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Heidelberg

VON EINSAMKEIT UND GEMEINSAMKEIT

„Unframed # 3“ – Choreografien von und mit Nanine Linnings Kompanie in Heidelberg



Ein lohnender Versuch aus der üblichen Häppchenkost eine logische Speisefolge zu entwickeln.


  • "Between Body and Soul" von Brecht Bovijn; Emma Välimäki, Paolo Amerio Foto © Annemone Taake
  • "Children of Vanilla" von Lorenzo Ponteprimo; Thomas Walschot, Brecht Bovijn, Sebastian Piotrowicz, Abel Hernández González Foto © Annemone Taake
  • "For the Deaf" von Thomas Walschot; Emma Välimäki, Lorenzo Ponteprimo Foto © Annemone Taake
  • "Prevalence" von Karen Brinkman; Demi-Carlin Aarts, Kyle Patrick Foto © Annemone Taake
  • "Rebirth" von Abel Hernández Gonzáles; Sebastian Piotrowicz, Karen Brinkman, Thomas Walschot Foto © Annemone Taake
  • "One" von Demi-Carlin Aarts; Karen Brinkman, Kyle Patrick Foto © Annemone Taake
  • "Chopp'd Up Chapters" von Endre Schumicky; Dance Company Nanine Linning / Theater Heidelberg Foto © Annemone Taake

Jede Tanzkompanie, die etwas auf sich hält, bietet den TänzerInnen die Gelegenheit, auch choreografisch tätig zu werden. In aller Regel sind diese Abende als Schnipsel-Programm konzipiert: Jeder Mitwirkende kann erarbeiten, was er will - Hauptsache, Kostüme und Musik kosten nix. Die propagierte künstlerische Freiheit ist auch in Heidelberg Programm, wo Tanzchefin Nanine Linning ihren TänzerInnen unter dem Stichwort „Unframed“ zum dritten Mal eine choreografische Spielwiese geboten hat. In diesem Jahr gab es freilich doch einen Rahmen – der die künstlerische Freiheit allein auf das (Er)finden von Bewegungen verlagerte. Denn der Abend hat ein durchgängiges Thema: „Kontakt“.

Der neue Tanzabend wurde als durchgehende Choreografie aus sieben verschiedenen Handschriften konzipiert, mit fließenden Übergängen und einem tragenden elektronischen Sound. Der selbst als Tänzer erfahrene Ungar Adam Ster steuerte eine stimmige Auftragskomposition bei, die mit dafür sorgte, dass der Abend nicht wie üblich in individuelle Stückchen zerfiel. Auch der äußere Rahmen war eng gesteckt: Zum ersten Mal musste die sowieso schon beengte Probebühne der Tanzkompanie als Veranstaltungsort herhalten - und bot einen betont intimen Rahmen. Es ist schon eine Herausforderung, bis zu zehn Tänzer auf so kleinem Raum agieren zu lassen, aber beim Thema Kontakt gehört die Enge sozusagen sinnvoll zum Programm.

Die sieben beteiligten ChoreografInnen (Lorenzo Ponteprimo, Thomas Walschot, Brecht Bovijn, Karen Brinkmann, Abel Hernández González, Demi-Carlin Aarts und Endre Chumicky) umkreisten beim Thema „Kontakt“ zwangsläufig die Entstehung von Gefühlen, die von der durchaus unterschiedlichen Resonanz des jeweiligen Gegenübers gespeist werden. Dabei waren die dankbarsten Themen für neue, originelle Bewegungsfindungen eindeutig die Fragen nach der evolutionären Entstehung von Empathie und der Herausforderung des Gegenübers zum Zuhören und Mitmachen. Hier kam besonders die intensive Bühnenpräsenz der finnischen Tänzerin Emma Välimäki zum Einsatz, die zu den wenigen, aber prägnanten Damen in Nanine Linnings ‚männerlastigem’ Ensemble gehört. Als verspieltes Kind oder unschuldiges Tier forderte sie erfolgreich Reaktionen des Publikums ein – eine hübsche Lektion in Sachen Spiegelneuronen.

Spannend konzipiert war auch der Versuch, den evolutionären Prozess der Entstehung einer Gruppe am Beispiel von vier Tänzern sichtbar zu machen: Anfangs taumelte jeder Einzelne in seinem spezifischen Bewegungsmuster auf der Bühne herum, voll gefordert von der Aufgabe, den aufrechten Gang zu entwickeln. Da kamen Krabbeln und Vierfüßlerstand, Watscheln und Elefantengang ebenso vor wie später Anspielungen an Volkstänze und beinahe zufällige Berührungen. Wie aus dem unvermittelten Nebeneinander ein kurzes Miteinander werden kann, wie synchrone und gespiegelte Bewegungen ganz allmählich die Gruppe eine gemeinsame Struktur finden lassen – das war großes Bewegungskino.

Auch viel großes Kino, aber zu bewährteren Themen gab es beim Rest des Abends, wo es – natürlich – um die Liebe ging, die Eifersucht, die soziale Isolation, Selbstfindung, Einsamkeit und Teilhabe an der gegenwärtigen Welt. Ein durchgängiger Abend war’s natürlich nicht, aber ein lohnender Versuch, aus der üblichen Häppchenkost eine logische Speisefolge zu entwickeln, durchaus mit Zustimmung des Publikums.

Veröffentlicht am 11.07.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Von Einsamkeit und Gemeinsamkeit"



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