HOMEPAGE



Stuttgart

EINE BESONDERE HOMMAGE AN JOHN CRANKO

und der Abschied einer ganz großen Tänzerin



Crankos große Handlungsballette und Sue Jin Kang in „Onegin“ beim Stuttgarter Ballett


  • "Romeo und Julia" von John Cranko; Ensemble Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Romeo und Julia" von John Cranko; Alicia Amatriain und Friedemann Vogel Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Romeo und Julia" von John Cranko; Birgit Keil und Robert Robinson Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Onegin" von John Cranko; Sue Jin Kang Foto © Stuttgarter Ballett
  • Abschied Sue Jin Kang Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Onegin" von John Cranko; Sue Jin Kang Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Der Widerspenstigen Zähmung" von John Cranko; Elisa Badenes und Constantine Allen Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Der Widerspenstigen Zähmung" von John Cranko; Constantine Allen Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Der Widerspenstigen Zähmung" von John Cranko; Elisa Badenes und Özkan Ayik Foto © Stuttgarter Ballett

Erstmals hatte man diese Woche in Stuttgart die Gelegenheit, Crankos drei Meisterwerke – „Romeo und Julia“ (1962), „Onegin“ (1965) und „Der Widerspenstigen Zähmung“ (1969) innerhalb von drei Tagen hintereinander zu sehen. Es war eine erstaunliche Leistung der Kompanie, die Anlass zu Jubel und einigen Tränen gab.

In seinem ersten abendfüllenden Handlungsballett in Stuttgart zeichnete John Cranko Shakespeares Liebestragödie „Romeo und Julia“ mit einer fließenden Leichtigkeit, Klarheit und Natürlichkeit, die zu seinen Markenzeichen als Literaturchoreograf werden sollten. Als genialer Dramaturg erfüllte Cranko auch die feinen Nuancen in Sergei Prokofjews sehr ‚narrativer’ Partitur mit choreografischem Sinn, während Jürgen Roses so geschmackvolles wie effizientes Bühnenbild einen beinahe ununterbrochenen Handlungsfluss ermöglichte. Wie bei Shakespeare alternieren in Crankos Werk hingebungsvolle Euphorie, Humor und tiefe, aber niemals übertrieben künstliche Dramatik.

Die Tänzer des Stuttgarter Balletts belebten ihre Figuren mit Begeisterung und ihrer eigenen Persönlichkeit. Der junge Pablo von Sternenfels etwa setzte als Mercutio individuelle Akzente, zum Beispiel beim Kissentanz im Capulet-Haushalt, an dem er sich mit frecher Ironie beteiligte. Für die Rolle der Lady Capulet, die am Ende des zweiten Aktes über der Leiche ihres geliebten Neffen Tybalt in expressionistische Verzweiflung verfällt und sich im dritten Akt zwischen der Liebe zu ihrer Tochter und der Loyalität ihrem Gatten gegenüber entscheiden muss, war als Stargast die ausdrucksstarke Birgit Keil geladen. Die ehemalige Erste Solistin Sonia Santiago war als warmherzige Amme zu sehen. Die Hauptrollen wurden exzellent getanzt von Alicia Amatriain und Friedemann Vogel; beide erreichten, unterstützt von Crankos berührender Choreografie, im dritten Akt ihre volle darstellerische Größe.

Sieben Jahre später ließ Cranko sich abermals von Shakespeare inspirieren für sein Ballett „Der Widerspenstigen Zähmung“. Diesmal wählte er einen problematischen Stoff voller komplexer Figuren, den er mit untrüglichem theatralischem Gespür umsetzte und dabei eine der wenigen wirklich gelungenen Ballettkomödien schuf. Crankos Liebe und Respekt zu Shakespeare ist in dem Stück offensichtlich, jedoch klebt er nicht sklavisch am Text, sondern interpretiert diesen auf ganz eigene Weise. Eine besondere Glanzleistung gelang ihm in der tänzerischen Umsetzung der Wortgefechte der Protagonisten und in der klaren Zeichnung ihres Charakters und der Entwicklung ihrer Beziehung.

Die Festwoche gab Anlass zum Stuttgarter Debüt des jungen Ersten Solisten Constantine Allen in der äußerst anspruchsvollen Rolle des Petruchio. Wieder einmal trug die Stuttgarter Tradition, Tänzern früh Chancen zu geben und sie manchmal gegen ihr Rollenfach zu besetzen, erfreuliche Früchte. Constantine Allen, der bisher eher als Danseur Noble bekannt war, enttäuschte das in ihn gesetzte Vertrauen keineswegs, und gab ein äußerst vielversprechendes Debüt. Sein Spiel wird gewiss in den nächsten Vorstellungen noch an Nuancen gewinnen, doch war im Grunde schon alles da, besonders tänzerisch: Sichere Hebungen, atemberaubende Pirouetten und sogar die berüchtigten „triple tours en l’air“. Elisa Badenes als herzerfrischend kratzbürstige Katharina stürmte mit wundervollem Temperament durch ihre Variationen und warf sich in den riskanten Pas de deux mit vollkommenem Vertrauen in Allens Arme. Das Publikum huldigte dem neuen Paar mit der warmen Begeisterung, für die Stuttgart bekannt ist.

Das volle Ausmaß der Stuttgarter Ballettliebe offenbarte sich am nächsten Abend, als die Zuschauer im Opernhaus zusammenströmten, um ihre Primaballerina Sue Jin Kang zu feiern. Was hat sie nicht alles getanzt in dreißig Jahren in Stuttgart, mit einer Tiefe und Innigkeit, die sie unter den großen Ballerinen weltweit hervorstrahlen lässt! Alle bedeutenden Cranko-Rollen hat sie geprägt, ihre „Kameliendame“ ist ein Meilenstein der Stuttgarter Ballettgeschichte, sie war an zahlreichen Uraufführungen beteiligt und tanzte die Werke der meisten bedeutenden Choreografen, die Stuttgart im Repertoire hat. „Strawinsky Violinkonzert“ von Balanchine, Jerome Robbins „The Concert“, MacMillans „Lied von der Erde“, Jiří Kyliáns „Nuages“… die Liste der Ballette, in denen sie sich unvergesslich eingeprägt hat, ist lang. Immer tanzt sie mit einer persönlichen Note, einer dramatischen Expressivität, die niemals aufgesetzt wirkt, stets vollkommen im Dienst des Werkes und des Choreografen.

Ihren Abschied gab sie in Crankos „Onegin“, eine ihrer größten Rollen und ein Wendepunkt in der Geschichte des Literaturballetts. Hier fand Cranko zu seiner ureigenen Sprache und Dramaturgie und bewies sein einzigartiges Talent, eine Handlung und die Entwicklung seiner Figuren innerhalb eines Pas de deux weiterzuführen – vielleicht sein originellster Beitrag zur Ballettgeschichte. Die Tatjana ist die Traumrolle vieler Ballerinen, und Sue Jin Kang interpretiert sie bis heute unübertrefflich. Wie jedes Mal erfüllte sie jede Nuance der Choreografie mit Bedeutung und tanzte mit einer Leichtigkeit, Frische und Natürlichkeit, dass man kaum glauben konnte, dass man sie nie mehr auf der Bühne sehen wird. Sie beflügelte ihre Kollegen, Jason Reillys Onegin, Lenski von Pablo von Sternenfels und Hyo-Jung Kangs Olga. Sie alle – die ganze Kompanie, einschließlich einiger ehemaliger Mitglieder – überreichten Sue Jin Kang am Ende Rosen und huldigten ihrem Vorbild; lange standing ovations und ein Blumenregen aus dem Publikum ehrten die Erste Solistin, der die Rührung ins Gesicht geschrieben stand.

Ein Stuttgarter Ballett ohne Sue Jin Kang ist bisher schwer vorstellbar – doch kann man sich nur freuen, dass sie mit ihrer außergewöhnlichen Kunst als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts weiterhin junge Tänzer fördern und inspirieren wird.

Cranko, ein Revolutionär des literarischen Balletts – selten wurde es so deutlich wie an diesen drei Abenden im Stuttgarter Opernhaus, von dem aus die Werke des Meisters in die Welt hinausgetragen wurden, wo sie bis heute das Publikum begeistern. Und selten sieht man so klar, welch warmherziges und fachkundiges Publikum sich durch Cranko und seinen Geist in dieser Stadt gebildet hat, ein Publikum, das bis heute mit Enthusiasmus die Entwicklung ‚seiner’ Kompanie verfolgt.

Besuchte Vorstellungen: 21., 22. und 23.07.16
www.stuttgarter-ballett.de

Veröffentlicht am 23.07.2016, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2015/2016

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