„Shadowland 2“ von Pilobolus

„Shadowland 2“ von Pilobolus

Fantastische Verwandlungskunst

Pilobolus lädt mit „Shadowland 2“ im Münchner Prinzregententheater zu einer Traumreise ein

Ein bisschen Comic, ein bisschen Cinématographie und viel Verwandlungskunst. Phänomenal, wie hier Körper in Verklammerung und Zusammenballung sekundenschnell Häuser, Gitter, Brücken, ja eine ganze Tierwelt erschaffen.

München, 12/08/2016

Pilobolus - die wissenschaftliche Bezeichnung für eine Pilzgattung – was für ein ausgefallener und zugleich (scherzhaft) stimmiger Name für ein Dance Theater. Moses Pendleton, Jonathan Wolken und weitere bewegungsbegeisterte Studenten vom Dartmouth-College im neuenglischen New Hampshire verwiesen da bei Gründung 1971 offensichtlich kokett selbstironisch auf ihren anfänglichen, aber schon ambitionierten Amateurstatus. Denn der Pilobolus, deutsch Pillen- oder Hutwerfer, gedeiht auf Unrat - kann aber, ein Kunststück!, seine Sporenpakete zwei Meter weit abschießen. Außerdem erinnerten die bizarr sich wölbenden Körperformen der Tanzakteure gelegentlich an Pilze. Seit 45 Jahren tourt das US-Kollektiv weltweit, wurde mit Preisen überhäuft – ist ein Publikumsliebling schlechthin. Sein „Shadowland 2“ ist jetzt im Münchner Prinzregententheater zu sehen.

2009 gelang Pilobolus mit erstmals hineingenommenem Schattenspiel eine großartige Erweiterung seines szenisch-tänzerischen Vokabulars. Die Abenteuer von Folge 2 verschmelzen in rasantem Tempo noch perfekter die beiden Performancewelten: jetzt tanzt es live vor der Leinwand und, schwupp, tanzt es dahinter als Schatten. Man mag gar nicht daran denken, was für ein Timing, vor allem was für eine geometrische Präzision hinter dem Screen nötig ist, damit die Tänzer im Schattenreich als Riesen- oder als Winzfigur ‚optisch passend’ miteinander agieren. Denn da ist ja dieser ganz junge Straußvogel, ein federiges zartes Gebilde mit langem Hals und hungrigem Schnäbelchen (eine Tänzerin mit auf und zu klappenden Fingern an geschmeidigem Arm), der ein frisch verliebtes Paar auf eine Traumreise entführt. Gefunden haben die beiden den Vogel in einer Box ihrer ehemaligen Arbeitsstätte, einer Art ‚Metropolis’-Fabrik, wo geklonte Roboterwesen im Knechschaftstakt unentwegt Kisten herumtragen und stapeln.

Steven Banks (Plot) markiert hier die Flucht aus der harten Alltagsexistenz in die heilende Fantasie. Aber sonst kommt es nicht auf Handlungslogik an. Zu David Poes bunter Musikcollage aus Klatsch- und rockigen Rhythmen, Naiv-Songs („Leg's in eine Box, damit du's bewachen kannst“), Urwaldlauten und breitem Orchesterklang gehen wir mit dem Fluchttrio auf Hochzeitsreise, durchqueren Naturlandschaften, werden verfolgt, landen auf einem fremden Planeten und in einem Jazzklub. Das hat in seiner holzschnittartigen Machart etwas von einem Comic, mit seinem sich weitenden und verengenden Lichtspot auf der Leinwand auch etwas von früher Cinématographie. Das Wichtige jedoch, die Augenweide, ist die herrliche Schattenspiel-Verwandlungskunst. Phänomenal, wie hier Körper in Verklammerung und Zusammenballung sekundenschnell Häuser, Gitter, Brücken, ja eine ganze Tierwelt erschaffen. Strauße tippeln durch die Wüste, ein Elefant steht am Wegesrand oder zwei Pferde sind am Grasen. Und ratzfatz lösen sich die Schattenkreaturen auf - und man sieht nur noch drei, vier Körper elastisch auseinanderrollen. Die neun Tänzer sind bis ins akrobatische Idiom bestens trainiert, was wie unter dem Brennglas in einer weich wiegenden ‚Revue-Szene’ zu sehen ist, in der alle runde Straußfächer schwingen.

Sonst lässt die Choreografie vor der Leinwand Wünsche offen. Irgendwie hat man Pilobolus, als Moses Pendleton noch zum Team gehörte, künstlerischer in Erinnerung. Als populäre Show ist „Shadowland“ jedoch olympiareif. Und wenn am Ende die Tänzer als Schatten die Liebfrauenkirche und das Münchner Kindl nachbilden, ist die Applauseuphorie nicht mehr zu bändigen.

weitere Vorstellungen bis 14. 8., 20 Uhr; 13. und 14. 8. auch 15 Uhr
 

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