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Bochum

SCHMERZENSMANN MIT KABARETT

„nicht schlafen“ – die Ruhrtriennale zeigt die Uraufführung von Alain Platels Mahler-Projekt



Auf das Ergreifendste zelebriert Alain Platel Unglück und Leid der Menschheit, und dabei bringt er die Schönheit des Schreckens auf die Bühne.


  • "nicht schlafen" - Mahler-Projekt von Alain Platel Foto © Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016
  • "nicht schlafen" - Mahler-Projekt von Alain Platel Foto © Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016
  • "nicht schlafen" - Mahler-Projekt von Alain Platel Foto © Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016
  • "nicht schlafen" - Mahler-Projekt von Alain Platel Foto © Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016
  • "nicht schlafen" - Mahler-Projekt von Alain Platel Foto © Chris van der Burght / Ruhrtriennale 2016

Einspruch, liebe Kollegen! Viele Rezensenten fühlten sich abgestoßen von den Pferdekadavern, die die großartige Bühnenskulptur von Alain Platels Mahler-Projekt „nicht schlafen“ bildeten. Vom Tanz auf den toten Tieren spricht sogar eine Rezensentin, bei dem der Zuschauer sich ekeln würde – nein, niemand aus der Gruppe von 40 Zuschauern, mit denen ich die Choreografie besuchte, hat sich geekelt, und auf dem Tier wurde nicht getanzt, sondern höchstens gesessen. Die Skulptur ist grausam, aber doch irgendwie ästhetisierend arrangiert, und das passt zu dem sonstigen Eindruck, den diese Aufführung über weite Strecken hinterlässt.

Auf das Ergreifendste zelebriert Alain Platel Unglück und Leid der Menschheit, und dabei bringt er die Schönheit des Schreckens auf die Bühne. Hässlichkeit wird zur Harmonie, ohne dass jemals das Hässliche unterschlagen wird. Ganz im Gegenteil: Bis weit über die Hälfte der Aufführung formuliert der Choreograf eine überzeugende Anklage. Nur: gegen was? Die ineinander verkeilten Kadaver, so schreibt die Dramaturgin Hildegard De Vuyst im Programmheft, spiegeln die Zerrissenheit, in der auch der Zuschauer sich befindet, wenn er sich diese Aufführung erklären will und sich fragt, welche Katastrophe sich hier abgespielt hat. „Spiegeln“ meint sie wörtlich: Unsere Spiegelneuronen, von denen wir bei unserer Geburt noch gar nicht wussten, dass wir sie hatten (sie wurden erst im Jahre 1992 entdeckt!), bewirken, dass wir auf fremden Schmerz genauso reagieren wie auf eigenen.

Und Schmerz hatten viele von uns empfunden, wenn auch vorrangig in anderen Szenen. In der unendlich langen Kampfszene zu Beginn beispielsweise, in der sich die Tänzer ineinander verkeilen wie die toten Pferde, und in der sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib reißen. Manche empfanden hier unbotmäßige Längen – nun, das dürfte gewollt sein: Menschen mit besonders ausgeprägten Spiegelneuronen mussten 20 Minuten lang die Augen schließen: Soviel zur angeblichen Schönheit des Schreckens! – Alain Platel ließ sich bei seiner Arbeit an „nicht schlafen“ von Philipp Bloms Text „Der taumelnde Kontinent“ inspirieren – von einem Text, der das Taumeln Europas aus dem Glanz und der Dekadenz der Belle Epoque, in der Gustav Mahler lebte, in die politischen Wirren der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und die Grausamkeiten des Krieges thematisiert. In dem er von „Europas zweitem dreißigjährigem Krieg“ spricht, denn gab es je echten Frieden in den Jahren zwischen 1914 und 1945? Und gab es ihn danach?

