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Gießen

ALLES NUR EIN TRAUM IM TRAUM?

Tanzcompagnie Gießen zeigt dreiteiligen Tanzabend „All we see“



Der neue Tanzabend „All we see“ am Stadttheater Gießen fasziniert mit verschiedenen Ausdrucksweisen des zeitgenössischen Tanzes, die drei Choreografen zu ein und demselben Thema schufen.


  • „Similitude“ von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • „Similitude“ von Tarek Assam Foto © Rolf K. Wegst
  • "Mystic Vapour" von Jacek Przybylowicz Foto © Rolf K. Wegst
  • "Mystic Vapour" von Jacek Przybylowicz Foto © Rolf K. Wegst
  • „The Frail“ von James Wilton Foto © Rolf K. Wegst
  • „The Frail“ von James Wilton Foto © Rolf K. Wegst

Der neue Tanzabend „All we see“ am Stadttheater Gießen fasziniert mit verschiedenen Ausdrucksweisen des zeitgenössischen Tanzes, die drei Choreografen zu einem Thema schufen. Ballettdirektor Tarek Assam hat zwei Kollegen eingeladen, sich mit einer Erzählung von Edgar Allan Poe (1809-1849) zu beschäftigen: „Der Untergang des Hauses Usher“. Der Brite James Wilton hat schon einmal in Gießen choreografiert („Spieluhr“ 2014), der Pole Jacek Przybylowicz arbeitete zum ersten Mal mit der TCG.

„Der Untergang des Hauses Usher“ ist die Verdichtung von Poes morbider Fantasiewelt, die von Geisteskrankheit, Lebendigbegrabensein, Liebe unter Verwandten, Wiederauferstehung von Totgeglaubten oder vom Sterben schöner, junger Frauen handelt. Poe selbst sagte, dass sein Schrecken „aus der Seele“ komme und er in seinen Geschichten keiner Logik folge, sondern auf einen rein emotionalen Effekt ziele. Auf diesem Weg folgt ihm der höchst beeindruckende Gießener Tanzabend.

Um drei choreografische Handschriften zu verbinden, schlug Assam die Musik von Alan Parsons vor, wobei die naheliegende Auswahl des Albums „Mystery Tales“ (1975/76) des Alan Parsons Project aus urheberrechtlichen Gründen nicht genommen werden konnte. Aber Parsons hat genug anderes produziert, das ebenso die von Assam geschätzten gefühlsintensiven Atmosphären kreiert. Die Musik ruht auf einem elektronischen Soundteppich, der vieles integriert: Rockgitarre, Bluespartien und englische Folkmusic, Wettergeräusche und Wolfsheulen, gesprochene Texte und lyrische Gesangseinlagen.

Für weitere Einbindung der drei Teile sorgt das Bühnenbild von Katja Wetzel, die eine Art großen Rahmen und vier Würfel geschaffen hat. Was die Choreografen sehr unterschiedlich einsetzen: bei Assam sehr raumprägend, bei Wilton kaum vorhanden, bei Przybylowicz theatral als Hinterbühne. Mit Lichteffekten arbeiten natürlich alle, die Düsternis wird nur durch Spots erhellt, durch blaue Lichtzonen oder wabernden Nebel gestaltet. Die Kostüme hingegen sind unterschiedlich, auf den Charakter jedes Stücks zugeschnitten, wobei für alle drei der Uni-Sex gewählt wurde, also keine oder nur minimale Unterscheidung zwischen den Geschlechtern. Bei Assams „Similitude“ (Ähnlichkeit) sind es eng anliegende, transparent wirkende Oberteile und lange Röcke, alles dunkeltonig gehalten; bei Wiltons „The Frail“ (Der/die Gebrechliche) sind es locker sitzende, weiße Hosen und Jacken, die der Sportbekleidung bei Kampfsportarten nahekommen, die auch für Wiltons Bewegungsrepertoire prägend sind; bei Przybylowicz’ „Mystic Vapour“ (Mystischer Nebel) tragen die Tänzer Oberhemden im oversized-look, was zusammen mit der Darstellung streckenweise sehr sexy rüberkommt.

Auch inhaltlich haben die Drei unterschiedliche Schwerpunkte gewählt. Tarek Assam beschäftigt sich mit der Frage, was vor den letzten schrecklichen Tagen im Haus Usher passiert sein mag, ob die Geschwister Usher ein inzestuöses Verhältnis hatten. „Zu Poes Zeiten hat man über so etwas ja noch nicht offen gesprochen “, wie er beim Pressegespräch sagte, „da haben sich solche Dinge, die dunklen Seiten der Menschen, nur in der Poesie äußern können.“ Und dafür steht Poe allemal, für eine Poesie der Düsternis, Angst und psychischen Verwirrung. Die tragenden Rollen hier spielen Mamiko Sakurai und Lorenzo Rispolano.

James Wilton begibt sich mit seiner Choreografie „The Frail“ mitten in den Kopf des namenlosen Ich-Erzählers. Zitternd und zunehmend verwirrt wird dieser (Sven Krautwurst) von Wahnvorstellungen bedrängt, die ihre äußere Entsprechung in dem ihn verfolgenden Schatten (Iacopo Loliva), aber auch in den Sprüngen und Tritten der Gruppe findet. Da kann auch die beschützende weibliche Macht (Magdalena Stoyanova) trotz vieler Versuche nicht wirklich etwas ausrichten.

Den Abschluss des Abends macht Jacek Przybylowicz mit „Mystic Vapour“, er nutzt literarische Elemente wie das Gedicht „Geisterschloss“, das aus dem Off gesprochen (Stimme Harald Pfeiffer) für das Publikum Spuren des Verständnisses legt. Für ihn ist es das erste Mal, dass er tanztheatrale Mittel nutzt. Sein Bewegungsrepertoire zeigt, vor allem im Vergleich mit dem von Wilton, kleinere, dichter am Körper ausgeführte Bewegungen, die in der Gruppe ausgeführt wie ein Fließen wirken. Am Ende steht die titelgebende Frage: „Ist alles, was wir sehen oder uns erscheint, nur ein Traum in einem Traum?“

Erstaunlich sind dennoch die Gemeinsamkeiten der drei Teile, die vermutlich durch die Musik von Parsons inspiriert sind. Alle drei haben großartige Gruppenbilder erarbeitet, die in wechselnden Reihen oder im Kreis, als arabeske Girlande oder amöbenhaft sich bewegende Strukturen gestaltet sind. Überhaupt ist das naturhafte Element sehr sichtbar, vor allem in Assams Choreografie, sich im Wind wiegendes Gras oder kräuselnde Wasseroberflächen, da kommen viele Assoziationen auf.

Die Tanzcompagnie Gießen zeigt eine ausgezeichnete Ensembleleistung, die neuen, sehr jungen Tänzer zeigen erstaunliche Präsenz, auch in den Gruppenszenen. Klar ist, dass mit den erfahrenen Ensemblemitgliedern das Training schon wesentlich früher beginnen konnte, diese also die tragenden Rollen haben. Zum Ensemble gehören außerdem: Caitlin-Rae Crook, Maria Adriana Dornio, Agnieszka Jachym, Lara Kleinrensink, Clara Thierry, Skip Willcox; Marcel Casablanca Martínez, Douglas Evangelista, Yusuke Inoue.


Weitere Vorstellungen: 21. Oktober; 13., 25. November; 16. Dezember 2016; 21. Januar 2017, jeweils 19.30 Uhr im Stadttheater Gießen.

Veröffentlicht am 09.10.2016, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2016/17

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