarbene Tops bei den Frauen, alle in langen dunklen Hosen. Geblieben ist das Trio mit der zickigen Ballerina (Katja Wünsche), dem prahlerischen Mohren (Tigran Mkrtchyan) und dem melancholischen Petruschka (William Moore). Drei Puppen, die lebendig werden, sich unglücklich verlieben, Eifersucht schüren, einander bekämpfen - was mit dem Tod des armen Petruschka endet. Am Schluss erscheint sein Geist – den Mund klagend aufgerissen und zähneklappernd.

Einmalig, unverwechselbar ist das Tanzvokabular, das Marco Goecke für seine Figuren entwickelt hat. Ruckartig bewegen sie Arme und Kopf, Schultern und Oberkörper, und das meist prestissimo. Die Finger flattern. Dazu Grimassen! Alle 17 Tanzenden haben sich Goeckes artifiziellen Stil wie selbstverständlich angeeignet. Die Choreografie hat aber auch gewisse Defizite. Die von der Philharmonia Zürich unter dem venezolanischen Dirigenten Domingo Hindoyan erstklassig gespielte Strawinsky-Komposition nimmt Goecke in ihren Stimmungen nicht ernst genug. Auch leuchtet nicht ein, warum die Puppenfiguren und die ‚normalen’ Jahrmarktbesucher einen fast identischen Tanzstil entwickeln. Multizentral, hektisch, nervös.

Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ wird jetzt in Zürich vom slowenischen Choreografen Edward Clug (Uraufführung 2012 in Maribor) in eine Regenlandschaft versetzt. Wassermassen stürzen vom Bühnenhimmel. Die Tanzenden, die sich anfänglich noch im Trockenen bewegten, müssen sich amphibienhaft dem Wasser überlassen. Die jungen Männer packen die Mädchen an den Füssen und wirbeln sie im Nass herum. Das wirkt brutal – später aber gleiten die Tänzerinnen an der Hand ihrer Partner wie Schwäne dahin.

Gleich wie Goecke in „Petruschka“ reduziert auch Clug im „Sacre“ die Kostüme auf ein Minimum (Ausstattung Marko Japeli/ Leo Kulas). Zwar haben die Mädchen Zöpfe und rote Bäcklein wie damals. Sonst aber tragen alle zwölf Tänzerinnen und Tänzer, mit Lehmflecken am Körper, einfache Unterwäsche. Nichts mehr von russischer Folklore und langen Bärten. Das Wasser aber, Naturgewalt und Reinigungselement, gibt „Le Sacre du Printemps“ seine mystische Atmosphäre zurück. Man staunt über die Tänzerinnen und Tänzer, die sich der nassen Szene scheinbar mühelos anpassen. Bewundernswert Katja Wünsche, die schon in „Petruschka“ die Ballerina spielte und im „Sacre“ zum Frühlingsopfer wird. Sie hadert lange mit ihrem Schicksal, für die archaischen Fruchtbarkeitsgottheiten sterben zu müssen, wird dann aber immer stolzer und unaufgeregter. Grossartig in beiden Werken auch William Moore.

Bei der Premiere in Zürich gab es starken Beifall für die außerordentliche Leistung der Tänzerinnen und Tänzer, für die Philharmonia und für die beiden – so anspruchsvollen wie originellen – Choreografen.

Premiere: 8.10.16
www.opernhaus.ch

Veröffentlicht am 09.10.2016, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2016/2017

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Kommentare zu "Frühlingsopfer unter strömendem Regen"



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