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Stuttgart

OPULENTES ENDE DER STUTTGARTER FESTWOCHE ZU EHREN VON REID ANDERSON

Die Gala der John Cranko-Schule und die Gala des Stuttgarter Balletts



Die Abende gingen nahtlos ineinander über – nicht nur, weil das Stück am Ende der ersten Gala am nächsten Tag den Auftakt der zweiten Gala bildete.


  • Gala des Stuttgarter Balletts bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • Balanchines "Tschaikowsky Pas de deux" - Gala des Stuttgarter Balletts bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • Pas de deux aus Neumeiers "Kameliendame" - Gala des Stuttgarter Balletts bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • Petipas "Dornröschen" - Gala des Stuttgarter Balletts bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • Mauro Bigonzettis "Kasimir's Colours" - Gala des Stuttgarter Balletts bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Schwanensee" - Gala des Stuttgarter Balletts bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • Gala der John-Cranko-Schule bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett
  • Gala der John-Cranko-Schule bei der Stuttgarter Festwoche Foto © Stuttgarter Ballett

Den krönenden Abschluss der Stuttgarter Festwoche zu Ehren von Reid Anderson bildeten zwei Galas, die sowohl die Kompanie als auch die John Cranko-Schule feierten, für deren Neubau sich Reid Anderson seit langem einsetzt. Die Abende gingen nahtlos ineinander über – nicht nur, weil das Stück am Ende der ersten Gala am nächsten Tag den Auftakt der zweiten Gala bildete, sondern auch, weil die Tänzer der Cranko-Schule schon wirken wie eine kleine Kompanie. So rasten beispielsweise elf SchülerInnen verschiedener Altersklassen ebenso leidenschaftlich durch Marco Goeckes „A spell on you“ wie einige Tage zuvor ihre Vorbilder in der Kompanie in „Lucid dream“.

Viel klarlinig-neoklassischer als bei Goecke ging es in der großen Uraufführung des Abends zu, den „Vier Jahreszeiten“. Hier überzeugte vor allem Katarzyna Kozielskas lichtdurchfluteter Frühling, in dem von Thomas Lempertz mit Blumenranken bekleidete Schüler aller Klassen Prozessionen bildeten, die Erinnerungen an Nijinskys „Sacre du printemps“ wachriefen – doch wurden hier keine Mädchen geopfert, sondern stattdessen immer wieder triumphal in die Höhe gehoben. Deutlich düsterer fiel Louis Stiens Sommer aus, in dem fünf Jungen in hellblauen Umhängen zitterten und flatterten wie frierende Vögel. Fabio Adorisio schuf für den Herbst unter anderem einen Pas de deux zweier Tänzer mit einem leuchtend gelben Regenmantel und eine Gruppenszene, in der mehrere Tänzer eine Tänzerin ausgiebig über dem Boden schweben ließen. Demis Volpis neoklassischer Winter-Pas de deux in weißen Trikots für Eun-Sil Kim und Nikita Korneev endete mit der Wiederkehr des Frühlings.

Die Schulen verschiedener großer Kompanien schickten Paare, die einen reizvollen Austausch und Vergleich mit den Stuttgartern ermöglichten: die Gäste aus der Ecole de danse erprobten noch etwas nervös ihre Kräfte am kniffligen „Dornröschen“-Pas de deux von Rudolf Nurejew, ohne den bis heute an der Pariser Oper keine Karriere zu machen ist. Aus London gab es das strahlende Duo aus „Concerto“, ein Schaustück von Crankos Royal Ballet-Kollegen Kenneth MacMillan, und ein Paar aus der kanadischen National Ballet School zeigte Demis Volpis sanftes Teenager-Liebesduett „I loves you Porgy“. John Neumeier brachte gleich eine ganze Gruppe von Schülern mit, die in Ausschnitten aus seinem träumerisch-humorvollen Stück „Yondering“ ihre in Hamburg so wichtigen darstellerischen Fähigkeiten übten.

Der Abend endete so, wie der nächste begann: mit den „Etüden“ von Schulleiter Tadeus Matacz. Darin setzte Matacz mit berechtigtem Stolz und in Anlehnung an Harold Landers „Etudes“ das Talent und den tänzerischen Alltag seiner Schüler in Szene, von den Dehnübungen der Vorschule bis zu den virtuosen Sprüngen und Pirouetten der höheren Klassen.

