HOMEPAGE



Berlin

VON WUPPERTAL IN DIE WELT

Die Pina Bausch Ausstellung ist nun auch in Berlin zu sehen



Über vier Monate war die Ausstellung „Pina Bausch und das Tanztheater“ in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Nach einer kurzen Sommerpause ist sie nun weitergezogen nach Berlin – in den Martin Gropius Bau.


  • "Pina Bausch und das Tanztheater" im Martin-Gropius-Bau, Berlin Foto © Jirka Jantsch, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • "Pina Bausch und das Tanztheater" im Martin-Gropius-Bau, Berlin Foto © Jirka Jantsch, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • "Pina Bausch und das Tanztheater" im Martin-Gropius-Bau, Berlin Foto © Jirka Jantsch, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • "Pina Bausch und das Tanztheater" im Martin-Gropius-Bau, Berlin Foto © Jirka Jantsch, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  • "Pina Bausch und das Tanztheater" im Martin-Gropius-Bau, Berlin Foto © Jirka Jantsch, 2016 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Rein Wolfs, der Intendant des Schwesterhauses Bundeskunsthalle Bonn betonte im Pressegespräch: „Es ist Zeit, die Wuppertaler Weltmarke nun in der Weltstadt Berlin zu präsentieren“. In der Tat, so viel Bausch gab es nie zuvor in der deutschen Hauptstadt! Die performative Ausstellung und das breit in sie implementierte Programm der aktiven Körperarbeit für Interessenten jeden Alters ist das spannende Tanzereignis in Berlin! Pina Bauschs Beweggründe zu erkunden und als künstlerische und moralische Werte lebendig in die Zukunft zu tragen und sich an ihnen produktiv abzuarbeiten – was für eine Gelegenheit!

Diese Ausstellung zieht den Betrachter kraftvoll in die Gedanken- und Bühnenwelt der ewig suchenden Choreografin Pina Bausch (1940 – 2009) und ihrer an internationalen Tänzerpersönlichkeiten so reichen Wuppertaler Kompanie. Pina Bausch wird 1973/74 Leiterin des Wuppertaler Balletts, das sie programmatisch in Tanztheater Wuppertal umbenennt. Sie erprobt verschiedene Genres, bestimmend wird die Revue. Handlung in Bruchstücken, Fragmente für eine brüchige Welt, für fragwürdige Besitzverhältnisse, hinter der Schönheit lauert der Abgrund, Chiffren für den desolaten Zustand der Menschen, die sich trotzig in fahrigen oder in ritualisierten Bewegungen zu behaupten suchen.

Pina Bausch war überzeugt, dass das Tanzen einen anderen Grund haben muss als bloße Technik und Routine. Ihr ging es darum, eine eigene Sprache zu finden – mit Worten, mit Bildern, Bewegungen, Stimmungen -, die die Beweggründe erhellt. Aus den sie bewegenden Fragen sind die Fragen an die Tänzerinnen und Tänzer entstanden, die jedem Stück zugrunde liegen. Fragen, die an die Zuschauer als Teil der Vorstellung weitergegeben werden.

„Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt“, so Pina Bausch in ihrer Rede zur Verleihung des Kyoto Award 2007. Diese Rede, in der die wortkarge Künstlerin öffentlich über die „planlosen Herausforderungen“ seit der Kindheit und den weiten Weg ihres Tanztheaters bis zur Etablierung eines zeitgenössischen Tanztheater-Netzwerks nachdenkt, inspirierte das Kuratoren-Trio um Salomon Bausch (Gründer der Bausch Foundation Wuppertal). Das Ausstellungskonzept konzentriert sich auf den künstlerischen Lebensweg der Tänzerin, ihre ersten Choreografien für das Folkwang-Ballett Essen, die Gründung des Wuppertaler Tanztheaters, das Ensemble - von großer Heterogenität an Altersstruktur, Erscheinung, Begabung, allesamt außerordentliche Persönlichkeiten mit eigenem Gesicht - und auf die spezifische Arbeitsweise. Die kühnen assoziativen Bühnenlandschaften von Rolf Borzik und Peter Pabst, die Kostüme von Marion Cito, die musikalischen Montagen von Matthias Burkert geraten in Bild, Film und Ton ebenso wie die Koproduktionen rund um den Erdball in den Fokus des Betrachters.

