HOMEPAGE



München

TANZWERKSTATT EUROPA – ZWISCHENBILANZ

Doris Uhlich setzt einen kritischen Kommentar und Ivo Dimchev macht seine Zuschauer zu Performern



Während Doris Uhlich mit „boom bodies“ für emphatischen Applaus sorgt, bleibt bei Ivo Dimchevs „P Project“ ein etwas schaler Geschmack zurück.


  • "boom bodies" von Doris Uhlich Foto © Theresa Rauter
  • "boom bodies" von Doris Uhlich Foto © Theresa Rauter
  • "P Project" von Ivo Dimchev Foto © Ivo Dimchev
  • "P Project" von Ivo Dimchev Foto © Ivo Dimchev

Das klassische Ballett hat seine Liebhaber, der zeitgenössische Tanz gewinnt immer mehr das breite Publikum – eine gewagte These? Auf jeden Fall ist dem Zuschauer der freie zeitgenössische Tanz näher als die kodifizierte Kunstsprache des Balletts. Beispielhaft zu sehen jetzt bei der Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE) in „boom bodies“ der Österreicherin Doris Uhlich. Am Ende emphatischer Applaus in der Muffathalle.

Schon bei der TWE 2015 hatte uns ihr „more than naked“ überzeugt, dass alles an unserem nackten Körper tanzen kann, ob schwabbelnde Unterarmhaut, hüpfender Schenkelmuskel oder rhythmisch gezupfte Bauchdecke. Das Grundprinzip ist bei dem „boomenden body“ ähnlich: die acht TänzerInnen, diesmal nicht nackt, holen ganz einfache Bewegungen aus sich heraus: wiederholtes Pumpen des Oberkörpers, funkiges Wippen aus der Hüfte, Kreisen der waagerecht ausgestreckten Arme, Heben des Beckens in Rückenlage, ausholende Kraulschwimmgesten im Gehen, Trockenseitenschwimmen am Boden. Nichts Spektakuläres – jeder könnte da mitmachen. Aber Uhlich versteht es, dem Schlichtmaterial eine stringente Form zu geben – mit Aussage: Zu einem immer wieder variierten elektronischen Rhythmusstrom aus DJ Boris Kopeinigs Klangmaschine wimmeln die acht TänzerInnen in geschlossenen Pulks oder weit auseinander gestreut in den Raum: mal alle synchron bewegt, mal jeder sich anders biegend und ruckend – so, als würden US-Künstler Keith Harings labyrinthische Comic-Männchen-Bilder lebendig. Und die sämtliche Kraft- und Konditionsreserven anzapfende Dauerbewegung scheint Uhlichs Kommentar zum aktuellen Fitnessfanatismus.

Der Bulgare Ivo Dimchev, noch näher am ‚normalen Zuschauer’, macht diesen, ähnlich wie der intellektuelle ‚Konzept’-Franzose Jerôme Bel – gleich zu seinem Mitspieler. Allerdings ist Dimchev dabei ein schräg-verruchter Verführer. Sein Kostüm: ein „Cache-sexe“ aus Perlen, eine Organza-Stola und hohe Stöckel, in denen er – absichtlicher Kontrast zur Transgenderdiva – linkisch herumstakst. In einem früheren Leben sicher Marktschreier und Zauberkünstler gewesen, kriegt er hier junge Damen und Herren von der Tribüne dazu, an zwei rechts und links platzierten Laptops Kurzgedichte zu verfassen und ihm zu mailen, die er an seinem E-Klavier in derselben Sekunde zu Songs komponiert. Textverständlich? Melodieschön? Egal, man hat den Instanteffekt und Dimchevs Darstellung als Popqueen. Zusätzlich zu den Schreibpoeten sind Freiwillige gefragt für HipHop, für Fünf-Minuten-Küssen und gemimten Sexakt auf einer von ihm herangeschleppten Matratze. „Nein, keine Tanzprofis. Es soll nicht perfekt sein“, weist Dimchev Bewerber ab. Aber klar sind es hier vor allem Teilnehmer der TWE-Workshops, die sich performancehungrig in die Arena werfen – und ja auch mit echten Euros bezahlt werden.

Der blendend englisch sprechende Bulgare liefert zu all dem eine nonchalante Moderation, in die er kleine spitze Bemerkungen zum zeitgenössischen Tanz einfließen lässt. Man kann ihn mutig nennen, weil er Grenzen des guten Geschmacks überschreitet. Es bleibt jedoch das ungute Gefühl, dass er seine Zufallsmitspieler benutzt. Dimchev ist, wenn auch mit Charisma, ein postmoderner Kunstvampir. Kein Wunder, Transsilvanien ist von Bulgarien gar nicht so weit weg.

Veröffentlicht am 04.08.2016, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 3072 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanzwerkstatt Europa – Zwischenbilanz"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SALZ AUF UNSERER HAUT

    Ein Blog zu zwei Workshops mit Virginie Roy und Doris Uhlich bei der Tanzwerkstatt Europa in München

    Nackt tanzen, sich trauen, das Eigene finden: Zwei Erfahrungen, die mich an die Grenzen brachten – und darüber hinaus.

    Veröffentlicht am 15.08.2017, von Carmen Kovacs


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    UNTER „RIVERS“ GURGELT DIE DONAU

    Regensburger "CiRR – Choreographers in Residence Program"
    Veröffentlicht am 16.07.2018, von Michael Scheiner


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München
    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk
    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    OUR HONOURABLE BLUE SKY AND EVER ENDURING SUN...

    "And so you see..." von Robyn Orlin im Muffatwerk München

    Den Finger in die Wunde legen: Robyn Orlin (*1955 in Johannesburg) hat es sich zum Prinzip gemacht, genau hinzuschauen, eine Gesellschaft mit den eigenen Widersprüchen zu konfrontieren.

    Veröffentlicht am 21.06.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München

    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    SYMBOLTRÄCHTIG

    Die "Tanz.Fabrik! sechs" in Regensburg

    Veröffentlicht am 08.07.2018, von Michael Scheiner


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP