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Hamburg

VIELFÄLTIGE TANZ-PORTRÄTS

Die Nijinsky-Gala beschließt die diesjährigen 42. Hamburger Ballett-Tage



Ein buntes, vielfältiges Programm zeigt Porträts großer Tänzer, Komponisten und anderer Theaterpersönlichkeiten.


  • "Five Brahms Waltzes in the manner of Isadora Duncan" von Frederick Ashton; Tamara Rojo Foto © Kiran West
  • "Bach Suite 3" von John Neumeier; Giorgia Giani und Pascal Schmidt Foto © Kiran West
  • "Bells" von Yuri Possokhov; Victoria Jaiani und Temur Suluashvili Foto © Kiran West
  • "Désir" von John Neumeier; Silvia Azzoni und Carsten Jung Foto © Kiran West
  • "Entwine" von Russell Maliphant; Alessandra Ferri und Herman Cornejo Foto © Kiran West
  • "Le Corsire" von Marius Petipa; Alina Cojocaru und Herman Cornejo Foto © Kiran West
  • Schlussapplaus der Nijinsky-Gala XLII Foto © Kiran West

Dieses Jahr stand die Gala unter dem Motto „Portraits in Tanz und Musik“, und Hamburgs Ballettintendant John Neumeier hatte ein buntes, vielfältiges Programm zusammengestellt. Es umfasste nicht nur Portraits von großen Tanzpersönlichkeiten, sondern auch von Komponisten, deren Werke in Tanz umgesetzt wurden. Denn, so meinte Neumeier in seinen einführenden Worten, „jede Choreografie ist im besten Sinne ein Portrait des Komponisten“.

Als Ouvertüre präsentierte das Bundesjugendballett einen kleinen Einblick in das choreografische Profil des Hausherrn: die Bach-Suite 3, von Neumeier 1981 geschaffen, damals noch mit der Perspektive, aus dem Operettenhaus auf St. Pauli ein Haus des Tanzes zu machen – ein Traum, der bekanntlich nicht in Erfüllung ging. Den noch sehr jungen Tänzerinnen und Tänzern gelang das anspruchsvolle Werk respektabel, allen voran Giorgia Giani und Pascal Schmidt, die das schwierige „Air“ zu meistern hatten. Beide werden künftig als Gruppentänzer beim Hamburg Ballett tanzen. Mit dem Schluss-Pas de deux „Aloisia“ aus Neumeiers „Fenster zu Mozart“ folgte das Portrait eines großen Komponisten, von Anna Laudere und Edvin Revazov leider viel zu lustlos und farblos getanzt – da blieb das Fenster zu Wolfgang Amadeus und seiner Seele leider geschlossen. Dem großen Choreografen August Bournonville erwies Neumeier mit dem „Blumenfest in Genzano“ seine Reverenz – Madoka Sugai und Christopher Evans zeichneten es makellos und mit traumwandlerisch-tänzerischer Sicherheit. Ein Fest fürs Auge!

Ein Pas de deux aus dem Ballett „Mata Hari“ des Niederländers Ted Brandsen warf einen Blick auf eine rätselhafte exotische Tänzerin und mutmaßliche Spionin. Anna Tsygankova und Matthew Golden vom Niederländischen Nationalballett erlaubten hier einen berührenden Einblick in das empfindsame Seelenleben dieser Frau. Nicht fehlen durften in diesem Zusammenhang von Theaterportraits natürlich auch zwei große Persönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts: Eleonora Duse und Isadora Duncan. Alessandra Ferri und Karen Azatyan (der an diesem Abend zum Ersten Solisten befördert wurde) zeigten die ebenso leidenschaftliche wie zerstörerische Liebe zwischen der Duse und dem Dichter Gabriele d’Annunzio. Und Tamara Rojo, Erste Solistin und künstlerische Leiterin des English National Ballet, entwarf eine kraftvoll-dynamische, aber auch gleichzeitig verletzliche Skizze der großen Isadora zu fünf Walzern von Johannes Brahms, einfühlsam begleitet von Michal Bialk am Klavier.

Der einzige Fehlgriff des Abends bestand in dem „Sterbenden Schwan“, mit dem Neumeier sich wohl vor der großen Tänzerin Anna Pawlowa verbeugen wollte, für die Michel Fokine dieses kurze Solo 1906 kreiert hatte. Anna Laudere versuchte sich in der Interpretation dieses berühmten Werkes, was ihr allerdings nicht wirklich gelang – auch aufgrund einer heute eben doch etwas verstaubt anmutenden Choreografie. Umso schmissiger danach das Portrait von George Gershwin aus „Shall wie Dance?“, von Neumeier 1981 für die Kampnagel-Fabrik choreografiert und seither nie wieder im Ganzen gezeigt. Diese Variationen aus „I got Rhythm“ jedoch sind immer wieder sehenswert – von Silvia Azzoni und Alexandre Riabko und dem gesamten Ensemble in Frack und Zylinder wunderbar schmissig und tanzfreudig auf die Bühne gebracht.

Der gesamte zweite Teil der Gala war dann Leonard Bernstein gewidmet, zu dessen Ehren John Neumeier 1998 ein abendfüllendes Ballett geschaffen hat: „Bernstein Dances“. Anlässlich des 100. Geburtstages des großen Dirigenten und Komponisten im Jahr 2018 wird das Werk in der Spielzeit 2017/18 wieder auf dem Spielplan stehen. Die neun Ausschnitte, die im Rahmen der Gala präsentiert wurden, zeichneten ein sehr treffendes Profil dieses großen Künstlers, und sowohl das Ensemble wie auch die Solisten liefen hier zu Höchstform auf, allen voran Lloyd Riggins und Sascha Trusch. Das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Simon Hewett begleitete souverän durch den Abend. Nur die Bernstein-Passagen kamen vom Band - mit einer Einspielung des Komponisten selbst.

Teil drei des Abends begann mit einer Referenz an die große Tänzerin Violette Verdy, die im Februar 2016 gestorben ist. Für sie und ihren Tanzpartner Jean-Pierre Bonnefous hatte John Neumeier 1973 „Désir“ choreografiert; verletzungsbedingt haben die beiden das Stück aber nie selbst getanzt. Silvia Azzoni und Carsten Jung zeigten jetzt einen Ausschnitt aus diesem großartigen Pas de deux, und Silvia Azzoni gestaltete ihren Part so einfühlsam, dass man den Eindruck hatte, Violette Verdy persönlich stünde auf der Bühne – einer der berührendsten Momente des ganzen Abends. Gefolgt von einem Kontrast, wie er drastischer nicht hätte sein können: der berühmte Grand Pas de deux aus „Le Corsaire“, eine Verbeugung vor Marius Petipa, von Alina Cojocaru und Herman Cornejo (American Ballet Theatre) zwar recht sauber, aber doch nicht mit dem allerletzten Glanz zelebriert.

Als Doppelporträt eines Komponisten (Tschaikowsky) und Königs (Ludwig II.) hatte John Neumeier 1976 „Illusionen – wie Schwanensee“ angelegt. Carolina Aguero und Ivan Urban zeigten den ersten Pas de deux zwischen der von Neumeier neu erfundenen Prinzessin Natalia und dem ihr als Verlobten zugedachten König. Ivan Urban meisterte diese schwierige Charakterskizze des Königs bravourös – wie er auch schon im Rahmen der Ballett-Tage ein weiteres Mal als sadistischer Fiesling Jago in „Othello“ geglänzt hatte. Er wird im Hamburg Ballett künftig als Sonderdarsteller und Ballettmeisterassistent wirken. Carolina Aguero stattete den Part der Natalia mit der nötigen sehnsüchtigen Unsicherheit aus, die diese Frauengestalt ausmachen. Zur Abwechslung gab es dann mal zwei Choreografien aus anderer Hand: Victoria Jaiani und Temur Suluashvili vom Joffrey Ballet aus Chicago zeigten einen Pas de deux aus „Bells“ von Yuri Possakhov, ein offenbar schwieriges Miteinander – technisch brillant dargeboten. Gefolgt von „Entwine“, einem Pas de deux von Russell Maliphant, den Alessandra Ferri und Herman Cornejo im Halbdunkel der Bühne als ebenso eindrückliches wie wundersames Umeinanderkreisen tanzten. Nicht fehlen durfte dann noch das Porträt einer großen Seele: Vaslav Nijinsky. Das grandiose Neumeier-Ballett über diese zerrissene Tänzerpersönlichkeit aus dem Jahr 2000 steht ab September 2016 wieder auf dem Spielplan. Alexandre Riabko in der Titelpartie überzeugte in einem Ausschnitt aus diesem Werk wie immer mit fulminanter Technik und intensiver Darstellungskraft, Hélène Bouchet hatte den schwierigen Part der Romola übernommen, dem Anna Polikarpova ein prägendes Profil gegeben hat, und wurde dieser Aufgabe aufs Feinste gerecht. Patrizia Friza war eine beeindruckende Bronislawa Nijinska, und Aleix Martínez ein berührender Stanislaw Nijinsky.

Zum Abschluss wurde es dann aber doch wieder heiter: mit dem Finale aus „Vivaldi oder Was ihr wollt“ – und das gesamte Ensemble verabschiedete sich, mit roten Pappnasen bestückt, in die wohlverdiente Sommerpause, ausgiebig umjubelt vom begeisterten Publikum.

Personell gibt es beim Hamburg Ballett einige Veränderungen: Die Tänzerin Xue Lin wurde zur Solistin befördert, Marc Jubete zum Solisten. Insgesamt acht Gruppentänzer verlassen das Ensemble, darunter Luca Andrea Tessarini (zum Nederlands Dans Theater), Sasha Riva (zum Ballet du Grand Théâtre de Genève), Braulio Alvarez (zum Tokio Ballet), Lennart Radtke (zu den Ballets de Monte-Carlo) sowie Futaba Ishizaki, Ekaterina Mamrenko, Dale Rhodes und Emanuel Amuchástegui. Es gab allerdings kaum Schwierigkeiten, die frei werdenden Plätze zu füllen: Die bisherigen vier Aspiranten dieser Saison erhalten einen Vertrag als Gruppentänzer, drei Gruppentänzer wurden von außerhalb engagiert, sechs neue Aspiranten bereichern nun das Ensemble zusätzlich. Man darf gespannt sein auf die nächste Spielzeit!

Veröffentlicht am 19.07.2016, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2015/2016

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