Die Gala des Stuttgarter Balletts am nächsten Tag war eine Gelegenheit zum Wiedersehen mit vielen Tänzern, Choreografen und Direktoren, die der Kompanie während Reid Andersons Intendanz verbunden waren, sowohl im Zuschauerraum als auch auf der Bühne. Zudem waren Persönlichkeiten aus der Politik gekommen, einige mit Reden in der Tasche: so hörte man viel Lob für das Stuttgarter Ballett und seinen Leiter von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, von Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der Anderson und Tamas Detrich die Annahme ihrer Einbürgerungsanträge verkündete, sowie vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. Nach einem Eröffnungs-Défilé von Tamas Detrich begann das Tanzprogramm des Stuttgarter Balletts mit Cranko: Alicia Amatriain und Jason Reilly tanzten souverän den „Hommage à Bolshoi“-Pas de deux aus dem Jahr 1964, in dem Cranko bereits zwei der gewagtesten Hebungen aus „Onegin“ (Ende Schlafzimmer-Pas de deux) und „Der Widerspenstigen Zähmung“ (Ende Schluss-Pas de deux) andeutete. Der erste Teil endete mit Crankos „Schwanensee“-Pas de deux aus dem dritten Akt, glänzend interpretiert von Elisa Badenes und Constantine Allen. Zwischendrin und danach gab es einige Uraufführungen – eine kryptische von Kevin O’Day, einen scheinbar im Weltall stattfindenden Pas de deux von Edward Clug, ein flüssiges Duo von Itzik Galili, an dessen Ende Anna Osadcenkos Oberkörper auf Jason Reillys Beinen davonzugehen schien und ein Pas de deux von Douglas Lee mit extremen Dehnungen und zahlreichen Schwimm- und Schleuderbewegungen. Einige ehemalige Solisten der Stuttgarter Kompanie sah man seit langer Zeit erstmals wieder auf der Bühne des Opernhauses: Thomas Lempertz tanzte ein Solo aus Marco Goeckes „Greyhounds“ so, als hätte er die Ballettschuhe nie an den Nagel gehängt. Die ehemaligen Stuttgarter Tänzer Elisa Cabrillo Cabrera und Mikhail Kaniskin brachten aus ihrer nicht mehr ganz neuen Berliner Heimat einen verzichtbaren Pas de deux von Nacho Duato mit, bei dem der leidenschaftlich auf seinem Cello (Cabrera) fiedelnde Kaniskin sich kaum von seinem Sitz erheben durfte. Aus Lausanne kamen Julien Favreau und Kathleen Rae Thielhelm mit Gil Romans sinnlichem Pas de deux „Couleur Blues“. Hélène Bouchet und Carsten Jung aus Hamburg fanden in einem Pas de deux aus John Neumeiers „Liliom“ zueinander, der zeigte, wie vielfältig Neumeier Crankos Kunst des „Dialog“-Pas de deux entwickelt hat, in dessen Verlauf sich die Protagonisten und ihre Beziehung verändern.

Einige Gäste bildeten Paare mit Stuttgartern: Semyon Chudin aus dem Bolschoi-Ballett erschien als „Dornröschen“-Prinz mit federleichten Sprüngen an der Seite von Anna Osadcenko. Die Mariinsky-Startänzerin Diana Vishneva und Friedemann Vogel interpretierten den innigen Pas de deux aus Mauro Bigonzettis Ballett „Kazimir’s Colours“, eine der besonders gelungenen Uraufführungen der Anderson-Ära. Mathieu Ganio aus der Pariser Oper tanzte den Armand im zweiten Pas de deux aus Neumeiers „Kameliendame“ voller Hingabe und sichtbar gerührt über die Entscheidung seiner Marguerite Alicia Amatriain, ihr altes Leben für ihn aufzugeben.

Der Abend schloss mit einem von Elisa Badenes und Friedemann Vogel übersprudelnd und brillant getanzten „Tschaikowsky Pas de deux“ von George Balanchine, gefolgt von einem glitzernden Revue-Finale von Tamas Detrich (komplett mit Discokugel), in dem die Tänzer ihren Dank an Reid Anderson singend und die Beine werfend zum Ausdruck brachten.

Als man trotz der viereinhalbstündigen Dauer der Gala beschwingt die Oper verließ, drängte sich der Gedanke auf: warum nicht an jedem Spielzeitende eine Gala mit internationalen Gästen? Das wäre noch ein beachtlicher Stein in Reid Andersons gerade in allen Farben schillernder Krone, und ein weiteres Aushängeschild des ruhmreichen Stuttgarter Balletts – das begeisterte und wissbegierige Stuttgarter Publikum würde es ihm mit Sicherheit danken!

Veröffentlicht am 26.07.2016, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2015/2016, Tanz im Text

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Kommentare zu "Opulentes Ende der Stuttgarter Festwoche zu E ..."



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