Die Pferdekadaver scheinen ein kräftiges Symbol für die Grauen des Ersten Weltkriegs zu sein, doch sie sind viel mehr. Den Düsseldorfer Theaterzuschauer erinnern sie an die Aufführung von Swetlana Alexijewitschs „Der Krieg hat ein weibliches Gesicht“ vom Dezember 2012 – auch dort lag ein totes Pferd auf der Bühne, aber wir waren schon im Zweiten Weltkrieg. Dem Freund der Bildenden Kunst fällt Picassos „Guernica“ ein – das zeigt die Folgen eines Luftangriffs aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Und die grandiosen multiethnischen Tänzer, die Platel versammelt hat, die Farben der Wüste, in die seine gesamte Inszenierung getaucht ist, die Pygmäen-Songs, die er unter die Mahler-Musik schmuggelt, haben einen eindeutigen Afrikabezug. Es drängte sich permanent das Bild vom Kampf und Leid der Flüchtlinge unserer Zeit auf. Der Kontinent taumelt – wer will das heute noch bestreiten? Doch in Zeiten der Globalisierung auch der Politik taumelt nicht mehr nur Europa, sondern es taumelt die ganze Welt.

Vielleicht sollte das alles gar nicht so schön werden, wie der Rezensent die Aufführung in weiten Teilen empfunden hat. Großartig gelungen erscheint die dem Abend zugrunde liegende Komposition aus Mahler und afrikanischen Rhythmen – die Mixtur geht vor dem Hintergrund des vermuteten Anliegens des Choreografen hervorragend auf, und sie setzt wunderbare musikalische Kontrapunkte. Düster dräuende Atemgeräusche schlafender Tiere und sterbender Kreaturen mischen sich in den Soundtrack. Aber die wunderbare Mahler-Musik macht nicht nur süchtig, sondern sie glättet alle provokante Härte. Nach Ansicht der Dramaturgie führt sie die Tänzer zur Freiheit. Mit zunehmender Aufführungsdauer schleicht sich immer wieder Humor ein in die tänzerische und musikalische Darstellung. Und was dadurch passiert, kann eigentlich nicht gewollt sein. Es gibt Gekicher im Zuschauerraum.

Die taumelnden Leidenden – auch eine Christusfigur wird angedeutet, so wie es viele religiöse Motive zu entdecken gibt – werden an das Kabarett verraten. Es gibt Peinliches: eine angedeutete Selbstbefriedigung am Pferdekadaver, ein von albernem Zungenherausstrecken begleitetes Zücken eines Penis, was, wenn man denn an Flüchtlinge denkt, eine vollkommen verrutschte Assoziation an die sexuellen Belästigungen junger Frauen durch arabische Migranten hervorruft. All das … geht irgendwie gar nicht, auch wenn wir es vermutlich missinterpretierten. Denn lustig ist das nicht, was Platel uns zeigen will. Der jüngste der Tänzer, der wildeste, der vielleicht am meisten am Leben hängt, wird in einer langen, schmerzhaften Prozedur gequält, getötet und als Leiche durch den Raum geschleift. Doch die Feen sterben nicht: Am Ende wird er tanzen, voller Vitalität und voller Lust. Alle Lust will Ewigkeit, zitieren Platel und sein Team ihren Hausheiligen Friedrich Nietzsche.

Wenn nicht alles täuscht, gibt es am Ende dieser vom Kampf und von viriler Maskulinität beherrschten Aufführung sogar ein liebendes Paar. Nicht Hass und Abscheu bewegt den Choreografen, sondern eine große, wenngleich schmerzende Liebe zum Menschen. Im Deutschlandfunk hieß es, Platel sei diesmal “nicht ... Mitleidpriester und Schmerzensmann, sondern gallig und sarkastisch” und das stehe ihm nicht so richtig gut. Doch die Szenen, in denen Platel auch in dieser Inszenierung Schmerzensmann ist, erscheinen ausgesprochen gelungen, und an ihrer Süffigkeit sollte man sich nicht stören. Das Gallige und Sarkastische ist Platel verrutscht ins Kabarett, manchmal sogar in die Comedy. Das ist ärgerlich. Unter dem Strich bleibt aber ein beeindruckender Abend.

Uraufführung 1. September 2016 in der Jahrhunderthalle Bochum, besuchte Aufführung 3. September 2016 ebenda

Veröffentlicht am 07.09.2016, von Dietmar Zimmermann in Homepage, Kritiken 2015/2016

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