Auch die berühmte Reihe „Frühling Sommer Herbst Winter“ aus dem Stück „Nelken“ (1982) wird heute weltweit von Menschen getanzt. In Berlin ist jede/jeder eingeladen, die prägnanten Gesten vom Wechsel der Jahreszeiten im gemeinsamen Voranschreiten auszuprobieren. Ann Endicott, eine der großartigen Protagonistinnen der Kompanie, steht inmitten einer Gruppe von 25 Frauen und Männern jeden Alters im Probenrund der legendären Lichtburg und formt die präzisen Gesten der Arme für Gras, Sonne, fallende Blätter, Kälte. Das Kino aus den 50er Jahren mit geschwungenem Rang, gelben Leuchten an gewellter Wandbespannung in Wuppertal-Barmen ist seit 1978 der Probenraum der Kompanie. Jetzt wurde dieser authentische Probenort als Nachbau in den Lichthof des Gropius-Baus verpflanzt. Ein verblüffender Coup! Glaubt man doch, Pina würde gleich hereintreten, vier Spiegel, Kostüme auf Bügeln der Wuppertaler Bühnen, bunte Heels am Haken, ein Klavier und vorn der Holztisch mit drei Stühlen. Hier hat Pina Bausch gesessen, geguckt, meist mit einer Zigarette in der Hand. Die Lichtburg, hermetisch geschützter Probenort in Wuppertal, hier in Berlin öffnet er sich; ehemalige und derzeitige Ensemblemitglieder werden ihr Körperwissen bei täglichen Workshops, Warm-Ups, Lecture Performances, Talks an Interessierte weitergeben. Im Dezember wird die Lichtburg zum Kino für Dokumentar- und Spielfilme über die Arbeit des Wuppertaler Tanztheaters.

In einem abgedunkelten Kabinett kann man Pina Bausch in Interviews und Reden im O-Ton zwischen 1973 bis 2007, erleben. Im Raum mit sechs Großbildschirmen werden parallel Szenen aus allen Stücken in Soli und Gruppen, wechselnden Besetzungen und die furiosen Ensemble-Reihen mit dem komplizenhaften Lächeln der Protagonisten ins Publikum gezeigt. Die schönen starken Frauen und Männer, verletzbar und einander verletzend – voller Sehnsucht, Angst, auf der Suche nach Liebe – eine großartige visuelle Zeitreise.

In Sizilien vermerkt eine Probennotiz vom 29. 4. 1989 – Baum malen. Einige der Baumzeichnungen von Ensemblemitgliedern aus dem Produktionsordner hängen in der Ausstellung. Sie sind Teil der Arbeitsphase zur Koproduktion „Palermo Palermo“ (1989). In Berlin stand Pina Bausch lächelnd inmitten ihrer Kompanie beim Schlussbeifall für „Rough Cut“ 2007, es war das letzte Mal. Ein halbes Jahr nach ihrem Tod 2009 gastierte das Ensemble mit „Die sieben Todsünden“ in memoriam im Festspielhaus. Im Dezember 2016 kehrt das Wuppertaler Tanztheater mit vier Vorstellungen von „Palermo Palermo“ endlich auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele zurück. In der Tat, so viel Bausch gab es nie zuvor in der deutschen Hauptstadt!

Das Werk von Pina Bausch findet auf der Bühne statt! Unser Wissen über uns selbst ist in Bauschs Stücken bis in kleinste Nuancen als eruptive sinnliche Erfahrung gespeichert. Man sollte sich Zeit nehmen und mit allen Sinnen den Kosmos Tanztheater Pina Bausch einzutauchen.

Veröffentlicht am 23.09.2016, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Tanzmedien, Themen, Tanzjahr 2016

Dieser Artikel wurde 3971 mal angesehen.



Kommentare zu "Von Wuppertal in die Welt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DAS „CAFÉ MÜLLER“ UND DIE FOLGEN

    Der dreiteilige Ballettabend „Hope“ in Antwerpen

    Bausch, Graham und eine Uraufführung von Annabelle Lopez Ochoa - ein bemerkenswerter Abend, der Fragen offen lässt.

    Veröffentlicht am 30.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    PINA BAUSCHS FEINE FÄHRTEN DURCH DAS WELTENLABYRINTH

    Das Tanztheater Wuppertal zeigt in Berlin „Palermo Palermo“

    Randhoch verdeckt die Bühne eine Mauer mit projizierten farbigen Ornamenten. Doch urplötzlich kippt der Wall rückwärts ab, hinterlässt eine Staubwolke und zerplatzte Träume vom hehren Sehnsuchtsland.

