HOMEPAGE



Berlin

ARKTISCHES GENREBILD UND DIFFIZILER MIDDLESEX

Beeindruckende Gastspiele eröffnen „Tanz im August“



Auch in den 28. „Tanz im August“ geht man mit großen Erwartungen, nachdem die 27. Ausgabe mit neuem Elan punkten konnte: dem der 2014 berufenen finnischen Kuratorin Virve Sutinen. Bis 2019 wird sie dem Festival erhalten bleiben.


  • Tanz im August: „MDLSX“ von Motus Foto © Dieter Hartwig
  • Tanz im August: "Sunny" von Emanuel Gat Foto © Dieter Hartwig

Auch in den 28. Jahrgang von „Tanz im August“ geht man wieder mit großen Erwartungen, nachdem die 27. Ausgabe mit neuem Elan punkten konnte: dem der 2014 berufenen finnischen Kuratorin Virve Sutinen. Bis 2019 wird sie dem internationalen Festival erhalten bleiben. Dass dies auch gut so ist, zeigt die Auswahl für den aktuellen Durchgang in acht Spielstätten vom HAU bis zur Volksbühne. Präsentiert er doch mit 24 Offerten wiederum aus aller Herren Länder in Welt-, Europa- und Deutschland-Premieren zahlreiche Künstler, die man hier noch nicht gesehen hat. Das lässt auf manche Entdeckung hoffen und thematisch auf Reaktion und Antwortsuche auf eine phlegräisch gewordene Welt: Es brodelt allerorten, bietet eruptive Ausbrüche als tödliche Attacken. Kunst kann nicht mehr nur ästhetisierende Nabelsicht sein.

In Richtung seismografischer Weltschau begibt sich „Sunny“ des Israelis Emanuel Gat. Zum souligen Hit gleichen Titels, der 1963 den Tod von Präsident Kennedy und des Komponisten-Bruders beklagt, lässt der öfter in Berlin zu sehende Choreograf neun profunde Tänzer in Paaren aufeinandertreffen: Ein Spalt in der schwarzen Rückwand speit sie jeweils auf die helle Szene. Zu melancholischen Liedchen des Live-Musikers Awir Leon ereignen sich in wechselndem Licht permanent mechanische Begreif-Duos ohne emotionale Beteiligung. Jener mit floralem Kopfputz grell drapierte Exot, der das Stück einleitet und sich dann auch kostümlich eingemeindet, ist erneuter Außenseiter, als die Anderen in kalt glitzerndem Party-Schick erscheinen. Zu einem echten Miteinander kommt es bis zuletzt nicht: Unbehagen über eine diffuse Stunde bleibt nach – beabsichtigt?

Hochemotional geht es hingegen bei der Ungarin Eszter Salamon zu. Für „Monument 0.1“ konfrontiert sie zwei Tanzlegenden, die zusammen 157 Jahre auf die Bühne bringen und dort in fahlem Licht wie Geister einer anderen Welt sich über ihre Karrieren austauschen. Begann die Britin Valda Setterfield mit Ballett bei Marie Rambert und Ballets Russes-Ikone Tamara Karsavina, führte sie ihr Weg bald in die USA und dort in die Company von Merce Cunningham, wo sie auf Gus Solomons Jr. traf: farbig, hochgewachsen, jüdisch, schwul. Was sie im Alter zu erzählen und zu tanzen wissen, Valda später auch im Film tätig, Gus als Pädagoge und Kritiker, haben Salamon und Christophe Vavelet so kurzweilig, fantasievoll und poetisch inszeniert, dass die 80 Minuten wie im Flug vergehen. Zwei Senioren voller Alterswürde lassen mit augenzwinkerndem Witz und ohne Rückwärtsgewandtheit ihr Leben Revue passieren. Am Ende rieselt ihnen Schnee von heute zu.

Die erhofften großen Entdeckungen bescherten Kompanien aus Belgien und Italien. Peeping Tom, bereits 2000 gegründet und international bestens vernetzt, berührt mit dem Genrebild „32 rue Vandenbranden“, das oft surreal wirkt wie ein Gemälde von Edward Hopper und die Herkunft der Regisseure Gabriela Carrizo und Franck Chartier von Alain Platel und der Needcompany nicht leugnet, ohne sie zu kopieren. Vor einem wolkenverhangenen Rundhorizont drängen sich zu beiden Seiten der Bühne im Haus der Berliner Festspiele Wohncontainer. Sturm peitscht über die schneebedeckte antarktische Landschaft. In dieser Einöde leben auf dichtestem Raum Menschen, kommen neue an und gliedern sich ungeliebt ein. Unausweichlich sind Begegnungen, Konflikte und Liebesbegehren. Eine Frau ist schwanger von einem Mann, der nun mit einer anderen lebt; eine dralle Sängerin schwelgt in Bellinis Belcantoarie „Casta Diva“, stimmgewaltig dann in Blues und Soul, ohne in den Reigen einbezogen zu werden. Mit schier unglaublicher akrobatischer Bravour entladen sich die latenten Spannungen, beruhigen sich in der Schneeballschlacht, brechen neu auf: Vergewaltigung, Masturbation, Partnerbetrug, Karaokeaufschrei, Tod dessen, den die Schwangere nicht will. Bilder von starker Eindringlichkeit stellen Teilnahmslosigkeit am fremden Schicksal und Einsamkeit aus: Gardinen zu, wenn es brenzlig wird. Brillant das Darstellersextett!

Aufwühlend packt Motus aus Rimini in „MDLSX“ das diffizile Thema Middlesex an. Silvia Calderoni ist als Baby weiblich, entwickelt dann männliche Genitalien, wird zum Hermaphroditen, mit den eklatanten Problemen, die das beschert, und der Frage: Was bin ich, was will ich sein? In einer rasanten Folge aus gut 20 Kapiteln, die treffend gewählte Songs leiten, ergänzen sich intensivstes Live-Spiel, Videoeinspielungen und Texte voller Angst vorm Weiter zur beklemmenden Folie für ein Leben zwischen den normierten Fronten. Dabei lassen die Regisseure Enrico Casagrande und Daniela Nicolò offen, ob hier wirklich Calderonis eigenes Schicksal verhandelt wird oder sie „nur“ die grandiose Protagonistin ist. Wenn Theater auf Wirklichkeit trifft: unvergesslich!

Veröffentlicht am 15.08.2016, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2015/2016, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2742 mal angesehen.



Kommentare zu "Arktisches Genrebild und diffiziler Middlesex"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    TANZ IM AUGUST DIGITAL

    Bühnenprogramm des Festivals abgesagt

    Auch Tanz im August wurde nun abgesagt. Zumindest in gewohnter Form. Stattdessen soll das Programm nun als "Special Edition 2020" im digitalen Raum präsentiert werden.

    Artikel aus Berlin vom 18.05.2020


    DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

    Zahlreiche Tanz- und Theaterfestivals für Sommer 2020 abgesagt

    Bund und Länder haben sich darauf verständigt, Großveranstaltungen bis einschließlich 31. August 2020 zu verbieten. Daraufhin wurden viele Tanz- und Theaterfestivals im Sommer abgesagt. Dennoch hoffen einige Festivals weiterhin.

    Veröffentlicht am 27.04.2020, von Deike Wilhelm


    ALLE JAHRE WIEDER

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Die Deutschlandpremiere von "Hard To Be Soft – A Belfast Prayer" von und mit Oona Doherty im Rahmen vom Tanz im August 2019 im Hebbel am Ufer in Berlin.

    Veröffentlicht am 22.08.2019, von Dieter Hartwig


    SIE BLEIBT

    Virve Sutinen bleibt bis 2022 Künstlerische Leiterin von Tanz im August

    Das internationale Festival Tanz im August wird weiterhin von Virve Sutinen geleitet. Dies beschloss der Aufsichtsrat des HAU und entsprach damit dem gemeinsamen Wunsch Sutinens und der HAU-Intendantin Annemie Vanackere.

    Veröffentlicht am 22.12.2018, von Pressetext


    ALTERSZWIST UND JUGENDZORN

    Mit konträren Gastspielen klingt der 30. Tanz im August aus

    Zum Finale wird mit einer namhaften Kompanie ausgeholt: dem Tanztheater Wuppertal und Øyens "Neues Stück II". Es sind die großen Kompanien, die dem Jubiläumsfestival dank finanziellen Zuschüssen ihren Stempel aufgedrückt haben.

    Veröffentlicht am 04.09.2018, von Volkmar Draeger


    BALL IM PUBLIKUM

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Zum Abschluss des diesjährigen Tanz im August gab es einen Ausflug auf den Lilli-Henoch-Sportplatz mit "La Partida“ von Veronica Cendoya.

    Veröffentlicht am 04.09.2018, von Dieter Hartwig


    INTENSIV

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    "M.A.R.S" von und mit Felix Mathias Ott und Bahar Temiz bei Tanz im August 2018 in den Sophiesælen Berlin.

    Veröffentlicht am 31.08.2018, von Dieter Hartwig


    GROßMEISTERLICH

    Hip-Hop dominiert den vorletzten Abschnitt von Tanz im August

    Gezeigt werden "Pixel" von Mourad Merzouki, "INOAH" von Bruno Beltrão / Grupo de Rua und "Chatsworth" von Constanza Macras / Dorkypark.

    Veröffentlicht am 31.08.2018, von Volkmar Draeger


    GERAHMT

    Alexandra Bachzetsis und Bruno Beltrão bei Tanz im August

    Die Performance "Private Song" von Alexandra Bachzetsis und das Tanzstück "INOAH" von Bruno Beltrão / Grupo de Rua bei der Jubiläumsausgabe von Tanz im August.

    Veröffentlicht am 04.09.2018, von Natalie Broschat


    HOCHGESCHWINDIGKEIT ODER ZEITLUPE

    Halbzeit beim Berliner Tanz im August

    Thematische und stilistische Vielfalt bestimmte den Mittelteil von Tanz im August. Als Höhepunkt des Jubiläumsprogramms darf man getrost das Gastspiel der mittlerweile weltweit gefeierten Company Wayne McGregor aus England ansehen.

    Veröffentlicht am 21.08.2018, von Volkmar Draeger


     

    LEUTE AKTUELL


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben
    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu
    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

    Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

    Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

    Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    GEKÜNDIGT

    Ralf Stabel ist entlassen worden

    Veröffentlicht am 07.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP