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Hannover

BLICK HINTER DIE FASSADE

Die Eröffnung von Tanztheater international



Hannovers Tanzfestival startet in der Herrenhäuser Orangerie mit „Everyness“ von Sébastien Ramirez und Honji Wang sowie dem Solo „Avec Anastasia“ von Mickaël Phelippeau.


  • Tanztheater international Hannover: "Avec Anastasia" Foto © Philippe Savoir
  • Tanztheater international Hannover: "EVERYNESS" Foto © G. Cuartero

In der U-Bahn, selbst in Hannover, kann man viele jungen Afrikanerinnen mit jenen kleinen geflochtenen Zöpfen sehen. Nie erfährt man, wie sie leben, was sie denken, wovon sie träumen. Der französische Choreograf Mickaël Phelippeau gönnt uns eine Stunde mit Anastasia - „Avec Anastasia“. Das Stück ist eines jener Kleinformate, mit denen das Festival Tanztheater international Hannover seine großen Produktionen alternieren lässt.

Zur Eröffnung in der Herrenhäuser Orangerie haben Sébastien Ramirez und Honji Wang dagegen den großen Ballon aufgezogen, ein befremdendes weißes Spielelement, unter dem sich die fünf Tänzer in „Everyness“ an jedermanns Sorgen und Sehnsüchten im komplizierten Netzwerk zwischenmenschlicher Beziehungen abarbeiten. Beide Stücke wirken dabei sehr persönlich, forschen hinter die Posen und Fassaden.

Die 18-jährige Anastasia Moussier erzählt uns von ihrer aus Guinea stammenden Familie, die längst in Frankreich lebt, seit ein Schuss sie nur um 10 Zentimeter verfehlt hat. Mit elf habe sie am Mini-Miss-France-Wettbewerb teilgenommen – sie zeigt uns die popowackelnden Laufstegposen. Sie imitiert stimmlich die von einer Afrikareise heimkehrende Mutter mit der Vergötterung des Bruders – für Anastasia hat sie einen Kochtopf mitgebracht! Sie tanzt als Diskoqueen und macht ein Selfie mit dem Publikum. Mit 27 will sie Rundungen haben und heiraten, sagt sie, reich. Vielleicht Chris Brown. Soapgerechte Teenagerträume - Anastasia lässt auch Selbstironie durchscheinen. Aber viel tiefer gehen ihre Aussagen nicht. Den Kopf unter einer Jacke verborgen, schleicht sie wie ein Löwe über die Bühne. Zuletzt macht sie den anfangs versprochenen Tanz mit vornübergebeugtem Kopf, so dass ihre Zöpfe das Gesicht wie ein Schleier verdecken. So fühle sie sich wohl, hat sie gesagt. Und so, in diesem letzten Tanz, verstehen wir vielleicht am meisten von ihr. Ein Teenager auf der Suche, noch schutzbedürftig, schon selbstbewusst. Eine Arbeit, ehrlich und schlicht. Phelippeau hat ihr nichts aufgedrängt, nichts abgezwungen. Etwas mehr Reibung wäre künstlerisch trotzdem wünschenswert gewesen.

Das geht natürlich besser zu mehreren. In „Everyness“ wirken die Tänzer zunächst wie eine Hochzeitsgesellschaft, der noch schlaffe Ballon sieht aus wie ein Brautkleid, den Arm untergehakt steht die Tänzerin mit ihrem Partner. Ein Paar noch zur Linken, ein Kerl zur Rechten, alles wohlsortiert. Aber plötzlich schmiegt sich die andere mehr an den Bräutigam, die Braut mehr an den Einzelgänger, Hände gehen irr, die Beziehungen werden vielfältiger. Im Auseinanderstreben gehen Tänzer zu Boden, aber umschlingen die Beine der Gehenden so geschickt, dass sie doch wieder mit ins Getümmel stoßen.

Das Choreografenpaar zerlegt in diesen Szenen über Liebe und Freundschaft die Bewegungen gerade so, dass auch die untergründigen Verbindungen spürbar werden. Dies geschieht durch technohafte Verkantung oder plötzliche Berührungen, die das offizielle Kommunikationsgeschehen überschreiten. So wirkt die Begegnung der Kerle auf Abstand bedacht, doch einer wagt sekundenschnelle verbotene Griffe an Hemd oder Hüfte, die prompt ein Ausweichen oder gar schroffes „Go“ des anderen zur Folge haben - und doch keinen Bruch. Über allem prangt inzwischen der gefüllte Ballon wie der Mond, pendelt mal magisch über den rhythmisch atmenden Tänzern, liegt als Ballast auf ihren Körpern oder pulst wie eine Qualle auf und ab. Das gibt schöne, aber rätselhafte Bilder zu den eigentlich viel konkreteren Begegnungen der Tänzer, die zwischen Bach und Techno das Unstete des Augenblicks, die Sehnsucht nach ständiger Veränderung packend sichtbar machen.

Veröffentlicht am 04.09.2016, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2015/2016, Tanz im Text

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