KRITIKEN 2015/2016



München

DANCE FIRST – FESTIVAL IN FÜRSTENFELDBRUCK

Gelungener Spagat über Grenzen hinweg



Mit dem Tanzfestival Dancefirst konnte sich das Veranstaltungsforum Fürstenfeld zu seinem 15jährigen Bestehen kein besseres Geburtstagsgeschenk machen.


  • "Made in FFB" Foto © Pia Berger
  • "Cuisine & Confessions" Foto © Sophie Leclerc
  • The Roots Foto © Julien-Chauvet
  • Lucia Lacarra und Marlon Dino Foto © Wilfried Hösl
  • "Swan Lake" von Dada Masilo Foto © John Hogg
  • "Carmen" von Dada Masilo Foto © John Hogg
  • "Spiral Twist" mit Lucia Lacarra und Marlon Dino Foto © Wilfried Hösl

von Sabine Kippenberg

Weltklasse- und HobbytänzerInnen aus der Region auf einer Bühne vereint machen das Festival zu einem grenzüberschreitenden Tanzereignis, das schon jetzt nach Fortsetzung ruft.

„Cuisine & Confessions“ bildete den fulminanten Auftakt zu diesem abwechslungsreichen wie qualitativ anspruchsvollem Tanzfestival des zeitgenössischen Tanzes. Ausgebildet im klassischen Ballett und akrobatisch auf der Höhe wirbelten die Artisten durch die Lüfte und vollführten atemberaubende Kunststücke in einfallsreichen Choreografien. Die Küche, die in dieser Inszenierung mehr war als der Ort der Essenszubereitung, stand hier in erster Linie für Begegnung und Kommunikation. In diesem Tanztheater mit ehemaligen Mitgliedern des Cirque du soleil, das nichts für Nervenschwache oder Zartbesaitete ist, bekam die Spezies „Eventkochkurse“ kräftig ihr Fett weg und wurde durch den Kakao gezogen. Menschen mit Sinn für Komik, Satire aber auch Reflexionen waren hier genau richtig. Witzig und inspirierend war die Bühnenkulisse mit einer überdimensionierten Küche und ihren riesigen Küchenutensilien, die ihr Dasein nicht in dunklen Schubladen fristen wollten, sondern durch die Akrobaten zum Leben erweckt wurden.

Mit der Kompanie Accrorap ging es back to „The roots“, in die Lebens- und Tanzgeschichte des algerischen Choreografen Kader Attou mit seinen zehn ausdrucksstarken Hip-Hop-Tänzern auch nach Musik von Beethoven und Brahms. In Attous Erinnerungen werden Kindheits- und Jugendepisoden wieder wach. Auch als Halt suchender Mann strauchelt, bewegt er sich im tatsächlichen Sinne zwischen Aggression und Zukunftsangst aber auch Leidenschaft.

Von den Wurzeln in lichte Höhen gelangte man zum Tänzergipfel „Bavarian Summit“ mit jungen, erlesenen Tanztalenten und Nachwuchschoreografen. Junge Tänzerinnen und Tänzer sowie junge Choreografen aus Bayern wie Dustin Klein, Maged Mohamed, David Russo und Rosalie Wanka haben dieses Forum als Chance genutzt und sechs Stücke sehr unterschiedlicher Art über Beziehungen in Szene gesetzt. Dustin Klein hat mit seiner Choreografie „Myopc Bounds“ das Thema Grenzen in all seinen Bedeutungen und Facetten auf die Bühne gebracht. Das Spektrum reichte von zwischenmenschlichen Beziehungen und Grenzen über innere Grenzen bis hin zur deren Überwindung. Lichtkegel, Nebelschwaden, scharfe und fließende Grenzen wurden von Nicha Rodboon und Jonah Cook entsprechend in scharfkantig oder gerade in fließende Bewegungen umgesetzt. Auch Paradise von Maged Mohamed, das die gesellschaftliche Stellung der Frau thematisiert, Klischees als Stilmittel präsentierte, stand in Qualität und Einfallsreichtum Dustin Kleins Myoptic Bounds und dessen „Auf der Matte bleiben“ in nichts nach. „Um Worte verlegen“ war David Russo mit seiner Uraufführung „At a loss of words“, nicht aber um den Tanz. Aus einem Meer von Rosenblüten erhob sich ein temperamentvolles junges Tänzerpaar, Laura Maya y Rosiers und Stanislaw Wegrzyn von der Münchner Ballettakademie, das auch schwierige Hebefiguren souverän meisterte, durch Präzision und Interpretationskraft bestach.

Ein Höhepunkt nicht nur dieses Abends, sondern auch des gesamten Festivals war das vom Publikum gefeierte Tänzerehepaar Lucia Lacarra und Marlon Dino, noch am Bayerischen Staatsballett, ab August u.a. in Dortmund, London und Madrid. Absolute Körperbeherrschung, Ausdrucksstärke, fließende und umschlungenen Bewegungen zeichnete die ausgefeilte Körpersprache der Beiden in „Spiral Twist“ aus. Das goutierte das bayerische Publikum, welches sich von ihren Stars mit stehenden Ovationen verabschiedete.

Doch schon werfen neue Ereignisse ihre Schatten voraus: Bühne frei für Tänzer und Tänzerinnen aus Ballettschulen der Region und Vorhang auf für Klassiker in neuem Gewand.

Weitere Vorstellungen im Veranstaltungsforum Fürstenfeld, Stadtsaal:
24.7. , 18.00 Uhr: „Made in FFB“: Sechs Ballett- und Tanzschulen aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck zeigen Choreografien
29.7., 20.00 Uhr: „Swan Lake“ von Dada Masilo
30.7., 20.00 Uhr „Carmen“ von Dada Masilo

Veröffentlicht am 20.07.2016, von Gastbeitrag in Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Dance First – Festival in Fürstenfeldbruck"



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