    Veröffentlicht am 19.12.2016, von Volkmar Draeger


    EIN GLANZSTÜCK FÜR DIE TÄNZER

    Pina Bauschs „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ beim Bayerischen Staatsballett

    Nach langjähriger Arbeit und mit viel Hartnäckigkeit ist es endlich gelungen eine Choreografie von Pina Bausch nach München ans Bayerische Staatsballett zu holen.

    Veröffentlicht am 06.04.2016, von Malve Gradinger


    WEHMÜTIGE RETROSPEKTIVE

    Der Kalender des Tanztheaters Wuppertal für 2016

    Die langjährige Fotografin Ursula Kaufmann hat eine wunderbare Auswahl aus Gruppen- und Solistenbildern zusammengestellt, die sowohl den Witz, als auch die Melancholie und vor allem die Intensität ihrer Werke vermitteln.

    Veröffentlicht am 07.12.2015, von Annette Bopp


    INS OFFENE MESSER RENNEN

    Gert Weigelt bloggt über die Genie-Erwartungen der Presse ans Tanztheater Pina Pina Bausch

    Jetzt, bei Lichte besehen und mit mittelmäßiger Choreografenkost gefüttert, ist die Kompanie halt doch nur eine Truppe unter vielen.

    Veröffentlicht am 23.09.2015, von gert weigelt


    TRAUER UM VIVIENNE NEWPORT

    Tänzerin und Choreografin im Alter von 63 Jahren verstorben

    Sie zählte zu den Gründungsmitgliedern von Pina Bauschs Tanztheater in Wuppertal, von dem sie acht Jahre Teil war und in Stücken wie „Iphigenie auf Tauris“, „Frühlingsopfer“, „Die sieben Todsünden“, „Blaubart“ und „Kontakthof“ tanzte.

    Veröffentlicht am 29.04.2015, von tanznetz.de Redaktion


    PINA BAUSCH FELLOWSHIP

    Kunststiftung NRW und Pina Bausch Foundation schreiben gemeinsames Stipendium für Tanz und Choreografie aus

    Das Pina Bausch Fellowship ermöglicht Tänzerinnen und Tänzern sowie Choreografinnen und Choreografen weltweit, als Mitglied auf Zeit in einem Ensemble ihrer Wahl neue tänzerische Ausdrucksweisen kennenzulernen.

    Veröffentlicht am 28.04.2015, von Pressetext


    SINN FÜR DAS LUFTIGE

    "Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito, 1980-2009"

    Was Marion Citos Kostüme für Pina Bauschs Stücke mit den Tänzern tun, unterstreicht der opulente Bildband "Schönheit wagen - Tanzkleider von Marion Cito, 1980-2009".

    Veröffentlicht am 03.02.2015, von Marieluise Jeitschko


    ERINNERUNGEN...

    Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal

    Immer mehr verknüpft sich Pina Bauschs Oeuvre mit Erinnerungen. Ursula Kaufmann hat für ihren Dumont-Kalender 2015 diesmal Ablichtungen aus den Jahren 2001 bis 2013 gewählt.

    Veröffentlicht am 10.12.2014, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    LUSTVOLLES FLIEGEN

    Die Choreografin Elizabeth Streb mit ihren "Action Heroes" beim Internationalen Sommerfestival in der Hamburger Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 16.08.2018, von Annette Bopp


    KLASSIKADAPTIONEN, ZUKUNFTSVISIONEN UND EINE PRISE HUMOR

    Erste Gastspiele beim 30. Festival Tanz im August
    Veröffentlicht am 16.08.2018, von Volkmar Draeger


    ZWISCHEN POP- UND SUBKULTUR

    ImPulsTanz – Young Choreographers' Award
    Veröffentlicht am 16.08.2018, von Christian Keller



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    {UN][SPLIT}

    Micro Performance and Macro Matters

    Science & Art Festival im Muffatwerk München

    Veröffentlicht am 21.06.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    GROßE GALA

    Viel Dank für Reid Anderson in Stuttgart

    Veröffentlicht am 26.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    DER KLASSIZIST UNTER DEN TANZFOTOGRAFEN

    Gert Weigelt wird 75

    Veröffentlicht am 25.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP